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Interview: Harald Welte zur Bestätigung der GPL gegen Skype

Briefe schreiben reicht nicht

09.05.2008

Harald Welte, Linux-Entwickler und Gründer der Internetseite GPL-Violations.org, hat wieder einen Erfolg für die Rechte Freier Software erstritten. Nach einer Anhörung vor dem Oberlandesgericht München zog der IP-Telefonieanbieter Skype seine Berufung gegen ein Urteil vom Juli 2007 zurück. Die Verfügung des Landgerichts München, die die Regelungen der GPL zur Weitergabe des Quellcodes stützt, ist somit bestätigt. Das Linux-Magazin Online (LMO) sprach nach der Anhörung mit Harald Welte und seinem Anwalt Till Jaeger.

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Harald Welte (rechts) und sein Anwalt Till Jaeger nach der Verhandlung.

LMO: Zunächst herzlichen Glückwunsch zu dem Erfolg vor Gericht. Der juristische Zwist hat ja schon eine längere Geschichte. Hatten Sie seit dem Urteil vom Juli 2007 auch mal persönlichen Kontakt zu Skype?

Welte: Nein. Die Anwälte haben miteinander gesprochen. Das habe ich auch insgesamt aufgegeben, wenn Firmen die Rechte der GPL verletzen. Früher hab ich mal versucht, an die betreffenden Unternehmen Briefe zu schreiben, aber das hat nie funktioniert. Die haben nur verzögert und darauf gewartet, dass sich das von allein erledigt. Auf eine Abmahnung reagieren die schon eher.
Jaeger: Das muss man auch aus juristischer Sicht betrachten: Zwischen dem Zeitpunkt, zu dem man einen Verstoß gegen die Lizenz entdeckt und der Reaktion und dem Antrag auf Unterlassung dürfen maximal vier Wochen vergehen, damit man überhaupt etwas erreicht. Die sind schnell vorbei.
LMO: Während der Anhörung argumentierte der Skype-Anwalt, dass heutzutage der Hinweis auf die Quellen im Internet doch ausreichend sein müsste. Und auch der Richter stellte in den Raum, ob das Brennen der Quellen auf CD nicht steinzeitlich wäre, geschuldet einer GPL-Regelung aus dem Jahr 1991. Wie sehen Sie das? Wäre es an der Zeit, die GPL dahin gehend großzügiger auszulegen?
Welte: Das ist eine sehr eingeschränkte Sichtweise. In Asien und vielen anderen Ländern ist die Internetanbindung bei weitem nicht so gut; die Entwickler ziehen sich da nicht mal eben ein paar Megabyte aus dem Netz. Wenn ein Produkt physisch vertrieben wird, sollten auch die Quellen auf analogen Medien mitgeliefert werden, das hat absolut seine Berechtigung. Die Lizenzbedingungen auf CD sind natürlich legitim, auch die Dokumentation wird ja meist nur noch auf CD mitgeliefert.
LMO: Haben die Quellen denn tatsächlich immer einen praktischen Nutzen für den Anwender? Wenn unter den 100 Käufern eines VoIP-Telefons zwei Entwickler den Code brauchen, ist es dann verhältnismäßig, allen die Quellen beizulegen?
Welte: Die Entwickler haben einen Nutzen , weil die Quellen immer auf exakt dem Versionsstand sein sollen, auf dem die ausgelieferte Software ist. Anders als der Skype-Anwalt argumentierte, sehe ich da auch keine Mehrkosten, denn die Handbücher werden ja auch oft als PDF auf CD gebrannt. Ob ich den restlichen Platz der CD leer lasse oder mit Quellcode fülle, macht doch keinen Unterschied.
Jaeger:. Außerdem erlaubt die Lizenz ja alternativ das Angebot des Quellcodes. Wenn ich den Kunden darauf hinweise, dass er den Quellcode separat bestellen kann, ist das ja ausreichend. Dann kann ich als Hersteller das entscheiden, ob ich das gleich mitliefere oder auf Verlangen. In diesem Fall lag die Ausgangsposition zunächst ganz anders: Skype hatte anfangs beim Verkauf der Telefone die GPL überhaupt nicht erwähnt, dann haben sie im Beipackzettel darauf hingewiesen.
LMO: Mit ihrer Webseite GPL-Violations.org engagieren Sie sich ja ganz allgemein für freie Software, nicht nur für die, die Sie selbst schreiben, und Sie haben ja auch schon erfolgreich mehrere Prozesse geführt. Wer trägt denn dafür die Kosten?
Welte: Das ist eigentlich kein Problem, es gibt auch Spenden. Aber ich finde das auch nicht schlimm, wenn ich das selber tragen müsste. Ich betrachte das als Berufsrisiko. Ich bin Entwickler, und ich verdiene seit elf Jahren mein Geld mit freier Software, also kümmere ich mich auch um die damit verbundenen Rechte.
LMO: Organisationen wie die Linux Foundation oder das amerikanische Software Freedom Law Center bieten Entwicklern Unterstützung an, wenn sie juristische Probleme mit Open-Source-Software haben. Haben Sie hier schon Hilfe in Anspruch genommen?
Welte: Nein, bisher noch nicht. Das war aber auch noch nicht nötig.
LMO: Herr Welte, Sie beschäftigen sich ja nicht nur mit Prozessen. Bis vor kurzem waren Sie für OpenMoko in Taiwan. An welchem Projekt arbeiten Sie aktuell?
Welte: An vielen kleinen Sachen, eine davon beschäftigt sich mit GSM-Netzwerk-Emulation, mit eigenen, Linux-basierten Basisstationen für Handys. Aber ich will nicht zuviel ausplaudern.

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