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Greg Kroah-Hartman, Novell

24.07.2009

Der in Portland, Oregon lebende Greg Kroah-Hartman begegnete Linux beim Jobben nach dem College um das Jahr 1992 herum, als die Kernel-Version noch auf die 1 zukroch. Er schrieb Firmware für USB-Geräte, als er auf den USB-Kernelcode stieß, und begann, ihn verbessern zu helfen. Das hardwarenahe Level der Treiber-Entwicklung mochte der Informatiker schon immer. Irgendwann merkte er, dass Arbeitgeber Linux-Entwickler suchten, und nahm sein Open-Source-Engagement in den Lebenslauf auf. 2004 trat er in Novells Dienste. Hier leitet er seit dem Herbst 2007 das Linux-Treiber-Projekt: ein neuer Staging-Baum, in den möglichst früh möglichst viele Treiber wandern, die Kroah-Hartman zu gegebener Zeit an Linus Torvalds für den Kernel-Baum weitergibt.

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Herr Kroah-Hartman, nach vier Jahren als Kernelentwickler für Novell: drei Dinge, die Sie besonders oder gar nicht schätzen an Ihrem Job?

Greg Kroah-Hartman: Besonders mag ich die Chance, mit einer wunderbaren Truppe von Entwicklern zusammenzuarbeiten, von denen jeder eine harausragende Persönlichkeit der Kernel-Community ist. Mein Chef zum Beispiel, Vojtech Pavlik, war derjenige, der vor über zehn Jahren auf der Kernel-Mailingliste meine ersten Fragen beantwortete. Dann liebe ich die Freiheit, zu Linux beizusteuern, egal ob direkt mittels Programmcode oder indirekt mit dem Linux-Treiber-Projekt. Als drittes nenne ich die Möglichkeit, nach einem sehr flexiblen Zeitplan zu Hause zu arbeiten. Das ist ein Segen - allerdings auch ein Fluch. Als Negatives würde ich darum ebenfalls die Möglichkeit bezeichnen, nach einem sehr flexiblen Zeitplan zu Hause zu arbeiten.

Warum ist das ein Fluch?

Greg Kroah-Hartman: Die ganze Zeit allein zu sein, ist sowohl was Gutes als auch was Schlechtes. Gut ist, dass ich mir alles selbst einteilen kann und eine menge zu Wege bringe. Schlecht ist, dass man nicht soviel mit den Kollegen zu tun hat, als wenn man mit ihnen im Büro säße. Mit ein paar Kollegen von Suse Labs, die auch in Portland arbeiten, versuche ich mich alle paar Monate mal zum essen zu treffen, um so etwas ähnliches wie zwischenmenschlichen Kontakt herzustellen.

Wie sieht ein typischer Tag von Ihnen aus?

Greg Kroah-Hartman: ich wache auf, frühstücke und stolpere runter in mein Kellerbüro. Wenn für den Tag Telefonkonferenzen angekündigt sind, finden sie jetzt statt, also am Morgen - glücklicherweise. Dann kommen die firmeninternen E-Mails dran. Ich sortiere alle Bugzilla-Einreichungen aus, um die kümmere ich mich später im Browser. Ich sortiere eingereichte Patches aus der Community ein, um sie später einzuarbeiten, und versuche den Rest der Inbox möglichst zu leeren. Als nächstes sortiere ich die Bugzilla-Einträge im Browser. Als nächstes synchronisiere ich meinen Kernelbaum mit den Patches von Linus, wenn es welche gibt, aktualisiere meine Patch-Queues und schiebe sie weiter, damit sie am nächsten Tag in "linux-next" landen. Jetzt ist normalerweise Zeit zum Mittagessen. Der Nachmittag beginnt damit, Bugs zu fixen und einfache Patches in meine Kernel-Trees einzuarbeiten. Dann versuche ich, ein bisschen Zeit fürs Programmieren abzuknappsen - das gelingt nicht immer. Irgendwann jetzt erinnere ich mich, dass meine Patch-Warteschlange schon wieder zu groß ist, und arbeite wieder Patches ein. Falls es Ende der Woche ist, schaue ich, ob ich Git-Zweige für Linus zusammenbauen kann. Am Ende beantworte ich übergebliebene Post.

Das ist alles ziemlich langweilig, fällt mir auf, wenn ich es so niederschreibe. Ein einfachere Version wäre: E-Mails lesen, E-Mails beantworten, die Patches anderer Leute nicht vergessen, und von vorn.

Bitte verraten Sie uns eine Herausforderung der jüngeren Zeit, mit der Sie zu tun hatten.

Greg Kroah-Hartman: Hm, was Ernstes fällt mir da gar nicht ein. Dem Linux-Kernel geht es ziemlich gut, und neben den normalen - ziemlich vielen - Bugs und neuen Treibern gibt es eigentlich keine Probleme.

