Die Keynote des ersten Nachmittagsprogramms der Akademy 2012 präsentierte der spanische KDE-Entwickler Augustin Benito Bethencourt (aus dem KDE e.V. Board of Directors). Er zeigte anhand von sechs seiner Meinung nach schlagenden Beispielen, wie erfolgreich die KDE-Community sei:

Mit den Schlagworten "Active patience" - dem unerschütterlichen Glauben und die Bereitschaft zu warten, "Magister" (KDE stellt das beste E-Learning-System), drittens "Leadership" (KDE bereitet mehr und mehr den Nährboden für ein eigenes Ökosystem an erfolgreichen, von KDElern gegründen Firmen), über viertens "Vision" - sowohl KDE auf Tablets wie auch die Edu-Plattform ziehe derzeit jede Menge interessierte Firmen aus der klassischen Wirtschaft an, die mit Linux und KDE Produkte entwickeln wollen und fünftens "Effizienz" ("Das KDE-Projekt schafft mittlerweile neue Releases in weniger als einem Tag, da träumen einige große Konzerne davon!") bis hin zu "Experience Innovation". Dieser sechste Punkt beschreibt die Tatsache, dass "wir nach großen Veränderungen endlich die coolen Dinge angehen. Wir können uns der Innovation widmen. Das ist enorm wichtig, wie der Fall Nokia, aber auch Yahoo oder die Ängste der Apple-Anhänger nach dem Tode von Steve Jobs zeigen. Viele große Unternehmen gingen den Bach runter, als sie aufhörten, innovativ zu sein."

Am IT College der Estnischen Hauptstadt in Tallinn.

Am IT College der Estnischen Hauptstadt in Tallinn.

Ähnlich überraschende Worte fand Aaron Seigo anschließend in seinem Vortrag über die Bemühungen rund um die Plasma-Active-Tablets, Vivaldi und Make.Play.Live. Zwar konnte er die geplante Live-Demo der nächsten Tablet-Generation nicht vorführen, weil der chinesische Hardwarehersteller die verbauten Geräte und damit auch das Android-System unter dem Plasma-Stack so verändert hatte, das die neue Version zunächst nicht mit Plasma Active läuft. Seigo: "Ich kann Euch gar nicht sagen, wie mich das ärgert. Was Treiberentwickler rund um den Android-Kernel machen, ist einfach Mist ('a mess'). Und leider ist heute der Userspace eng mit dem Kernelspace verwoben, auch dazu sage ich jetzt lieber nicht, was ich davon halte."

Ärgernis Android-Treiber

Das Ganze ist umso ärgerlicher, als bereits zahlreiche Firmen auf Linux-Geräte mit freier Software warten, um ihre eigenen Apps mit sichereren Plattformen zu bauen. Das sei weniger das Problem, meint Seigo. Schwerer ist es, gute Hardwarehersteller zu finden und Entwickler mit viel Motivation und Leidensfähigkeit zu gewinnen. Wenn das System läuft, macht das Entwickeln unheimlich Spass, so sei beispielsweise der PDF-Viewer Okular innerhalb eines Tages zu einer QT-Touch-Anwendung, einem E-Book-Reader erweitert worden.

Den Anfang des zweiten Tages machte Thiago Macieira mit seiner Keynote über die Erfolge des Qt-Projektes, und der Hilfe durch das KDE-Projekt. Nachdem Nokia Qt abgestoßen hatte, zweifelten nicht wenige an der Zukunft der Desktop-Library, doch mittlerweile scheint sich auch hier das "Open Government"-Konzept erfolgreich durchzusetzen. Im weiteren Verlauf des Vormittags standen Themen wie die Sprachunterstützung (Multilingual Wikis, Multicultural Environments) sowie das erfolgreiche Debugging und Educational Software mit KDE auf dem Programm, ehe sich die anwesende Community in der Mittagspause zum alljährlichen Gruppenfoto versammelte.

Fröhliche KDE-Entwickler nehmen Aufstellung fürs Gruppenphoto.

Fröhliche KDE-Entwickler nehmen Aufstellung fürs Gruppenphoto.

Open Science und Patentabwehr für Open-Source-Projekte

Die nächste Keynote am frühen Nachmittag stand ganz im Zeichen der Wissenschaft. Will Schroeder (Kitware) zeigte, wie in immer mehr Bereichen der Forschung die Bedeutung und Nützlichkeit freier Software erkannt wird. "Vieles ist ohne Open Source Software nicht lösbar, vom High-Performance-Computing bis zum Publizieren offener Dokumente." Als "eine Tragödie" bezeichnete er es, dass man heute extra das Attribut "Open" zum Wissenschaftsbegriff hinzufügen müsse. Bei der Analyse von CT- und MRT-Daten hätten Ärzte beispielsweise häufig keine Chance, Bilder verschiedener Geräte sinnvoll zu vergleichen, weil die Hersteller proprietäre Software verwendet hätten, und "niemand in deren Code reinschauen kann." Das aber sei nur ein Beispiel von vielen, wo der Einsatz unfreier Software den Fortschritt in der Medizin behindere. Auch deshalb gehe der Trend eindeutig in Richtung freie Software, erklärt Schroeder. Und sowohl Wissenschaftler wie auch Universitäten würden erkennen, dass die freie Publikation ihrer Ergebnisse im Web schneller, billiger und effektiver sei. Daher gelte: "Seid egoistisch und teilt Euere Ergebnisse!"

Raffi Gostanian vom Open Invention Network hilft Entwicklern, die sich gegen Patentansprüchen wappnen wollen.

Raffi Gostanian vom Open Invention Network hilft Entwicklern, die sich gegen Patentansprüchen wappnen wollen.

Auch auf dem Schlachtfeld der Patentkriege tut sich etwas in der Open-Source-Welt. Raffi Gostanian vom Open Invention Network rief freie Software-Entwickler auf, ihre Ideen als Dokument zu veröffentlichen, um so Prior Art zu schaffen, die in etwaigen kommenden Patentverfahren als Beleg dienen kann, um unrechtmäßige Ansprüche von Patenttrollen abzuwehren. Als Beispiel nannte er das Patentverfahren rund um die langen Dateinamen im FAT-Dateisystem, in dem Linus Torvalds mit einem Kommentar in einer E-Mail von 1992 als Zeuge auftrat und damit weitreichende Ansprüche von Microsoft vernichtete. "Das ist ein perfektes Beispiel dafür, wieso es sich lohnt, Prior Art zu schaffen. Das ist nicht schwer, es bedarf nur einer Idee, einem technischen Papier (bis zu zwei Seiten lang) und ein wenig Hilfe vom OIN" (Gostanian). Die Institution sorge dafür, die Dokumente auf der Website ip.com zu veröffentlichen, da diese regelmäßig von den Sachbearbeitern in den Patentämtern zur Suche von Prior Art benutzt werde. "Jeder von Euch sollte das machen, und zwar regelmäßig, und wir helfen Euch dabei!" rief er den anwesenden Entwicklern zu.

Die Akademy geht ab Montag in die Workshop-Phase, am Dienstag findet das traditionelle Treffen des KDE .e.V statt, ehe die Veranstaltung bis Freitag in Bofs und weiteren Workshops ausklingt.