Open Source im professionellen Einsatz

Rück-Sicht 37/17

18.09.2017

Zwei Nachrichten der letzten Woche beleuchten zwei interessante Entwicklungen: Das mit dem Aufstieg von Linux im letzten Jahrzehnt einhergehende Verblassen der ersten, unbedarften Verliebtheit in das freie Betriebssystem, und den Rückschwung des Zentralisierungspendels.

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Auf die nachlassende Strahlkraft allgemeiner Linux-Foren wies in der letzten Woche ein Ereignis hin: Nach 13 Jahren wirft der Macher der bekannten Webseite Debian-Administration das Handtuch. Und zwar, weil er keine  neuen Beiträge mehr aquirieren kann, niemand will mehr mitmachen. Pro Linux wies darauf hin. Eigentlich sagt man ja speziell den Jüngeren nach, sie würden keine Printmedien mehr konsumieren und sich stattdessen nur noch im Web informieren. Daran wird auch etwas sein, aber auch eine Webseite ist offenbar nicht davor gefeit, Zuspruch zu verlieren. 

Der Betreuer der Seite glaubt, die früheren Beitragenden würden heute lieber ihre eigenen Blogs schreiben. Aber sicher kommt auch hinzu, dass die Gründerzeit-Euphorie, in der sich Linux-Fans vor 10 oder 15 Jahren befanden, verflogen ist. Linux ist im Mainstream angekommen, erregt kein besonders Aufsehen mehr, ist weithin erprobt und bewährt. Wer sich heute damit befasst, ist kein Pionier mehr, er benutzt einen eingefahrenen Weg, auf der Suche nach der Lösung eines Problems wird er kaum mehr der Erste sein. Wen die Neugier auf Neues treibt, der muss sich heute mühevoll spezialisieren, einfach nur von Linux und Open Source begeistert zu sein, reicht längst nicht mehr. Wer aber spezialisiert ist, für den ist eine Seite zu allgemeinen Fragen der Systemadministration kein Podium mehr.

Es gibt noch spannende Linux-Themen, aber man muss sie woanders suchen als vor 13 Jahren und darf nicht dort verweilen, wo man damals erfolgreich war.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. [1]

Manche Bilder und Vergleiche haben offensichtlich zu bestimmten Zeiten Konjunktur. Früher sei das Pendel weg von den zentralen Mainframes und hin zur dezentralen Client-Server-Architektur ausgeschlagen, dann zur zentralisierten Cloud zurückgeschwungen und nun wieder auf dem Weg zum dezentralen Internet of Things. Das war kürzlich von VMwares CEO Pat Gelsinger während seiner Keynote auf der VMworld Europe zu hören. Nun zitiert die Computerworld einen Red-Hat-Offiziellen, der die Public Cloud ebenfalls mit Mainframes vergleicht. Nur dass sein Gegenpol nicht IoT heißt, sondern Container. In Containern - in seinem Fall natürlich verwaltet von Red Hats OpenShift -  ließen sich Workloads zwischen den Clouds diverser öffentlicher und privater Provider migrieren und so ein Vendor-Lock-In vermeiden. Und ebendas, das Verlagern von Workloads über die Grenzen von Clouds hinweg, von physischen auf virtuelle Systeme, in Container und Wolken und zurück, das war dann wiederum ebenfalls ein großes Thema auf der VMworld.

[1] Hermann Hesse: aus "Stufen"

Rück-Sichts-voll

Jens-Christoph Brendel

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