Wenn Sie sich mal Ihre Ausbildung und Ihre Tätigkeiten vor Augen führen: Was braucht es, um als Linuxtreiber-Entwickler erfolgreich zu sein? Nützt da die Uni?

Greg Kroah-Hartman: Nein, sowas wie Linux gab es noch gar nicht, als ich an der Uni war. Auf dem College hatte ich mal ein Betriebssysteme-Seminar, das handelte von Minix. Wir mussten C lernen und als erste Aufgabe einen Treiber für Diskettenlaufwerke schreiben. Das war brutal. Nach der Uni arbeitete ich als Embedded-Programmierer und schrieb ein paar Jahre lang Firmware für verschiedene Geräte. Als Teil meiner Arbeit testete ich die Geräte und meine Firmware, indem ich sie sie mit allen möglichen Betriebssystemen verband. Als ich mal eine USB-Firmware schrieb, sah ich, das der Linux-USB-Code noch ziemlich einfach war, und dass ich da aushelfen kann. Von da an stellte sich irgendwann heraus, dass Unternehmen nach Linux-Entwicklern suchten. Also nahm ich das in den Lebenslauf auf.

Wie sah Ihr allererster Kontakt mit Linux und Open Source aus?

Greg Kroah-Hartman: Ich benutzte Linux ungefähr seit den 0.96-Tagen [um 1992, Anm.d.Red.] und installierte Caldera auf einem Unternehmensrechner, den wir im Auftrag aufstellten und auf dem Oracle laufen sollte. Später nahm ich es dann wie gesagt als Test-Betriebssystem.

Und wie kamen Sie zur Treiberentwicklung?

Greg Kroah-Hartman: Es passte einfach zu dem, was ich da gerade tat, nämlich Geräte mit Betriebssystemen zusammen bringen. Ich mochte es schon immer, auf diesem Level zu arbeiten, und die Treiberentwicklung fügte sich nahtlos daran.

Sind Sie eigentlich ideell vom Open-Source-Modell überzeugt, oder betrachten Sie es eher aus technischer Perspektive?

Greg Kroah-Hartman: Ich finde, das schließt sich nicht aus. Es stellt sich immer wieder heraus, dass mittels quelloffener Software die bessere technische Lösung entsteht, viel besser als beim geschlossenen Modell. Der Linux-Kernel ist der Beweis - er unterstützt mehr unterschiedliche Hardware, mehr unterschiedliche Prozessoren und skaliert besser als jedes andere Betriebssystem. Aber hey, vielleicht haben wir auch einfach Glück gehabt!

Was sagen Sie Firmen, die befürchten, mit der Öffnung ihrer Software die Kontrolle über das Geschäft zu verlieren?

Greg Kroah-Hartman: Ich arbeite vor allem mit Hardware-Herstellern. Sie verdienen Geld mit dem Verkauf von Geräten, nicht von Treibern oder Software. Es ist normalerweise einfach, sie davon zu überzeugen, dass sie nur mit quelloffenen Treibern mehr Geräte verkaufen.

Sie haben einen Wunsch frei. Sie dürfen von einer beliebigen Firma den proprietären Code bekommen. Welchen würden Sie nehmen?

Greg Kroah-Hartman: Es gibt eine Menge älterer Hardware, für die die Leute Linux-Treiber gut gebrauchen könnten. Den alten Treiber-Code hätte ich gern, um da auszuhelfen. Normalerweise gibt es die Herstellerfirmen schon lange nicht mehr, aber ihre Hardware gibt es weiterhin. Also würde ich mir einfach die alten Treiberprogramme aller Unternehmen wünschen, die es nicht mehr gibt.

Sie haben noch einen Wunsch frei: Sie dürfen sich einen neuen Entwickler aussuchen, Geld spielt keine Rolle. Wie überzeugen Sie ihn von Novell, beziehungsweise den Suse Labs?

Greg Kroah-Hartman: Bei Suse Labs sind wir diejenigen, die als allererste mit den verschiedenen Open-Source-Communities zusammenarbeiten, vom Kernel, von der GCC, von Samba, der Glibc und so weiter. erst als zweites kommen die anderen Novell-Abteilungen dran. Wir erheben es zur Voraussetzung, dass wir innerhalb der Community arbeiten. Das macht es normalerweise einfach jemanden davon zu überzeugen, bei uns arbeiten zu wollen.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Greg Kroah-Hartman: Immer noch Linuxtreiber schreibend, der neuen Geräte und Busse ist kein Ende. Ich will dafür sorgen, dass Linux mit allem funktioniert.

Als letzte Frage, auch wenn Novell derzeit niemanden einstellt: Welche Eigenschaften sollte ein Bewerber mitbringen?

Greg Kroah-Hartman: Man muss den Community-Aspekt von Projekten wie dem Kernel oder der GCC verstehen und ein Teil der Community sein, um für unsere Abteilung in Frage zu kommen.

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