Re:publica08: Nützliches Vergessen - Das lange Gedächtnis des WWW
Mit einem Vortrag zum Thema "Nützliches Vergessen" begann in der Berliner Kalkscheune am heutigen Donnerstag das Bloggertreffen Re:publica 2008. Viktor Mayer-Schönberger, Harvard-Professor für Public Policy, sprach in seiner Keynote über das Thema Erinnern und Vergessen in Zeiten von Internet und Datenbanken.
Stand - so Mayer-Schönfelder - bei den Menschen früher der Kampf gegen das Vergessen im Vordergrund, gehe es heute aufgrund der immensen Datenspeicherungen im Internet vor allem darum, peinliche und kompromittierende Erinnerungen loszuwerden.
Der Professor unterstrich seine These, indem er anhand der Lehrerin Stacy Snyder und des Psychotherapeuten Andrew Feldmar zeigte, wie die Konservierung und ständige Präsenz der Vergangenheit in Form von schnell verfügbaren Informationen, Menschen unter Umständen zum Verhängnis wird. Snyder durfte aufgrund eines harmlosen Internet-Fotos, das sie als betrunkene Piratin zeigte, nicht als Lehrerin arbeiten. Der Kanadier Andrew Feldmar erhielt ein lebenslanges Einreiseverbot in die USA, weil er einen Artikel über seine Erfahrungen mit LSD in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht hatte. Diesen Artikel fand ein Grenzbeamter über eine schnelle Google-Suche und verweigerte Feldmar die Einreise in die USA.
Mayer-Schönberger wies dann auf die Schwächen der verschiedenen Modelle hin, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben, um den Schutz der Daten - oder den Datenschutz - zu gewährleisten. Diesen gesetzlichen Reglungen warf er vor, so gut wie keinen realen Effekt auf den Datenschutz zu haben. Es gäbe aber andere Lösungen, mit dem Datenschutz umzugehen. Während aber die Enthaltsamkeit Individuen laut Mayer-Schönberger dazu zwänge, auf bestimmte Möglichkeiten der Kommunikation zu verzichten, führe die von Lawrence Lessig vorgeschlagene Lösung der Eigentumsrechte an Daten zu "einer perfekten technischen Überwachung des Einzelnen zum Schutz der Privatsphäre".
Seine bevorzugte Lösung sieht eine Art Verfallsdatum für Daten vor: Das würde es zum Beispiel ermöglichen, Suchanfragen von Google mit einem Verfallsdatum zu versehen. In der anschließenden Diskussion räumte der Professor allerdings auch ein, dass es von den Menschen einen zusätzlichen Aufwand erfordere, jedes Mal auch den Verfall der Daten zu bedenken. Man müsse den Menschen aber zumindest die Wahl lassen, forderte er.





