Open Source im professionellen Einsatz

OOXML: Ein ISO-Treffen sorgt für Zündstoff

07.03.2008

Das OOXML-Besprechungstreffen der ISO-Standardisierungsorganisation ist vorbei und widersprüchliche Darstellungen vom Verlauf sorgen für Unruhe. Nun schaltet sich die ISO-Organisation selbst ein.

497

Ende Februar trafen sich in Genf Mitgliedsorganisationen aus 33 Ländern, um die umfangreichen Kommentare zu diskutieren, die nach der ersten Abstimmungsniederlage des Microsoft-Formats bei der Behörde eingegangen waren. Die Teilnehmern sollten mehr als 6000 Seiten mit Änderungsvorschlägen diskutieren; nach Aussagen einiger Delegierter ein Ding der Unmöglichkeit (Linux-Magazin Online berichtete. Um dennoch zu einem Ergebnis zu kommen, wurde ein Abstimmungsverfahren eingeführt, über dessen Rechtmäßigkeit unter anderem auch der bei IBM zuständige Mitarbeiter Rob Weir Zweifel äußert, nachzulesen in seinem Blog.

Obwohl sich die meisten der Teilnehmer der Stimme enthielten und einige die Wahl komplett verweigerten, gab es schließlich ein Patt bei der Abstimmung mit vier zu vier. Erst die Hinzunahme weiterer Delegierter zu der Abstimmung brachte sechs Ja-Stimmen gegen vier Ablehnungen. Weil jedoch nur die Endergebnisse zählen, titelt nun Microsofts in einer aktuellen Mitteilung mit: "Gute Ergebnisse im Ballot Resolution Meeting". Zugleich verweist Microsoft auf die Webseite der dänischen und norwegischen Delegationen, die das Treffen gleichfalls positiv beschreiben.

Die Standardisierungsbehörde meldet sich nun selbst und klingt verstimmt: "Das BRM war ein technisches Treffen und offen für Delegierte, die von der ISO nominiert und registriert waren. Das BRM sollte keine öffentliche Veranstaltung sein, sondern folgte dem ordentlichen und inklusiven Prozess der ISO und IEC."

Die ISO-Organisation stellt zudem klar, dass bei dem Treffen keine Entscheidung zum Standard gefallen sei. Beim Treffen habe man sich nur zu den Änderungsvorschlägen in den Kommentaren nach dem ersten Abstimmungsprozess geeinigt. Zum ungewöhnlichen Verlauf schreibt die ISO: "Als es offensichtlich war, dass es nicht möglich sein würde, alle Kommentare individuell zu diskutieren, hatte sich die Versammlung auf eine Abstimmungsprozedur für die übrigen vorgeschlagenen Änderungen geeinigt." Nach Darstellung der ISO wurden die meisten Resolutionen einstimmig verfasst, einige im Konsens, vier mit einfacher Mehrheit und nur vier seien abgelehnt worden. An der Erfahrung des zuständigen Komitees will die ISO-Organisation keinen weiteren Zweifel aufkommen lassen: Das BRM sei vom Subkomitee SC 34 organisiert worden und damit von einem der erfahrensten und produktivsten der ISO- und IEC-Komitees."

Die Juristen-Webseite Groklaw hingegen verweist auf Dokumente über den Sitzungsverlauf und eine Tonaufzeichnung, die eine andere Interpretation der Sitzung zulassen. Auch unter den Ländervertretern gibt es Darstellungen, die den Abstimmungsprozess für unzureichend halten. Malaysia beispielsweise bemängelt, dass technische Fragen während des Meetings nicht ausreichend behandelt wurden.

Unabhängig davon läuft seither die 30-tägige Frist, in der die 87 nationalen Abstimmungsorganisationen ihre Entscheidung vom 2. September überdenken können. Bis 29. März können diese ihr negatives Votum oder ihre Enthaltung noch in eine positive Stimme ändern. Falls dies nicht geschieht, wäre der so genannte "kurze Weg" für OOXML beendet und die Standardisierung des Microsoft-Format wäre im ersten Anlauf gescheitert. Die ISO-Organisation schreibt: "Nachdem die BRM-Rückschau abgeschlossen ist, ist es nun an den nationalen Abstimmungsbehörden zu entscheiden, ob eine Zustimmung zu ISO/IEC DIS 29500 gewollt ist."

Ähnliche Artikel

comments powered by Disqus

Ausgabe 08/2016

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.