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KDE-Initiator Matthias Ettrich, Nokia

09.10.2009

Der 1972 in Baden-Württemberg geborene Matthias Ettrich war Zeit seines Berufslebens Qt-Entwickler, "von der sieben-Mann-Hackerfirma bis hin zum internationalen Unternehmen an der Osloer Börse". In dem Berliner Büro der heute zu Nokia gehörenden Qt Development Frameworks leitet der Diplom-Informatiker derzeit fünf Teams mit insgesamt 24 Entwicklern. Bekannt ist Ettrich dadurch, dass er 1996 die Idee zum K-Desktop-Environment hatte und weiterverfolgte.

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Herr Ettrich, Sie sind seit rund fünf Jahren Chefentwickler bei Qt Development Frameworks, ehemals Trolltech. Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus?

Matthias Ettrich: Den Posten als Chefentwickler, damals "VP Engineering", habe ich Anfang 2007 an meinen langjährigen KDE-Mitstreiter und Kollegen Lars Knoll abgegeben. Für diesen Job muss man einfach in der Zentrale in Oslo anwesend sein. Nach vielen Jahren mit gesteigerter Besprechungstätigkeit wuchs in mir doch stark der Wunsch, mich etwas mehr auf das Wesentliche bei der Softwareentwicklung zu konzentrieren: die direkte Arbeit mit Entwicklern und Code. Meine derzeitige Rolle ist die eines "Heads", das heißt ich leite unser Entwicklungsbüro in Berlin. Wir sind ein hundertprozentiges Hackerbüro mit bald 30 Software-Entwicklern, auch wenn manche mehr im Bereich Produkt- beziehungsweise Programm-Management arbeiten. Mein typischer Arbeitstag ist also nicht viel anders als der eines x-beliebigen Programmierers. Vielleicht ein paar mehr Besprechungen und Video-Konferenzen, aber das ist bei Qt Development Frameworks nichts Ungewöhnliches.

Vergeben Sie bitte zwei Preise an Sachen, die Ihnen an diesem Job gefallen und die Sie überhaupt nicht mögen.

Matthias Ettrich: Ich fange mit dem Guten an. Der erste Preis geht hier an unseren Entwicklungsprozess, den wir seit Jahren erfolgreich an unsere wachsende Organisation anpassen, ohne dabei das Wesentliche aus den Augen zu verlieren: den Programmierer und den Kunden. Wir unterscheiden nicht groß zwischen Architekten, Senioren, gewöhnlichen Implementierern und Bug-Fixern. Bei uns haben Entwickler direkten Kontakt mit den Benutzern und wirken auch daran mit, die Qualität zu sichern und automatische Tests und Dokumentation zu schreiben. Ein zweiter Preis geht daran, dass alles, was wir machen, Open Source ist - und dass wir uns mit äußerst interessanten Themen beschäftigen dürfen.

An meinem Job gibt es eigentlich nichts, was ich überhaupt nicht mag. Das sind eher die Dinge, die eigentlich nichts mit dem Job zu tun haben, die man aber trotzdem machen muss. Ein großes, globales Unternehmen wie Nokia stellt natürlich andere Anforderungen an Prozesse als wir es von der doch kleinen Firma Trolltech gewöhnt waren. Der eine oder andere kennt sicher den Effekt, dass Software-Entwickler von allen möglichen Leuten gerne nach spezifischen Problemen mit kommerzieller Software gefragt werden. Und wenn man bei Nokia arbeitet, wird man automatisch nach Mobiltelefonen gefragt. Da es einfacher ist, sich das anzulesen, als immer zu erklären, warum man davon keine Ahnung hat, werden wir langsam alle zu Handy-Experten.

Gab es in den letzten sechs Monaten vielleicht ein größeres Problem, das zu bewältigen war?

Matthias Ettrich: Wie vielleicht bekannt ist, haben wir in Berlin unsere neue IDE entwickelt, den Qt Creator. Entstanden ist Qt Creator aus dem Bedürfnis heraus, endlich eine vernünftige Entwicklungsumgebung zu haben, die die Vorteile von Texteditor und klassischer IDE verbindet. Also die Skalierbarkeit und das elegante UI eines mächtigen Texteditors mit der Möglichkeit, auf Symbol-Ebene mit Code zu arbeiten - eine Voraussetzung bei richtig großen Projekten. Das Hauptproblem war und ist, Benutzer und Geldgeber davon zu überzeugen, dass das ganze a) sinnvoll und b) mit einem kleinen Team überhaupt zu leisten ist. Die typischen Reaktionen in- und außerhalb der Firma lagen irgendwo zwischen "braucht man nicht", "dafür gibt es doch schon Eclipse" und "das könnt ihr eh nicht". Mittlerweile ist das ausgestanden. Qt Creator hat die Unterstützung durch Qt Development Frameworks und zeigt Wachstumsraten in den Download-Zahlen, dass einem Angst und Bange werden kann.

