Open Source im professionellen Einsatz

Jacob Appelbaum verlässt Tor-Projekt

06.06.2016

Nach Vorwürfen wegen sexuellen Missbrauchs hat der Tor-Entwickler und Journalist Jacob Appelbaum das Tor-Projekt verlassen. Während dieses nun die Vorwürfe intern aufklären will, veröffentlicht eine anonyme Webseite ihre Sicht auf die Dinge.

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Zunächst gab es am 2. Juni 2016 lediglich die knappe Meldung, der Tor-Entwickler Jacob Appelbaum sei am 25. Mai zurückgetreten. Zwei Tage später folgte ein Statement, das es in sich hatte. Gegen Appelbaum gebe es Missbrauchsvorwürfe von mehreren Mitgliedern des Projekts. Zugleich stellt ihn eine anonyme Webseite an den Pranger.

Als Entwickler hat der US-Amerikaner Appelbaum, der zurzeit in Berlin lebt, lange Jahre am Tor-Projekt mitgearbeitet und dieses auf Konferenzen auch immer wieder vertreten. Dabei schreckte der erklärte Feminist auch vor streitbaren Äußerungen und deutlichen Worten nicht zurück und kritisierte kürzlich einige Journalisten des Guardian namentlich, weil diese Whistleblowern Gefahren aussetzen würden. Appelbaum arbeitete zugleich als freier Journalist, unter anderem für den Spiegel. Im Mai 2014 erhielt er etwa den Henri-Nannen-Preis für seine Recherchen zur NSA-Überwachung des Telefons von Angela Merkel, den er allerdings ablehnte.

In dem erwähnten Statement erklärt die Geschäftsführerin Shari Steele, dass es auch im Tor-Projekt bereits länger entsprechende Gerüchte gebe. Diese hätten sich nun erhärtet und Appelbaum wäre nach Gesprächen mit der Projektleitung zurückgetreten. Man habe noch nicht alle Fakten und arbeite mit einer Anwaltskanzlei zusammen, die sich mit solchen Fällen auskenne. Man untersuche diese Vorwürfe und forsche nach, wo es möglich sei. Die Ergebnisse werde man aus Respekt vor den involvierten Personen nicht öffentlich machen.

Nach dem Ausstieg Appelbaums aus dem Tor-Projekt erschien eine anonyme Webseite, die Geschichten verschiedener Personen sammelt, die nach eigener Aussage teilweise selbst von Appelbaum belästigt wurden oder zumindest Zeugen dessen gewesen sind.

The site was made by a small group of people of different genders, who are tired of Jake victimizing and harassing our friends in the infosec and internet freedom communities. Some of us have personal stories of being abused by Jake and some don't.

Die Vorwürfe gegen Appelbaum kämen laut der FAQ auf der anonymen Webseite nicht aus heiterem Himmel. Die Belästigungen seien ein offenes Geheimnis, die Gerüchte existieren seit Jahren, doch das helfe den Opfern nicht weiter. Dank der öffentlichen Webseite, die sie als letztes Mittel darstellen, würden nun alle von den Geschichten über ihn erfahren. Man habe jahrelang vergeblich versucht, mit ihm zu reden und habe sich auch im Tor-Projekt beschwert, das aber erst jetzt reagiere. Man wolle Appelbaum nicht verfolgen oder körperlich schaden, hoffe aber, dass er Hilfe sucht und glaube zugleich, dass es nicht zu einer Anklage gegen ihn kommen werde. Das Tor-Projekt halte man weiterhin für sinnvoll und sei froh, dass es zumindest am Ende öffentlich reagiert habe. Nebenbei äußern die Macher auch Plagiatsvorwürfe.

Shari Steele vom Tor-Projekt fordert die Angestellten des Projekts auf, sich mit ihr in Verbindung zu setzen, wenn sie etwas zur Aufklärung beitragen können, oder sich an die offiziellen Behörden zu wenden. Da das Vertrauen in diese häufig nicht sehr hoch sei, würden Vertrauenspersonen im eigenen Umfeld eine Alternative darstellen. Für die Tor-Community wolle man nun Richtlinien und praktische Regeln erarbeiten, um die Arbeit für alle Beteiligten künftig sicherer zu machen. Im Fall Appelbaum werde man eine Balance suchen zwischen dem Bedürfnis, transparent und verantwortlich zu sein, und dem Bedürfnis, die Privatsphäre der betroffenen Privatpersonen zu schützen.

Jacob Appelbaum antwortet

Heute nahm Appelbaum schließlich auf einer Webseite Stellung zu den Vorwürfen. Die Anschuldigungen gegen ihn wegen krimineller sexueller Übergriffe seien komplett falsch. Es habe sicherlich Momente in seinem professionellen oder privaten Leben gegeben, in denen er andere er ungewollt beleidigt oder verletzt habe, doch habe er sich stets entschuldigt, wenn er solcher Vorfälle gewahr wurde und wolle dies auch weiterhin tun.

Es sei nicht der erste Versuch, seine Arbeit zu unterminieren. Die "substanzlosen und unbegründeten Angriffe" seien aber derart aggressiv, dass er sich gezwungen sehe, darauf zu antworten. Neben der falschen Webseite habe es auch Todesdrohungen gegeben. Er kritisiert, dass es für die Community extrem gefährlich sei, solche ehrabschneidenden Taktiken zu verwenden, sie hätten bereits eine hässliche Geschichte in der LGBT-Community. Er sei aber bereit, notfalls auch mit legalen Mitteln gegen die Anschuldigungen vorzugehen.

Das bestätigt auch seine PR-Agentur, die sich in seinem Namen auch gegenüber dem Linux-Magazin äußerte. Unter den verschiedenen diffamierenden Anschuldigungen einer anonymen Gruppe von Leuten sei keine, die sich verifizieren lasse. Seine Anwälte würden an einer Verfügung gegen die monströsen und falschen Vorwürfe arbeiten. Persönlich sei niemand hervor getreten und der Eigentümer der anonymen Webseite lasse sich nur schwer zurückverfolgen.

Appelbaum nehme aber die Sorgen des Tor-Projekts ernst, trete aufgrund der massiven Anschuldigungen zurück und widme sich vorerst seiner Doktorarbeit zum Thema Kryptografie. Hinter der Sache, die das Tor-Projekt verfolgt, stehe er weiterhin.

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