Open Source im professionellen Einsatz

Kernel-Entwickler Kolivas wirft das Handtuch

26.07.2007

Nach langer Diskussion um seine Patches, Innovationen und Ideen rund um den Linux-Desktop hat der australische Arzt und Kernelentwickler Con Kolivas bekannt gegeben, die Arbeit am Linux-Kernel einzustellen.

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Der Bruch mit der Entwicklergemeinschaft kündigte sich bereits Anfang Juli an. Con Kolivas setzte in der Linux Kernel Mailing List ein Ultimatum zur Aufnahme seines Swap-Prefetch-Patches. Auch das Gerangel um seine Scheduler-Patches hat zum Ärger beigetragen. Diese und und andere Innovationen pflegte Kolivas in einem eigenen Kernel, dem "-ck"-Archiv. Ihm war es zuwider, dass Linux auf immer mehr Plattformen lief, aber dennoch nicht schneller wurde. Seiner Meinung nach wurde der Bereich des Desktops völlig vernachlässigt um höhere Skalierbarkeit zu erreichen. Daher kümmerte sich Kolivas um angepasste Scheduler, die die Reaktionsgeschwindigkeit stark steigerten. Doch seine Patches blieben oftmals kontrovers und wurden nicht integriert.

Ein weitere Kritikpunkt Kolivas trifft die Kommunikation zwischen den Entwicklern untereinander als auch zu Anwendern. Die Kernelentwickler seien mittlerweile zu weit vom normalen User entfernt. Die Linux Kernel Mailing List werde als Werkzeug nicht so genutzt, wie es wünschenswert sei. Entwickler würde vielfach aus Angst, ihre Unwissenheit würde zu Kritik führen, auf Mails an die Liste verzichten. Auch sei der Umgangston rüder geworden.

Con Kolivas war einer der bekannteren Kernelentwickler. Seinen Ruf hatte er nicht nur seiner innovativen Arbeit am Linux-Kernel zu verdanken, sondern vor allem der Tatsache, dass er Kernelhacking als sein Hobby betrieben hat. Großen Respekt hatte sich Kolivas erworben, da er sich das Programmieren in der Sprache "C" autodidaktisch aneignete. Er war einer der wenigen Entwickler, die nicht aus dem IT-Bereich stammen. Hauptberuflich ist Kolivas als Anästhesist in einem Melburner Krankenhaus tätig.

In einem Interview mit dem APC Magazin erklärte Con Kolivas nun, sich von der Kernelentwicklung zurückzuziehen. Er wolle seine Zeit in Zukunft verstärkt seiner Familie, seinem Hauptberuf und dem Erlernen der japanischen Sprache widmen. Damit verliert die Open-Source-Gemeinschaft einen innovativen Entwickler, der dafür stand, dass jeder, der willens und fähig ist, an der Entwicklung von Open-Source-Software teilhaben kann.

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