Open Source im professionellen Einsatz

Rück-Sicht 38-17

24.09.2017

Die Linux-Nachichten der letzten Woche handelten auch von Loyalität. In einem Fall wird sie aufgekündigt, im andern Fall überraschend bekräftigt.

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Die Linux Foundation versteht sich als Gralshüterin des Open-Source-Gedankens und das namensgebende Projekt, Linux, steht ganz oben auf ihrer Agenda. Jim Zemlin ist Executive  Direktor der Foundation. In dieser Rolle ist er ein häufig gebuchter Redner auf Konferenzen. Für seine Präsentationen braucht er Folien und die erstellt er - der  Linux-Entwickler Matthew Garrett hat das beobachtet, wie Der Standard berichtet - mit einem Mac!

Na und?, mag man sagen, soll er doch. Scheinbar kommt er damit besser zurecht als mit Linux. Man kann aber auch - und mit noch mehr Recht - sagen: Linux hat schon oft zum Angriff auf den  Desktop und das Windows-Monopol geblasen und dieses Ziel nie erreicht. Wie soll es irgendwann siegreich sein können, wenn selbst die Heerführer nicht an den Sieg glauben? Wenn sie Wasser predigen und Wein trinken? Wenn sie, statt ihre Erfahrung als Desktopnutzer in die  Verbesserung der Software einzubringen, lieber fremdgehen? Und zwar in der Öffentlichkeit,  also mehr oder weniger demonstrativ.

Das eine denken, das andre sagen
macht nicht gesünder und schadet zumeist.
Das stille Schlucken schlägt auf den Magen,
das leere Sagen geht auf den Geist. [1]

Allerdings:

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen. [2]

Auch das Linux-Magazin, dessen Artikel nicht nur fast alle von Linux handeln, sondern so gut wie ausnahmslos auch unter Linux geplant, geschrieben, abgestimmt und bearbeitet werden, layoutet seine Seiten ganz am Ende auf einem Mac. Weil es für Linux keine freie DTP-Software gibt, die professionellen Ansprüchen genügt. Das ist zum einen, aber nicht ausschließlich, eine Frage der Features. Zum anderen ist es aber auch eine Frage der Ergonomie: Zeitungen und Zeitschriften sollen aktuell sein - deshalb steht die Produktion in der Regel unter Zeitdruck. Da braucht der Layouter nicht nur ein leistungsstarkes, sondern auch ein gut bedienbares Werkzeug, sonst funktioniert es nicht und schlimmstenfalls würde in der Folge das Magazin nicht erscheinen.

Doch gibt es auch zu Apples Präsentationseditor Keynote keine Alternative? Was ist mit Impress? Womöglich ist das nicht leicht zu entscheiden. Was aber auffällt ist: Unter den von der Linux Foundation betreuten und geförderten Projekten ist nicht ein einziges, das sich mit Desktop-Software beschäftigt. Ungefähr dasselbe kann man über die Veranstaltungen sagen, die die Linux Foundation ausrichtet oder unterstützt. Linux auf dem Desktop kommt dort nicht vor. Und da ist er wieder, der fehlende Rückhalt, der mit dazu beitragen mag, dass sich das freie Betriebssystem in Heim-und Officeumgebungen nicht durchsetzen kann.

Zuversicht

In einem anderen Fall von moralischer Unterstützung beweist Oracle gerade Loyalität und greift seiner wankenden SPARC-Architektur deutlich unter die Arme. Nach dem Personalabbau im Solaris-Umdfeld lagen ja Sorgen auch um SPARC nahe. Was Solaris aber schon lange nicht mehr geschafft hat, kann SPARC nun melden: eine ganz neue Version. Der neue SPARC M8 startet in einem schwierigen Umfeld: Den Markt dominieren x86-CPUs, ARM wird stärker und auch IBM orientiert sich mit seiner Power-Architektur zunehmend auf offene Linux-Systeme. Andererseits gibt es derzeit für SPARC Pläne noch bis ins Jahr 2021. In dieser Situation versucht Oracle mit Performance zu punkten, der M8 erhöht bei gleicher Anzahl Kerne wie beim Vorgänger die Taktfrequenz auf 5 GHz, was 30 bis 40 Prozent mehr Leistung bringen soll. Gleichzeitig wirbt der Produzent mit einem Feature, das er "Software in Silizium" nennt. Dazu zählt beispielsweise ein Hardware-Speicherschutz, ein Verschlüsselungs-Koprozessor pro Kern und Koprozessoren zur beschleunigten Verarbeitung von SQL-Abfragen (Data Analysys Accelerator, DAX). Wie lange kann Oracle damit der Konkurrenz Paroli bieten? Es bleibt spannend.

Rück-Sichts-voll

Jens-Christoph Brendel

[1] Kurt Demmler: aus "Das eine denken, das andre sagen"

[2] Helmut Qualtinger: Ausspruch

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    Wo viel Licht ist starker Schatten. [1]

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