Open Source im professionellen Einsatz

Limux: "Megatrend Open-Source" - OSBA bietet München Hilfe an

01.09.2014

Die Open Source Business Alliance hat den Bürgermeistern der Stadt München Hilfe angeboten. Die hatten in den letzten Wochen durch kritische Bemerkungen über die IT-Infrastruktur für Aufsehen gesorgt und die Linux-Migration, das Limux-Projekt, in Frage gestellt. Die Stadt München sei mit IT@M (dem Dienstleister der Landeshauptstadt) ja auch Mitglied in der OSBA. Der Verband würde sich freuen, ins Gespräch zu kommen und zu helfen.

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"Wir sehen die Linux-Welt ja auch nicht durch eine rosarote Brille", erklärt OSBA-Vorstand Peter Ganten (Univention) im Gespräch mit dem Linux-Magazin. Im Gegenteil, wenn es Probleme mit Linux oder Open-Source-Software gebe, wolle man konstruktiv helfen, diese zu lösen.

Man habe den Münchner Bürgermeistern OB Reiter (SPD), Bürgermeister Schmid (CSU) sowie der Bürgermeisterin Strobl (SPD) konkrete Hilfe angeboten und sei froh, dass die Stadt München jetzt auch bereit sei, externe und unabhängige Untersuchungen zur Zufriedenheit, Usability und Funktionalität der eingesetzten Software in die Wege zu leiten. Medien hatten vergangene Woche berichtet, dass dabei auch die Leistungsfähigkeit und Effizienz der gesamten Münchner IT auf den Prüfstand käme.

Den "Megatrend" Open-Source müsse man zur Kenntnis nehmen, erklärt Ganten. Führende Industrie-Hersteller entwickeln heute gemeinsam grundlegende, freie und frei verwendbare Standards - und gerade eine Millionenmetropole wie München könne es sich kaum leisten, sich von dem Trend abzukoppeln.

Praktische Hilfe

Auch die OSBA habe ein Interesse daran, Probleme zu lösen, vor allem wenn diese ursächlich auf den Gebrauch von Open-Source-Software zurückzuführen seien. Keine Glaubensfragen, sondern praktische Aufgaben stünden da im Fokus, so Ganten. Die OSBA mit ihren Arbeitsgruppen könne etwa im Bereich der Office-Interoperabilität, auf zahlreiche Erfolge verweisen, die beispielsweise den Datenaustausch und die Kompatibilität freier Office-Produkte mit den proprietären Formaten von Microsoft deutlich verbessert hätten. Und letztendlich zähle doch, dass die Mitarbeiter arbeiten könnten und zufrieden seien.

Die Open Source Business Alliance repräsentiert über 200 Anbieter und Anwender von Open Source in Deutschland, darunter Deutsche Telekom, IBM, Open Xchange,
Fujitsu, Red Hat, verschiedene Städte und wissenschaftliche Einrichtungen. Das Limux-Projekt hat seit Anfang dieses Jahrtausends knapp 20000 Rechner in der Münchner IT auf freie Software umgestellt (das Linux-Magazin berichtete). 2013 wurde das Projekt feierlich abgeschlossen, seit 2014 läuft die Einführung einer Groupware-Lösung (Kolab). Deren Fehlen hatte beim Amtswechsel von OB Ude zu Reiter für Irritationen beim Nachfolger gesorgt, der zusammen mit seinem CSU-Bürgermeister in den Medien eine Rückmigration zu Microsoft ins Spiel brachte.

Wirres Spiel um Macht und Einfluss?

Davon weiß jedoch die Münchner IT offenbar noch nichts, wie Stefan Hauf, Sprecher der Stadtverwaltung im Münchner Rathaus letzte Woche gegenüber Techrepublic erklärte - im Gegenteil, bei einer "Neubewertung und Analyse" gehe es eher um die gesamte IT-Organisation - nicht speziell um Limux. Seit Juli schlummert ein Antrag von FDP-HUT-Piraten im Ratsinformationssystem, der scheinbar den gleichen Inhalt hat, aber offenbar eben nicht von der Mehrheitsfraktion im Stadtrat stammt und wohl deshalb keine Erfolgsaussichten hatte. In Leserbriefen zum Beispiel bei der Süddeutschen Zeitung melden sich Mitarbeiter der Stadt, die Bedenken vor einer erneuten (Rück-)Migration äußern, weil das auch wieder nur "wochenlang lahmgelegte Computer" zu verursachen drohe.

Ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung ("Angst vor neuen Abstürzen") zeigt sich ein von vielen Münchnern angesprochenes Problem: Da wird der Leiter des internen Münchner Dienstleisters IT@M, Karl-Heinz Schneider, damit zitiert, dass viele Benutzer eben falsche Maßstäbe anlegten und den heimischen PC als Vorbild nähmen, was in einer Großstadt nicht zielführend sei. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, doch pikanterweise hatte kurz vorher Bürgermeister Schmid seinen eigenen PC als besser dargestellt. Für die SZ ein klarer Seitenhieb des IT@M-Leiters auf seinen Bürgermeister.

Derlei taktische Geplänkel finden sich an vielen Stellen: Auch die jetzt kritisierte, weil fehlende Groupware-Strategie sei nie ein Thema gewesen, berichten Insider. Dass das jetzt aufs Tableau käme, deute ihrer Meinung vielmehr nach darauf hin, dass man von oben her, aus rein politischen Gründen, "Limux nach und nach sturmreif schießen wolle". Da kämen jetzt, nach der OB-Wahl,  die politischen Versäumnisse wie auch deren mangelhafte Umsetzung innerhalb der IT-Organisation gerade Recht, um das "quasi Münchner Unternehmen Microsoft" wieder in die Hallen der oberbayerischen Referate zu holen, wo die Redmonder doch jetzt wieder vor der Rathaustüre residieren - zur großen Freude von Reiter. Namentlich zitieren lassen will sich mit derlei Vorwürfen jedoch niemand, auch eine entsprechende Interviewanfrage des Linux-Magazins an OB Reiter liegt seit Wochen unbeantwortet bei der Pressereferentin des OB.

Migmak, Kolab und der Sündenbock

Als Kalenderlösung setzt die Landeshauptstadt derzeit die nicht mehr vom Hersteller unterstützte Oracle Calendar Suite OCS ein, allerdings nur, um tausende Kalender innerhalb der Stadt als "public folders" zu teilen. Im Rahmen des Projektes Migmak wird in München bereits an der Einführung von Kolab als Groupware gearbeitet. Ein deutsch-schweizer Anbieterkonsortium hatte die Ausschreibung für sich entschieden, die 2012 ins Leben gerufen wurde.

Vorher (also offenbar etwa bis 2010) sah man in München unter den Verantwortlichen sowohl in IT- wie auch in Budget-Fragen offenbar keinen Bedarf für eine zeitgemäße Groupware oder Details für die Anbindung von Tablets oder Smartphones. Das jetzt zu kritisieren oder gar dem Limux-Projekt oder der "Open-Source-Software, die bekanntermaßen gelegentlich kommerzieller Software hinterherhinkt" die Schuld zu geben, halten mittlerweile auch populäre Medien wie die Süddeutsche Zeitung für einen allzu durchsichtigen Versuch der Bürgermeister, Limux zu diskreditieren oder von den Versäumnissen der Verwaltung abzulenken: "Schuld daran soll das Betriebssystem von Linux sein. Dumm nur, dass diese Version kaum plausibel erscheint.", kommentiert da sogar die SZ.

Es ist nicht so einfach

Sollte sich die Vermutung bewahrheiten, die Politik wolle das Rad zurückdrehen, stehen ihr schwere Aufgaben bevor. Neben der Pflicht zu Ausschreibungen und dem generellen Vorgehen bei Projekten dieser Größenordnung müsste auch der Stadtrat sowie ein großer Teil der IT-Mitarbeiter und Verantwortlichen überzeugt werden, was in München derzeit nicht als leichte Aufgabe gilt. Mehrfach haben diese in den letzten Monaten auf Angriffe von oben reagiert und das Linux-Projekt verteidigt. Es scheint eben doch so, als liegen die Probleme anderswo.

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