Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin Online Artikel/

Interview mit Julian Hein, Netways GmbH, zum Nagios-Fork

Icinga, ein Nagios-Fork

06.05.2009

Der Nürnberger Open-Source-Dienstleister Netways möchte in Zukunft nicht nur Add-Ons für das freie Monitorung Tool Nagios anbieten - geplant ist ein Fork namens Icinga, der den Kern der Software überarbeiten soll. Linux-Magazin Online sprach mit dem Netways-Geschäftsführer Julian Hein.

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Linux-Magazin Online: Ehemalige Entwickler von Nagios oder der zugehörigen Plugins möchten in einem neuen Projekt eigene Wege gehen – wieso? Was spricht dagegen, sich weiter in dem bestehenden Projekt zu engagieren?

Julian Hein: Nagios ist gerade in den letzten Jahren sehr populär geworden und inzwischen ja schon fast zum quasi Open Source Standard im Bereich Monitoring avanciert. Viele der Features und Vorteile von Nagios sind aber gar nicht in Nagios selbst, sondern vor allem in Add-Ons realisiert. Und diese Add-Ons sind vor allem von der sehr aktiven Nagios Community geschrieben worden

Im Gegensatz dazu wird der Nagios Core aber nur von einem einzelnen Entwickler getragen und entwickelt sich dadurch nur sehr langsam weiter, und Probleme werden nur sehr spät gelöst. Viele Mitglieder der Community und auch wir selbst haben immer wieder versucht den Hauptentwickler zu unterstützen, um damit die Engstelle aufzulösen und so lange erwartete Verbesserungen zu erreichen. Beispielsweise die schnellere Übernahme von Patches in den Core, die aktuell suboptimale Anbindung an Datenbanken oder das etwas altbackene Webinterface. Leider hatten all diese Versuche wenig Erfolg, wodurch immer mehr Mithelfer und Unterstützer sich demotiviert zurückgezogen haben. Nach mehreren Jahren, in denen trotz unzähligen Verbesserungsversuchen nichts passiert ist, sehen wir nun keine andere Möglichkeit mehr Nagios weiter nach vorne zu bringen.

> Netways hat dem jungen Fork bereits eine professionell gestaltete Homepage spendiert.

Linux-Magazin Online: Ein Fork birgt grundsätzlich die Gefahr, dass er neben Gewinnern auch Verlierer produziert. In diesem Fall könnte beispielsweise der Erfinder und bisherige Chefentwickler von Nagios, Ethan Galstad, einen Nachteil erleiden, wenn seiner Firma Nagios Enterprises neue Konkurrenz erwächst und ihn die Community weniger unterstützt. Waren bei der Abspaltung auch moralische Fragen zu erwägen oder ist das in diesem Zusammenhang keine passende Kategorie?

Julian Hein: Wir haben dieses Problem schon gesehen, im Kreis der Unterstützer des Forks auch immer wieder diskutiert und haben es uns da auch nicht wirklich leicht gemacht. Aber letztendlich hat aber gerade Nagios Enterprises dieses Problem ausgelöst: Einige der Unterstützer des Forks sitzen ja sogar im Nagios Community Advisory Board, das den Hauptentwickler ja beraten soll. Und es gab auch aus diesem Kreis immer wieder Hinweise, Vorschläge und sogar konkrete Initiativen die Situation zu verbessern. Das ist aber alles von Nagios Enterprises entweder abgelehnt oder einfach nicht unterstützt worden, so dass es sich letztendlich totgelaufen hat. Gerade in letzter Zeit haben sich bei Nagios Enterprises dann die Prioritäten noch weiter verschoben und statt Weiterentwicklung ging es immer mehr um Trademark Probleme.

Letztendlich haben wir jetzt keine andere Möglichkeit gesehen, Nagios langfristig aktiv zu halten, als die Weiterentwicklung selbst in die Hand zu nehmen. Da Nagios eine eingetragene Marke ist, muss es leider auch unter einem anderen Namen passieren.

Linux-Magazin Online: Welche Ziele steckt sich das neue Projekt, was möchtet es in nächster Zeit erreichen?

Julian Hein: Natürlich möchten wir genau das anders machen, worüber wir uns in den letzten Jahren immer beschwert haben. Das wichtigste Ziel ist Nagios oder besser das neue Projekt unter dem Namen Icinga so aufzustellen, dass es langfristig lebensfähig ist und viele aus der Community das Projekt aktiv mitgestalten können. Im einzelnen bedeutet das erst einmal Anregungen aus der Community auch wirklich umsetzen und vor allem eingesendete Patches auch in die Software zu integrieren. Diese Ziele sollten recht leicht zu erreichen sein und Icinga bleibt dadurch erstmal kompatibel zu Nagios, so dass die Anwender sehr leicht umsteigen können

Mittelfristig wollen wir eine API für die Daten aber auch das Webinterface schaffen. Den aktuell wirken viele Erweiterungen ein bisschen wie "an Nagios drangebastelt". Durch die API wollen wir die Integration zwischen Core und Add-Ons vereinheitlichen und verbessern.

Linux-Magazin Online: Ist der Code an allen Stellen so gut dokumentiert, dass man auf das Wissen des bisherigen Hauptentwicklers Ethan Galstad verzichten kann oder müssen Komponenten von Grund auf neu implementiert werden, die ohne ihn nicht zu pflegen wären?

Julian Hein: Grundsätzlich sehen wir uns sehr gut in der Lage, den Code weiter zu pflegen. Zum einen ist er ausreichend dokumentiert und zum anderen haben wir genügen Leute an Board, die auch schon mit dem Core gearbeitet und beispielsweise Patches geliefert haben.

Linux-Magazin Online: Welche Rolle wird Netways übernehmen? Wird es das bestehende Portal weiter betreiben und auch in diesem Jahr wieder ein Monitoring-Konferenz ausrichten?

Julian Hein: In vielen Bereichen wird Icinga zu Nagios kompatibel bleiben: Es verwendet die gleichen Plugins für die Überwachungen und auch die Add-Ons werden mit beiden Projekten funktionieren. Schon alleine deswegen wird es NagiosExchange und auch die Konferenz weiter geben. Lediglich der Name wird sich ändern und die Themenbasis wird sich etwas verbreitern. Ähnlich wird es auch das sehr erfolgreiche Forum www.nagios-portal.de machen, deren Macher den Fork ebenfalls unterstützen: Anfänglich gibt es einen eigenen Bereich für Icinga und später wird das Portal beide Systeme bedienen.

Julian Hein: Auch als Dienstleister werden wir natürlich auch Nagios weiter unterstützen, denn es handelt sich ja um eine sehr gute Software. Icinga wird quasi nur eine weiter verbesserte Version, an der wir ab jetzt eben auch selbst aktiv mitarbeiten können. (mhu)

Der Gesprächspartner

Julian Hein ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Nürnberger Netways GmbH, die sich seit mehr als zehn Jahren mit Open Source-Tools, darunter Nagios, im Netzwerk- und Systemmanagement beschäftigt. Netways betreibt ein Portal für Nagios-Add-Ons im Internet.

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