Open Source im professionellen Einsatz

Rück-Sicht 31/17

07.08.2017

Ein Hauch von Abschied durchwehte die Linux-Nachrichten der letzten Woche: Red Hat kehrt Btr-FS  den Rücken, auf der Guadec wendet sich ein namhafter Entwickler von C ab und bei Fedora wird diskutiert, ob man dem RPM-Format den Laufpass gibt. Doch wie veronnen, so gewonnen - allerorten wächst Neues nach: XFS und Overlay-FS bei Red Hat, Rust statt C bei Gnome, Flatpak statt RPM bei Fedora.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne [1]

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Wer hoch steigt
Prüfsummen und eingebaute Redundanz, unermessliche Kapazität, integrierter Volumemanager,  Snapshots ad libitum, Selbstreparatur - das waren einige der Features, mit denen ab Anfang der 2000er Jahre ZFS, das hochgelobte Filesystem von Sun, Linux-Admins den Mund wässrig machte. Nur um ihnen gleich anschließend eine lange Nase zu drehen: Denkste! Wegen der Lizenz (CDDL) mit der GPL des Kernels unvereinbar! Da war guter Rat teuer. Manche der enttäuschten Linuxer versuchten es anfangs noch mit Tricks - zum Beispiel einer Userspace-Implementierung von ZFS - aber wirklichen Trost spendete erst ein neuer Hoffnungsträger, ebenfalls entwickelt vom späteren Sun-Eigner Oracle, diesmal aber lizenzkompatibel: Btr-FS. Sein kometenhafter Aufstieg begann 2007. Stolz wie Bolle verwies es auf etliche ganz ähnliche Features wie bei ZFS und heimste hohe Anerkennung als vollwertige Alternative ein. Oracle sah das selber auch so, Vizepräsident Wim Coekaerts meinte 2012 gegenüber ServerWatch, die Portierung von ZFS auf Linux wäre ohnehin nicht optimal und es gäbe ja auch gar keinen Grund mehr dafür, wo doch nun Btr-FS die Lücke fülle.

Und was ist jetzt? Red Hat wendet sich ab. Das meldet letzte Woche unter anderem Golem. "Red Hat wird Btr-FS nicht zu einem voll unterstützten Feature weiterentwickeln und es in einem kommenden Major Release entfernen", heißt es in den Red Hat Enterprise Linux 7.4 Release Notes.

"Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück...
Vorbei, verweht, nie wieder."  [2]

Schuld sollen Schwierigkeiten von Btr-FS mit Docker sein (weswegen auch schon Core-OS Abstand nahm). Aber auch der kürzliche Einkauf des Deduplizierungsspezialisten Permabit und die Arbeiten am eigenen Storage-Framework Stratis mögen zu Zielkonflikten geführt haben. Nun steht jedenfalls von den großen Enterprise-Distributionen nur noch Suse fest zu Btr-FS. Red Hat will mit XFS, Overlay-FS und zusätzlichem Voodoo weitermachen, Ubuntu pflegt eine eigene Interpretation des Lizenzkonflikts und integriert ungeniert ZFS. Schön, könnte man sagen, diese Vielfalt! Andererseits: Wo könnte Btr-FS stehen, hätten alle an einem Strang gezogen?

Neue Liebe
C  ist nach alter Väter Sitte schon beinahe ein halbes Jahrhundert lang die Programmiersprache für die Systemprogrammierung und damit eine der meistbenutzten Sprachen überhaupt. Auch im neuesten Tiobe-Ranking belegen die beiden Cs (inklusive des Abkömmlings C++) hinter Java stabil die Plätze zwei und drei. Ein einschlägiges C-Buch jubilierte einst: "C und UNIX vervollständigen, ja potenzieren sich gegenseitig zu einer Technologie-Plattform, deren Anwendungsmöglichkeiten alles Herkömmliche übertreffen und deren Aktualität, Omnipräsenz und Beständigkeit weit in das nächste Millenium gesichert sind." [3] Was soll auch falsch sein an der Programmiersprache des Linux-Kernels?

Sie ist "feindselig". Besonders beim Verarbeiten von Strings, die kein nativer Datentyp sind. So jedenfalls empfindet es der Mitbegründer des Gnome-Projekts Federico Mena Quintero, wie er auf der Guadec kundtat. Linux-Magazin Online meldet das auf diesen Seiten. Offenbar macht nicht er die Fehler, sondern das Werkzeug schiebt sie ihm hinterfotzig unter.

Quintero, eigentlich ein versierter C-Programmierer, hat sich nun frisch verliebt. In Rust, ein Mauerblümchen, das im Tiobe-Index auf Rang 94 rangiert. Wie lange wird es brauchen, bis er im schnöden Alltag auch bei der bald alternden Geliebten Arglist entdeckt?

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man kann sagen: sie kannten sich gut),
kam ihnen ihre Liebe plötzlich abhanden,
wie andern Leuten ein Stock oder Hut. [4]

Personalüberhang
Nicht nur Programmiersprachen sind nicht davor gefeit, eines Tages abgelöst zu werden. Die Fedora-Community diskutiert gerade über die Ablösung des hergebrachten RPM-Formats durch Flatpak, wie Computerbase meldet. Flatpak ist ein Newcomer als RPM-Alternative, der eine Sandboxumgebung für jede Applikation bereitstellt und alle Abhängigkeiten mitsamt der Anwendung in ein Paket integriert. Kalev Lember hielt vor Kurzem unter dem Titel "Atomic Workstation" einen Vortrag auf der Guadec, in dem er einen Ansatz beschreibt, bei dem ein Rechner nur noch aus einem kleinen Grundsystem besteht, das als Image ausgeliefert wird, wogegen alle Applikationen als Flatpaks daherkommen. Die Diskussion ist in vollem Gange. Brisant ist das Thema nicht zuletzt deshalb, weil die Flatpaks hauptsächlich von den Applikationsentwicklern bereitgestellt werden sollen. Die ganze Gilde der bisherigen Paketbauer und -maintainer müsste womöglich über Nacht umschulen, sonst droht auch ihnen die Ablösung. Eine Traditionsbruch könnte ins Haus stehen. Auch Linux ist davor nicht gefeit.

Tradition ist Bewahrung des Feuers
und nicht Anbetung der Asche. [5]

Rück-Sichts-voll

Jens-Christoph Brendel

[1] Hermann Hesse: aus "Stufen"
[2] Kurt Tucholsky: aus "Augen in der Großstadt"
[3] Kannemann, "C unter UNIX", Vieweg 1992
[4] Erich Kästner: aus "Sachliche Romance"
[5] Gustav Mahler: Aphorismus

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    Wo viel Licht ist starker Schatten. [1]

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