Open Source im professionellen Einsatz

Microsoft gibt Teile der Studie frei - HP nennt Limux-Zahlen "nicht nachvollziehbar"

27.01.2013

Microsoft hat jetzt doch überraschend einen zwanzig Seiten langen Ausschnitt aus der Limux-Studie veröffentlicht, die in der letzten Woche für Furore sorgte. Angefertigt hat die Auftragsarbeit HP, und die Spezialisten kommen zu interessanten Schlussfolgerungen: So verlange beispielsweise ein aktuelles Debian deutlich schnellere Hardware als etwa Windows XP, das die Stadt heute vermeintlich noch im Einsatz hätte, hätte sie damals nicht auf Linux migriert.

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Der Münchner Oberbürgermeister Ude hat dasPapier verlangt, die IT-Verantwortlichen der Stadt München sowieso, und auch Münchens Dienstleister IBM wollte von Microsoft Einblick haben. Es ginge schließlich nicht an, haltlose Vorwürfe zu machen, also die Ergebnisse einer bei HP in Auftrag gegebenen und via Focus an die Öffentlichkeit getragenen Studie ohne jeden Beleg stehen zu lassen. Bis zum unlauteren Wettbewerb oder politischen Motiven (in  Bayern läuft der Landtagswahlkampf, und der angegriffene OB Ude möchte Ministerpräsident werden) reichten die Vorwürfe (das Linux-Magazin berichtete, siehe auch das Hashtag #limuxgate auf Google+).

20 Seiten für 60 Millionen

Redmond reagierte erst ablehnend, dann beschwichtigend und stellte dann - "nach einigen notwendigen Arbeiten" - in Aussicht, zumindest Teile der Studie zu veröffentlichen. Das scheint jetzt doch schneller geschehen als gedacht: Hier findet sich jetzt eine 20-seitige Zusammenfassung als PDF-Datei mit einigen Tabellen und Zahlen, die die Hintergründe zu erklären sucht. Das Gespann aus Auftraggeber Microsoft und deren Dienstleister HP möchte damit erläutern, warum sie in ihrer Rechnung auf 50 Millionen Euro höhere Migrationskosten kommen, als das die Stadt München darlegt.

23 Millionen Euro für Client-Lizenzen? (Quelle: HP)

"Keine belastbaren Zahlen"

In der Tat finden sich im PDF einige interessante Zitate. Die Untersuchung geht etwa davon aus, "dass bei einer damaligen Entscheidung [von Windows NT weg] zugunsten von Windows XP mit Office 2003 diese Produkte auch heute noch bei der Stadt München im Einsatz wären. Aktuell verwendet wird Ubuntu Linux mit OpenOffice.org". Belastbare Zahlen von der LHM fehlen angeblich, weshalb HP als Auftragnehmer "vergleichbare Projekte analysiert und zugrunde legt". Da finden sich dann Zitate wie: "Innerhalb von Deutschland ist ODF weit davon entfernt, Standard-Datenformat zu werden.", dass "über 80 Prozent der [Münchener] Linux-Clients von Software für Fachverfahren betroffen seien, die nicht auf Linux laufen und "die Stadt München [deshalb] mindestens fünf verschiedene Betriebsumgebungen für Fachverfahren bereitstellt" - also Debian Linux, Ubuntu und drei verschiedene Formen von Windows (virtualisiert, als Terminalserver oder als Windows-Client). Oder aber: "Wenn der Rollout der aktuell 12.000 Linux-Basisclients seit 7 Jahren läuft, dann sind das bei 222 Arbeitstagen pro Jahr rein rechnerisch knapp unter 8 Clients pro Tag. In gut aufgesetzten Migrationsprojekten unter Windows mit einer entsprechenden Softwareverteilungs-Infrastruktur sind erfahrungsgemäß Migrationszahlen von 50 bis 500 Clients pro Tag erreichbar."

HP behauptet, derlei Migrationen 7 bis 70 mal schneller abzuwickeln

Unverhohlen kritisiert HP auch die grundlegende Strategie der Stadt München, ja eigentlich jede Migration zu Linux generell: "Die vielen Produktwechsel im Verlauf des Projektes lassen Zweifel an der Planbarkeit und Zukunftssicherheit von Investitionen aufkommen. Bei einer Entscheidung zugunsten Windows XP mit Office 2003 wären im Verlauf des Projektes zwar Installationen von Service Packs und Patches angefallen, die Produkte selbst würden sich aber immer noch im Support des Herstellers befinden." Auch die aufwändige Office-Migration sei keineswegs abgeschlossen, sondern falle bei jedem Wechsel wieder an. Microsoft dagegen unterstütze seine Kunden bei Office-Umstellungen, etwa mit Hilfs- und Test-Programmen und "automatischer Konvertierung".

"Debian Linux braucht schnellere Hardware als Windows" 

Debian Linux hat deutlich höhere Hardwareanforderungen als Windows XP, sagt HP. (Quelle: HP)

Die Linux-Systeme bräuchten überdies deutlich schnellere Hardware als das verglichene Windows XP, schreibt HP, so dass auch hier Mehrkosten bei Limux entstanden sein müssen, die sich offenbar nirgendwo niedergeschlagen hätten. Aus vielerlei Gründen seien deshalb die bisher veröffentlichten Zahlen der Projektverantwortlichen nicht nachvollziehbar. 

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