The Trolltech Way

Wenn Sie sich mal Ihre Ausbildung und jetzigen Tätigkeiten vor Augen führen, was braucht es - außer Programmierkenntnissen - um Qt voran zu bringen? Wo lernt man das?


Matthias Ettrich: Das erste Entwicklungsteam an Qt bestand aus sehr guten Programmierern, die allesamt einen großen Vorteil hatten: Sie hatten von klassischem Projektmanagement keine Ahnung und kamen deshalb auch nicht in die Versuchung, es anzuwenden. Stattdessen ließen sie sich von Büchern wie "The Design of Everyday Things" und "Peopleware" inspirieren. Diese Firmenkultur haben wir in den Jahren danach aktiv ausgebaut und weiterentwickelt, wobei automatische Tests eine immer größere Rolle spielten. Ein zweiter wichtiger Faktor ist die gute alte "Eating one's own dog food"-Regel, von manchen fälschlicherweise als "Not invented here"-Syndrom diskreditiert. Wir – also viele der Qt Entwickler - haben Qt stets auch selbst benutzt und die daraus gewonnenen Erfahrungen in das Produkt einfließen lassen. Ich schätze mal, dass gut die Hälfte der Verbesserungen und Erweiterung in Qt ihren Ursprung im eigenen Team haben. Natürlich ist es sehr erfüllend, Kunden zufrieden zu stellen, aber wenn man etwas auch für sich selbst macht, strengt man sich doch noch ein kleines bisschen extra an.

Vor rund einem Jahr wechselte Ihr Arbeitgeber, als Nokia Trolltech kaufte. Was ist jetzt anders?


Matthias Ettrich: Die sichtbarste Änderungen von außen ist, dass wir offener sind als je zuvor. Dank der LGPL kann jetzt jeder Qt ohne kommerzielle Lizenz benutzen. Unsere Entwicklung haben wir weitgehend auf offene Repositories verlagert, ein Prozess, der noch nicht beendet ist. Für unsere tägliche Arbeit hat sich nicht soviel geändert, da wir in Form der Qt Development Frameworks in Nokia weiterbestehen. Natürlich arbeiten wir viel mit anderen Nokianern zusammen. Das wäre aber auch passiert, wenn Trolltech Nokia als Kunden gewonnen hätte.

Wie sah denn eigentlich Ihr allererster Kontakt mit Linux und Open Source aus?


Matthias Ettrich: Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wilhelm-Schickard-Institut in Tübingen hatte ein großes weißes Blatt Papier mit dem Wort "Linux" bedruckt und an seine Bürotüre geklebt. Irgendwie machte das Eindruck auf mich. Wenn da nichts dran wäre, warum beklebt sich einer seine Bürotüre damit? Ich habe dann mit einem Kommilitonen 60 der billigsten Disketten gekauft, die wir kriegen konnten, und die Slackware heruntergeladen. Der aktuelle Kernel damals war 1.0.8, glaube ich [also vom April 1994, Anm. d. Red.]. Einen Tag später lief dann etwas auf meinem PC im Studentenwohnheim, wenn auch äußerst instabil und ziemlich kaputt. Ich hielt Linux für ziemlich unausgereift, bis mir klar wurde, dass ungefähr die Hälfte der Disketten defekt war und die damalige Installationsroutine von Slackware es nicht für nötig hielt, das Installationsmedium zu prüfen. Trotzdem ließen sich C-Programme übersetzen und auch ausführen. Mit einem komplett freien System! Ich war ziemlich begeistert. Wenig später erwarb ich dann ein sündhaft teures CD-Rom-Laufwerk und kaufte Suse-CDs im Buchhandel. Dank der regelmäßigen Mirrors der wichtigsten FTP-Sites wie Sunsite konnte man auch ohne Internet auskommen. Für E-Mail und IRC ging man halt an die Uni, in der Regel hatte man da ein original VT100-Terminal.

