Open Source im professionellen Einsatz

Newsletter abonnieren
Seite durchsuchen

HEFTARCHIV | NEWS | E-BIBLIOTHEK | VIDEO | BLOGS | WHITEPAPER | EVENTS | ACADEMY | ABO | SHOP

user friendly

  Home  »  Online Artikel  »  LIP Lounge: Chris Schläger, AMD  

RSS-Feed der aktuellen News von Linux-Magazin Online Folgen Sie Linux-Magazin Online auf Twitter
Diesen Artikel druckenDiesen Artikel weiterempfehlen Diesen Artikel kommentieren Newsletter abonnieren
Share/Bookmark

LIP Lounge

Chris Schläger, Linux-Entwicklerchef bei AMD

von Anika Kehrer
 

Der Elektrotechniker leitet seit 2006 das Operating System Research Center (OSRC) von AMD und baute hier die Linux-Abteilung auf. Heute arbeiten 25 Linuxentwickler in seinem Team. Davor war er sechs Jahre lang Entwicklungsleiter bei Suse. In unserer virtuellen Lounge für "Linux Important Persons", kurz LIP Lounge, gibt er Auskunft über seinen Job, AMDs Open-Source-Beiträge und wie man seiner Meinung nach ein Open-Source-Geschäft aufziehen kann.

Linux-Magazin Online: Herr Schläger, nach drei Jahren als Leiter des AMD-Forschungszentrums für Betriebssysteme: Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus und was gefällt Ihnen besonders an dem Job?

Chris Schläger: Einen typischen Tag gibt es nicht, und das schätze ich sehr an dem Job. Die Leitung des OSRC und seit kurzem auch des AMD-Standorts Dresden ist sehr vielseitig. Neben den fachlichen Themen fallen Personal- und Stategiefragen und die Standortverwaltung an. Zum Beispiel würde ich morgens eine Besprechung zur Senkung des Stromverbrauchs am Standort haben, danach ein Diskussion über die Kampagne zur Anwerbung von Praktikanten und am Nachmittag einen Gedankenaustausch über die Beschleunigung von virtualisierten Betriebsystemen. Zum Abend hin laufen meist die Telefon- oder Videokonferenzen mit den Kollegen in USA.

Linux-Magazin Online: Bitte verraten Sie uns eine Herausforderung der jüngeren Zeit, mit der Sie zu tun hatten.

Chris Schläger: Die größte Herausforderung der letzten Monate war sicherlich die Umsetzung von AMDs "Asset Smart"-Strategie, also der Auslagerung der Prozessorchipfertigung in eine eigene Firma. Der in Dresden angesiedelte Teil des OSRC war auf dem Gelände der dortigen Chipfabriken untergebracht. Durch die Trennung mussten wir einen neuen Standort finden. Nach knapp drei Monaten Bauzeit haben wir gerade ein schickes, neues Büro mit Elbblick bezogen.

Linux-Magazin Online: Wenn Sie sich mal Ihre Ausbildung und Ihre Tätigkeiten vor Augen führen: Was braucht es, um als Forscher für Open-Source-Betriebssysteme bei AMD erfolgreich zu sein?

Chris Schläger: Leider gibt es noch keinen Studiengang, der Studenten gezielt zu diesem Tätigkeitsfeld hinführt. Wir bewegen uns mit unserer Forschung in der Grenzregion von Soft- und Hardwareentwicklung. Idealerweise kennt man also eine Hardwarebeschreibungssprache wie Verilog, x86 Assembler, C und C++. Außerdem sollte man moderne CPU-Architekturen, Betriebssysteme und Hypervisor kennen. Kandidaten, die dies alles mitbringen, sind leider selten. Daher brauchen neue Mitarbeiter ein bis zwei Jahre, bis sie voll einsatzfähig sind. Der Aufbau unseres Linuxkernel-Teams hat fast drei Jahre gedauert. Wir haben uns aber bewusst dafür entschieden, ein junges Team aufzubauen. Jetzt ist AMD in der Regel mit über 100 Patches pro Kernelrelease vertreten.

Linux-Magazin Online: Wie sah Ihr allererster Kontakt mit Linux und Open Source aus?

