Open Source im professionellen Einsatz

Nextcloud: Community-Fork von Owncloud

02.06.2016

Führende Owncloud-Entwickler, darunter auch der Gründer Frank Karlitschek, starten mit Nextcloud einen Fork des Codes und ein neues Unternehmen. Ziel ist es, ein besseres Gleichgewicht zwischen Unternehmen, Kunden und Nutzern herzustellen. Dafür hat sich das Team um Karlitschek viel vorgenommen.

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Ende April hat der Owncloud-Projektgründer und bisherige Technikchef des gleichnamigen Unternehmens Frank Karlitschek bekanntgegeben, dieses zu verlassen. Ihm folgten einige andere Kernentwickler. Alle kündigten zugleich recht vage an, die Community trotzdem nicht verlassen zu wollen. Nun ist klar, was die Gruppe meinte: Sie haben ein neues Unternehmen rund um eine Abspaltung (Fork) des Codes gegründet. Fork und Unternehmen werden Nextcloud heißen.

Nextcloud will den Owncloud-Code mit mehr Community-Beteiligung weiterentwickeln.

Schon im kommenden Juli will das Team einen vollständigen Ersatz für Owncloud bereitstellen, den sowohl Heimanwender als auch Unternehmenskunden problemlos anstelle von Owncloud verwenden können. Nextcloud kooperiert dabei mit Spreed.me, das einen WebRTC-Server als Videokonferenzlösung mit Owncloud kombiniert und einen damit vorinstallierten Rechner unter dem Namen Spreedbox verkauft. Das neue Unternehmen führen Frank Karlitschek und Niels Mache. Letzterer war bisher für Spreed.me verantwortlich und war Mitgründer von Red-Hat-Deutschland.

Mehr als nur Dateisynchronisation

Nextcloud will den Nutzern die komplette Hoheit über ihre Daten wiedergeben. Dafür will das Entwicklerteam die Webanwendung über die Kernfunktionalität hinaus deutlich erweitern und etwa den WebRTC-Server von Spreed sowie die dazugehörige Anwendung in Nextcloud integrieren. Zudem will man viel genutzte Owncloud-Anwendungen wie den Kalender oder die Kontaktverwaltung pflegen und offiziell unterstützen. Denkbar ist auch ein weiterer Ausbau der Zusammenarbeit mit Libre Office, um Office-Dokumente kollaborativ im Browser zu bearbeiten.

Unternehmenskunden verspricht das dazugehörige Unternehmen, die bisher mit Owncloud abgeschlossenen Verträge vollständig weiterzuführen. Kunden erhalten so weiterhin den eingeplanten Support von Experten, den sie brauchen, um ihre Server weiterhin zu betreiben. Der Wechsel der Kernentwickler in das neue Unternehmen soll sich nicht nachteilig auf die Kunden auswirken.

Unzufrieden mit dem alten Unternehmen

Jos Poortvliet, bisher Community-Manager bei Owncloud und nun für die Kommunikation bei Nextcloud verantwortlich,  bezeichnet das Vorhaben als "Neustart". Als Grund für die Neugründung gaben Karlitschek und Poortvliet im Gespräch mit Golem.de "strukturelle Probleme" und einige "wirtschaftliche Entscheidungen" des Owncloud-Unternehmens an, die für große Unzufriedenheit gesorgt hätten. Nähere Details wollten beide allerdings nicht nennen. Das Geschäftsmodell von Nextcloud sei auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit ausgelegt. Dies konnte das Owncloud-Unternehmen dem Team der Nextcloud-Gründer offenbar nicht im gewünschten Umfang bieten.

Darüber hinaus solle Nextcloud eine Balance zwischen den Bedürfnissen des Unternehmens, dessen Kunden und der Entwicklercommunity wiederherstellen. So habe sich das Unternehmen Owncloud seit 2014 immer weiter aus der Community-Entwicklung zurückgezogen, was zu einer Vielzahl nicht bearbeiteter Beiträge externer Entwickler geführt habe. Nextcloud will auf blockierende Elemente wie Contributor Licence Agreements (CLA) oder proprietäre Unternehmens-Apps verzichten, Entwicklungen sollen mit Nextcloud öffentlich geschehen.

In der Tradition von Libre Office

Neben Projektgründer Karlitschek und Poortvliet haben bisher die Entwickler Arthur Schiwon und Björn Schiessle, der für die Sicherheit zuständige Lukas Reschke, der Design-Chef Jan-Christoph Borchardt sowie der für kritischen Kundensupport verantwortliche Morris Jobke ihre Weggänge öffentlich gemacht und werden voraussichtlich bei Nextcloud weiterarbeiten. Andere Entwickler folgen womöglich, zumindest sucht Nextcloud aktiv nach Angestellten.

