Open Source im professionellen Einsatz

Zeugen be- und entlasten Jacob Appelbaum

13.06.2016

Anschuldigungen gegen den Tor-Entwickler und Journalisten Jacob Appelbaum werden inzwischen nicht mehr nur anonym erhoben. Zumindest eine der kolportierten Geschichten scheint aber falsch zu sein.

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Der Fall Appelbaum bleibt undurchsichtig, obwohl sich mit Nick Farr und Leigh Honeywell inzwischen zwei identifizierbare Personen öffentlich über ihre Erfahrungen mit Jacob Appelbaum geäußert haben. Während Farr sich von Appelbaum und dessen Anhängern verfolgt fühlte und daher seine Arbeit für Hacker-Kongresse und Veranstaltungen einstellte, äußerte Honeywell auch Vorwürfe sexueller Natur. Appelbaum habe bei einem auf Konsens beruhenden Dreier nicht auf die vorher vereinbarten Safewords reagiert. Auch sonst scheint Appelbaum, glaubt man den beiden Blogbeiträgen, alles andere als ein Sympath zu sein, Nick Farr nennt ihn einen "Soziopathen".

Eine andere in diesem Zusammenhang kolportierte Geschichte scheint so allerdings nicht passiert zu sein. Die zwei Security-Experten Emerson Tan und Meridith Patterson sowie die Tor-Entwicklerin Andrea Shepard erklärten gegenüber Gizmodo, sie seien Zeugen geworden, wie Appelbaum auf dem 32C3 eine junge Frau belästigt habe. Die Agentur, die Appelbaum vertritt, ließ dem Linux-Magazin jedoch ein schriftliches Statement dieser Frau zukommen, in dem sie der Darstellung einer Belästigung entschieden widerspricht.

Tatsächlich habe sie an dem Abend nicht sehr glücklich ausgesehen, was aber nichts mit Appelbaum zu tun gehabt habe. Vielmehr habe sie die Tasche mit ihrem Telefon und ihrer Geldbörse vermisst und sei deswegen gestresst gewesen. Der körperliche Kontakt sei nicht gegen ihren Willen geschehen, sie habe sich unter Freunden sicher gefühlt. Sie wundere sich nicht nur über die stark verzerrte Schilderung der Situation, die sie selbst erlebt hat, sondern auch über die Spekulationen und Gerüchte auf Twitter.

Am 6. Juni trennte sich auch die Hackergruppe "Cult of the Dead Cow" von Appelbaum. Den Schritt begründet die Gruppe mit den Vorwürfen gegen ihn, man wolle einen Platz schaffen, an dem sich die Leute sicher fühlen. Die anonymen Opfer fordern die Gründer der Gruppe auf, sich ausnahmsweise an die lokalen Behörden zu wenden, auch wenn die Beziehung mit diesen "kompliziert" sei.

[Update,13. Juni]: Mittlerweile gibt es auch eine Webseite, auf der sich Freunde und Kolleginnen von Jacob Appelbaum mit ihm solidarisieren, darunter etwa die deutsche Theaterregisseurin Angela Richter und die Snowden-Unterstützerin und Journalistin Sarah Harrison. Sie protestieren vor allem gegen die Vorverurteilung von Appelbaum, werfen den Medien mangelnde Faktensuche vor und fordern eine offene und beweisgestützte Diskussion.

[Update, 27. Juni]: Gegen Appelbaum haben sich inzwischen weitere Zeuginnen aus der Anonymität bewegt und erhärten den Verdacht gegen ihn. Sie werfen ihm sexuelle Belästigung und Nötigung vor. Alison Macrina hatte ihren Bericht als "Sam" auf der anonymen Webseite veröffentlicht, Isis Lovecruft als "Forest".

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