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OOXML-Abstimmung im Dunkeln: 662 geheime Microsoft-Antworten

Die ECMA hat die ersten Reaktionen Microsofts auf die zahlreichen Kommentare zum Dokumentenformat Office Open XML (OOXML) veröffentlicht. Nun werden Klagen laut, dass diese Antworten nur schwer zugänglich sind.

Auf den Webseiten der European Computer Manufacturers Association (ECMA) sind mittlerweile 662 Antworten von Microsoft veröffentlicht, die allerdings nur per Passwort abgerufen werden können.

Der IBM-Mitarbeiter und ODF-Aktivist Rob Weir macht Microsoft nun den Vorwurf, den bevorstehenden Abstimmungsprozess zu erschweren und die Öffentlichkeit von den Diskussionen auszuschließen. Er betitelt seinen Blogeintrag "662 Lösungsvorschläge - aber nur wenn du kannst" und kritisiert: "Diejenigen, die über das Schicksal von OOXML entscheiden, müssen 662 einzelne PDFs von einem langsamen, Passwort-geschützten Server herunterladen." Zum Vergleich zieht er den erfolgreichen ISO-Abstimmungsprozess für das freie Open Document Format ODF heran. Von den Mailinglisten über die Kommentare bis hin zu den Abstimmungsergebnissen sowie den ISO-Kommentaren sei der gesamte Vorgang frei zugänglich, wie er betont. Er wirft Microsoft vor, die Diskussion ins Geheime zu verlegen: "Was ein transparenter Prozess war, ist nun in verschiedene Sicherheitsstufen unterteilt mit dem Zweck zu verzögern, manchen Stimmberechtigten die Informationen zu verweigern und die Öffentlichkeit völlig im Dunkeln zu lassen." Auch Dokumente, die bislang öffentlich waren, wurden von den Webseiten der ISO genommen und separat passwortgeschützt, hierunter auch das Abstimmungsergebnis samt Kommentaren vom 2. September. Das Passwort hierfür wird von der ISO-Organisation verwaltet und kann von Berechtigten angefordert werden. Achtzehn von 51 Stimmberechtigten hätten dies bisher auch getan. Seine Angaben belegt er mit zahlreichen Links, darunter ein Zwischenbericht des Sekretariats .

Die bisherigen Lösungsvorschläge von Microsoft werden auf dem Server der ECMA verwaltet und erfordern ein weiteres Passwort. Auf den Passwortschutz hatte bereits Brian Jones hingewiesen, der Microsoft-Mann, der bei der ECMA der mit dem Projekt betraut ist. In seinem Blog hatte er hierfür sein Bedauern ausgedrückt, jedoch offizielle Richtlinien dafür verantwortlich gemacht. (Linux-Magazin Online berichtete). Die Kritik von Rob Weir geht allerdings darüber hinaus. Er sagt, ihm seien Stimmberechtigte bekannt, die das Passwort angefordert hätten, denen jedoch der Zugang verweigert wurde. "OOXML befindet sich auf dem Rückzug", schreibt er.

Diejenigen, die sich jedoch erfolgreich Zugang zu den bisherigen Antworten Microsofts auf die 3522 Kommentare verschafft hätten, stünden vor der nächsten Hürde: Die ECMA hat die Antworten als einzelne PDFs online gestellt, ohne Such-, Navigations- oder Markiermöglichkeiten. "Es ist beinahe so als ob jemand Mitglieder entmutigen wollte, das Material tatsächlich zu lesen", meint Weir. Um dem entgegenzuwirken, bietet er allen interessierten Abstimmungsberechtigten oder ISO-Mitgliedern seine Hilfe an: Er habe die Kommentare in einer einzigen PDF-Datei zusammengefaßt, und diese könnten das Dokument per E-Mail von ihm anfordern. Mit bissigem Unterton ergänzt er, dass er auch der ECMA die umformatierten Daten zur Verfügung stellen würde. Die bisherigen 662 Antworten adressieren nach Weirs Empfinden vor allem geringfügige Themen und beschäftigen sich beispielsweise mit der Korrektur von Schreibfehlern, defekten Links, Formeln oder Satzzeichen. Als Beispiel nennt er fehlende Maßeinheiten in einigen Funktionen der Tabellenkalkulation, was von zwölf Stimmberechtigten genannt wurde. Weil dieser Fehler in mehreren Instanzen der OOXML-Spezifikation auftritt, und diese wiederum von mehreren Stimmberechtigten genannt wird, resultiert diese eine Beobachtung in 48 Resolutionen. Diese leicht zu lösenden Aufgaben reduzieren sich seiner Schätzung nach auf rund 80 tatsächliche Themen. Seine Ergebnisse fasst Weir in einer Tabelle zusammen.

Von jetzt bis Ende Januar kann die ECMA nun weitere Vorschläge und Aktualisierungen verteilen. Für den Fall, dass diese weiterhin in dem anwenderunfreundlichen Format zur Verfügung gestellt werden, würde er diese auch künftig umformatieren. Bis zum 14. Januar soll der endgültige Entwurf der Kommentare der ECMA vorliegen. Darauf wird in einem "Ballot Resolution Meeting" (BRM) das ganze als offizielles Dokument verabschiedet, wobei hier auch andere Vorschläge mit eingebracht werden können. Anschließend hat der Projektmitarbeiter 30 Tage Zeit, um den neuen Text für die ISO/IEC DIS 29500 zu erarbeiten. Dieser Text wird den Mitgliedern dann erneut zur Abstimmung vorgelegt.

(Britta Wülfing)
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