Und dann kam KDE

Und 1996 kam KDE. Mit 13 Jahren gesammelter Weisheit: Was würden Sie genauso, was anders machen?


Matthias Ettrich: Richtig war die Wahl der Technologie, die Offenheit des Projektes und die jährlichen Entwicklertreffen. Im Nachhinein finde ich sehr schade, dass wir die Zielgruppe nicht rechtzeitig klarer festgelegt haben. Hier gab es sicherlich einen versteckten Dissens. Die ersten KDE-Entwickler hatten einen klaren Fokus auf Endanwender. Dieser wurde später von der Entwicklergemeinschaft und den frühen Anwendern in Richtung Linuxexperten verschoben - erst langsam und schrittweise, dann immer schneller, und schließlich wurde es Teil des Projektes. Denn oft gilt, "wer macht hat Recht." Ziel war es jedoch nie, den Linux-Anwendern einen ultra-konfigurierbaren Desktop mit Tausenden von Optionen zu geben, um damit jeden noch so verquasteten Workflow zu unterstützen. Ziel war es vielmehr, Linux neue Anwenderschichten aus der Mitte der Gesellschaft zu erschließen. Im Grunde ist der Mac mit Mac OS X das geworden, was Linux mit KDE hätte sein können: Das bessere System.

Hauptproblem war sicherlich, dass die Organisation über KDE e.V. zu spät kam, und was dann schließlich kam, war leider zu wenig. KDE als Projekt hatte nie die Kraft, einen eigenen Desktop zu erstellen, stattdessen haben wir uns zu sehr auf Distributoren verlassen. Das war oberflächlich gut fürs Projekt, schließlich waren keine harten Entscheidungen zu treffen und alle konnten weiter Freunde sein, aber unter der Oberfläche hat es gewaltigen Schaden angerichtet. Das KHTML-Debakel ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Ist KDE in Ihren Augen heute flügge, oder haben Sie immer noch eine bestimmte Vision?


Matthias Ettrich: KDE ist definitiv flügge. Leute wie Aaron Seigo haben großen Anteil daran, dem Projekt wieder eine Richtung zu geben. Was da technologisch in den letzten Jahren passiert ist, ist schwer beeindruckend. Noch wichtiger als KDE aber ist der freie Desktop an sich, also in erster Linie die Zusammenarbeit mit Gnome. Nicht jedes Programm unter KDE muss mit Qt geschrieben sein, wenn ein GTK-Utility besser funktioniert, nehme ich lieber das als ein schlechteres von KDE. Da ist mir manches zu ideologisch und man verliert das große Ganze aus den Augen: den Endanwender, der mit einem wirklich freien - und besseren - System arbeiteten will und keinerlei Verständnis für ideologische Grabenkämpfe hat. Umgekehrt gilt das übrigens genauso. Eine KDE-Anwendung kann hervorragend und fast komplett integriert in Gnome funktionieren. Betonung liegt auf "kann", denn per default tut sie das eben leider nicht. Das ist doch Wahnsinn, die Linux-Plattform ohne Grund bis zu den Anwendungen hinauf aufzusplitten. Jetzt, da Qt und GTK zu 100 Prozent lizenzkompatibel sind, hoffe ich doch, dass sich da Einiges zum Besseren wenden kann.

Thema quelloffen: Würden Sie sich als Überzeugungstäter einstufen, oder sind Sie quelloffener Programmierung eher aus pragmatisch-technischen Gründen zugeneigt?


Matthias Ettrich: Zumindest bei Software, die allgemeine Grundbedürfnisse erfüllt, sehe ich mich schon als Überzeugungstäter. Ein Closed-Source-Webbrowser, ein verschlossenes Office oder E-Mail-Programm ist ein Unding. Gleiches gilt für Server und Software-Entwicklungsplattformen. Leider reicht offener Code nicht aus, wir brauchen auch offene Protokolle und Standards. Mit den meisten der sehr spezialisierten Anwendungen, die unsere Kunden entwickeln, habe ich persönlich kein Problem. Da sehe ich eher den Markt in der Pflicht. Wenn ein Unternehmen es aus unternehmerischer Sicht für richtig hält, sich für eine geschlossene Lösung zu entscheiden, ist das deren Sache und ich kann nur annehmen, dass es für dieses Unternehmen die richtige Entscheidung ist.

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