Poortvliet vergleicht den Fork sowie die Neugründung des Nextcloud-Unternehmens mit der Entstehung von Libre Office und Maria DB. Die beiden letztgenannten Projekte entstanden als Forks von Open Office beziehungsweise MySQL. Der Grund für die Forks war die Unzufriedenheit der Community über die wachsende Dominanz durch den neuen Eigner Oracle.

Noch vor zwei Tagen hat das Owncloud-Unternehmen die Gründung der Owncloud-Foundation bekanntgegeben. Die soll der Ankündigung zufolge als "unabhängige Heimat für Owncloud" mit seinen mehr als 10 Millionen Nutzern und insgesamt 1000 Beitragenden dienen. Die Foundation ist ein nicht gewinnorientierter Unternehmensverband nach US-Recht (501(c)6) und in Delaware registriert. Wegen des extrem unternehmerfreundlichen Gesellschaftsrechts wird der kleine US-Bundesstaat mit seinen Hunderttausenden Briefkastenfirmen häufig als Steueroase kritisiert.

Auf der Webseite finden sich zudem bisher keinerlei Zitate oder Referenzen von Community-Mitgliedern oder auch großen Kunden. Andere Beteiligte einzubinden, ist bei einer Verbandsgründung aber eigentlich eine übliche Vorgehensweise. Auch die juristische Konstruktion gibt der Entwickler-Community weder viele Freiräume noch stellt sie diese in den Mittelpunkt der Bemühungen.

Darüber hinaus soll der Vorstand der Foundation zwar zwei gewählte Community-Vertreter haben, aber auch einen Vertreter des Owncloud-Unternehmens sowie vier Vertreter von Unternehmen und Institutionen, die einen Jahresbeitrag an die Foundation leisten müssen. Externe Entwickler aus der Community haben damit wenig Möglichkeit, über die Foundation Einfluss auf die Gesamtentwicklung zu nehmen, da sie im Zweifel zu wenig Stimmgewicht besitzen.

Proprietäre Zukunft für Owncloud-Beiträge möglich

Wer als Community-Vertretung in den Vorstand will, muss auch das CLA der Owncloud-Foundation unterzeichnen. Dies ist ebenso eine zwingende Voraussetzung, um neue Beiträge zum Owncloud-Code auf Github einpflegen zu dürfen. Die Foundation erhält außerdem das Recht, den Owncloud-Kern sowie die Open-Source-Angebote des Unternehmens unter Apache-2.0-Lizenz zu relizenzieren.

Bisher verfolgte Owncloud ein Dual-Lizenz-Konzept aus der AGPL und einer proprietären Lizenz für ihre Unternehmenskunden. Owncloud wechselt nun zu einem Modell, das es erlaubt, den Code von Community-Beiträgen unter eine freizügige Lizenz zu stellen. Das schließt selbst eine komplett proprietäre Weiterentwicklung des Codes nicht mehr aus.

Die Rechte an der Wortmarke Owncloud bleiben beim Unternehmen, das sie lediglich dauerhaft an die Foundation lizenziert. Explizit ausgeschlossen ist, dass ein zweites Unternehmen den Namen Owncloud für ein kommerzielles Angebot der Software verwenden darf. Das soll eine mögliche unternehmerische Konkurrenz von vornherein unterbinden oder zumindest stark erschweren.

Community-Konzept von Nextcloud

Wenig überrascht daher, dass einigen Community-Mitglieder das Konstrukt stark kritisiert haben. Um den Community-Einfluss zu stärken, will das Nextcloud-Team die AGPL als Lizenz für den Code beibehalten. Karlitschek versichert zudem, dass es bereits einen Plan gebe, dem Community-Projekt einen juristischen Rahmen zu geben.

Dies könne ein eingetragener Verein sein, der dann auch die Markenrechte hält und "wirklich unabhängig sein soll", etwa nach dem Vorbild des KDE e. V. In dem hatten sich Karlitschek und Poortvliet jahrelang engagiert, Unternehmen, die das Projekt finanziell unterstützen, haben darin keine Stimm- oder Entscheidungsrechte. (Sebastian Grüner / Golem.de)

[Update, 03.06.16]: Typo entfernt, Reaktion von Owncloud veröffentlicht

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