Chris Schläger: Ich bin schon so alt, dass ich das trennen muss. Mein erster Kontakt mit Open Source war, als ich die Unix Rechner im Rechnerpool an meiner Uni benutzte. Da war es völlig normal, dass ich Programme selbst anpasste und kompilierte. Speziell auf den Ultrix-Rechnern war man sonst verloren. Linux kam dann etwas später dazu, als ich auch zu Hause mit einem Unix-Betriebssystem arbeiten wollte.

Linux-Magazin Online: Haben Sie selbst Code zu einem anderen Projekt als Suse Linux beigesteuert?

Chris Schläger: Ich glaube nicht, daß ich je Code zu Suse Linux beigesteuert habe. Jedenfalls nicht mehr als andere Open Source Entwickler auch. Ich habe ein paar Tools geschrieben, die bei der Erstellung der Distribution nützlich waren, die sind aber nie auf den CDs gelandet. Mit einer Ausnahme: Task Juggler, unsere Projektmanagementsoftware. Die verwende ich heute noch. Auch an der Weiterentwicklung bin ich noch beteiligt. Ansonsten habe ich viele Patches für diverse Projekte geschrieben. Am aktivsten war ich bei KDE.

Linux-Magazin Online: Welche Bedeutung misst AMD Linux bei, und in welcher konkreten Form landet Ihre Arbeit in der Linux- und Open-Source-Community?

Chris Schläger: Als Hersteller von Computerplattformen kann man sich heute nicht mehr nur auf die Hardware beschränken. Viele neue Funktionen sind nur noch mit entsprechender Softwareunterstützung für den Endkunden nutzbar. Daher arbeiten wir eng mit den Betriebssystementwicklern zusammen und helfen ihnen wo nötig. Dies sind meist die Teile der Software, die direkt auf die Hardware zugreifen. Bei Linux arbeiten wir Hand in Hand mit den anderen Kernelentwicklern. KVM, Oprofile und Edac sind einige Module an den wir gerade arbeiten.

Linux-Magazin Online: Viele Firmen wollen ihre Software nicht quelloffen machen. Sie befürchten, Kontrolle und Geld zu verlieren. Was würden Sie diesen Firmen sagen?

Chris Schläger: Es ist nicht einfach, mit Open-Source-Software Geld zu verdienen. Es ist noch viel schwieriger, ein Closed-Source-Modell in ein profitables Open-Source-Modell zu überführen. Daher sind die meisten bekannten, ungewandelten OSS-Projekte vorher schon unprofitabel gewesen. Da war das Risiko deutlich geringer. Aber mit dem richtigen Konzept kann es durchaus klappen. Ich empfehle, sich mit Leuten zu beraten, die Open-Source-Business bereits erfolgreich betreiben.

Linux-Magazin Online: Ihre Meinung, bitte: Müssen Unternehmen heutzutage wegen Open Source grundsätzlich ihr Businessmodell überdenken, oder ist Open Source eher eine zusätzliche, neue Alternative?

Chris Schläger: Es ist eine neue Alternative, die bedacht werden sollte. Allerdings sollte man die Entwicklung und Verwendung von Software umfassender hinterfragen, um ein lebensfähiges Modell zu entwickeln. Wenn eine kleine Softwarefirma ihre bisherige Closed-Source-Spezialsoftware für Müllkostenabrechnung in ihrem Landkreis jetzt als Open Source verbreitet, wird im günstigsten Fall nichts passieren. Die Kommunen kaufen weiter, jetzt halt Support anstatt Lizenzen. Aber es wird wohl auch kein einziger neuer Mitentwickler auftauchen - das heißt die Entwicklungskosten bleiben gleich hoch. Würden sich aber viele Kommunen zusammenschließen und die Software mit eigenen Programmieren als Open-Source-Projekt entwickeln, sparten sie bei einer genügend grossen Teilnehmerzahl durchaus Geld. Leider sind deutsche Kommunen aufgrund der Rechtslage recht unflexibel, sodass dieses Beispiel eher theoretisch ist. Es verdeutlicht allerdings, dass eine Veröffentlichung des Quellcodes allein meist kein tragfähiges Geschäftsmodell erzeugt.

Linux-Magazin Online: Sie haben einen Wunsch frei. Sie dürfen von einer beliebigen Firma den proprietären Code bekommen. Welchen würden Sie nehmen?

Chris Schläger: Ich kaufe selten die Katze im Sack und geschenkt will ich sie meist auch nicht. Allerdings würde ich mir wünschen, dass Software-Anwender etwas wählerischer sind. Software sollte jetzt ein Problem lösen, aber auch in Zukunft kein neues schaffen. Anwender messen Themen wie Sicherheitsupdates nach dem Ende der Vermarktungszeit, dem Langzeitzugriff auf die Daten und möglichen Steigerungen von Lizenzkosten bei der Entscheidung für eine bestimmte Software oft viel zu wenig Bedeutung bei.

Linux-Magazin Online: Macht es für Sie einen Unterschied, ob ein Konkurrent von Ihnen ein Closed-Source- oder ein Open-Source-Unternehmen ist?

Chris Schläger: Wir sind im wesentlichen ein Hardwarehersteller. Da spielt dies kaum eine Rolle. Die meisten Konkurrenten nutzen allerdings Open Source in einem ähnlichen Umfang wie wir.

Linux-Magazin Online: Sie haben noch einen Wunsch frei. Sie dürfen sich einen neuen Chefentwickler aussuchen, Geld spielt keine Rolle. Wie überzeugen Sie ihn von AMD?

Chris Schläger: Wenn ich einen Wunsch frei habe, dann will ich, dass ihr oder ihm der Job Spass macht. Da will ich nicht noch lange überzeugen müssen! Allerdings bietet AMD einige recht einmalige Möglichkeiten im OSRC. Jeder einzelne Mitarbeiter hat neben der Softwareentwicklung auch Gelegenheit, die Entwicklung der Hardware zu beinflussen. Gerade bei x86-Prozessoren ist das ein Betätigungsfeld mit weitreichenden Konsequenzen. Wenn wir den Stromverbrauch durch eine gute Idee um fünf Prozent reduzieren können, dann haben wir bereits die Welt spürbar verbessert.

Linux-Magazin Online: Suchen Sie derzeit Personal? Welche Grundvoraussetzung sollte ein Bewerber mitbringen?

Chris Schläger: Wir suchen derzeit ein oder zwei Praktikantinnen oder Praktikanten. Informatiker oder Elektrotechniker mit Vorkenntnissen im Bereich Betriebssysteme oder CPU-Entwicklung haben gute Chancen auf einen spannenden Job.

Diesen Artikel druckenDiesen Artikel weiterempfehlen Diesen Artikel kommentieren Newsletter abonnieren
Share/Bookmark
Ähnliche Artikel
LIP Lounge: Robert Sutor, IBM LIP Lounge
Test: Hercules eCafé Netbook Nächster Netbook-Kandidat
Werkeln am Open-Source-Standort Berlin Werkeln am Open-Source-Standort Berlin
LIP Lounge: Greg Kroah-Hartman, Novell LIP Lounge
Award-Gewinner Teil II: Oxid Esales auf Entdeckungsreise Award-Gewinner Teil II:
Cebit Open Source 2010 - Projektpräsentation Mozilla Cebit Open Source 2010 - Projektpräsentation Mozilla
Whitepaper
Usage Landscape Enterprise Open Source Data Integration

Die Nachfrage nach Datenintegrationslösungen für Unternehmen ist zunehmend gestiegen und vor allem das Interesse an Open Source Technologien wird immer größer. Doch wie und von wem werden Open Source Datenintegrationslösungen genutzt und welches Nutzungsverhalten lässt sich daraus ableiten? Das vorliegende White Paper präsentiert die Erfahrungswerte von über 1000 Open Source Nutzern und liefert fundierte Antworten auf diese Fragen.

Download PDF (Registrierung erforderlich)
Daten Migration - Eine Publikation von Bloor Research

Datenmigrationsprojekte überschreiten häufig das Budget, neigen zu Verzögerung und werden unter Umständen komplett abgebrochen. Bloor Research ist eines der weltweit führenden IT-Forschungs-, Analyse- und Beratungsunternehmen und wird in dem vorliegenden White Paper die wichtigsten Aspekte dieser Problematik näher beleuchten. Ferner werden praktische Empfehlungen für erfolgreiche Migrationsprojekte gegeben, die Sie auf Ihr nächstes Projekt übertragen können.

Download PDF (Registrierung erforderlich)
Kommentare (0)