Open Source im professionellen Einsatz

Erste Qtcon in Berlin

02.09.2016

Noch bis Sonntag läuft in Berlin die erste Qtcon, auf der unter anderem die KDE- und Qt-Entwickler die Zukunft ihrer Projekt diskutieren, aber auch Videolan und die Free Software Foundation Europe (FSFE).

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Ein Veranstalter schätzte, dass im Rahmen der Qtcon ungefähr 700 Interessierte nach Berlin kommen. Der Standort wurde nicht nur wegen seiner zentralen Lage in Europa gewählt, Qt, KDE und die FSFE haben auch Büros in der Hauptstadt.

Die Wichtigkeit der Konferenz für das KDE-Projekt unterstrich Lydia Pinscher. KDE sei traditionell auf eine gute Zusammenarbeit mit Qt angewiesen. Damit diese Kooperation funktioniere, müsse man sie permanent pflegen. Qts CTO und Chief Maintainer Lars Knoll haute von der anderen Seite in eine ähnliche Kerbe und wies auf das Ende 2015 erneuerte KDE Free Qt Foundation Agreement hin. Es sei das erste Update seit 1998, schließe nun alle Desktops und mobilen Plattformen ebenso mit ein wie den Qt Creator. Zugleich wurde die Open-Source-Lizenz ab Qt 5.7 auf die LGPLv3/GPLv2 aktualisiert. Während die Bibliotheken vorwiegend unter der LGPL stehen, unterliegen die Qt-Tools der GPL.

Qt scheint es ansonsten gut zu gehen, vor allem im Automotive-Bereich, in den IVI-Systemen, kommt es mit Vorliebe zum Einsatz, etwa bei BMW. Laut R&D-Chef Tuukka Turunen verdient The Qt Company, die Firma hinter Qt, Geld vor allem mit Lizenzen und Standardsupport. Im Embedded-Bereich ist Qt, auch dank Qnx, bereits seit längerer Zeit aktiv. Die Zahl der Geräte wachse ebenso wie die Komplexität der darauf laufenden Software, so Turunen. Qt profitiere laut dem Entwicklungsleiter auch davon, dass auf 93 Prozent der Systeme C++ laufe. Laut CTO Lars Knoll spiele auch eine Rolle, dass Qt Entwickler mit verschiedenen Tools ausstatte, die ihnen einen möglichst umstandslosen Zugriff auf die Geräte erlauben.

Tuukka Turunen (l.) und Lars Knoll sprachen auf der ersten Qtcon unter anderem über die Zukunft von Qt.

Auch für plattformübergreifende Apps lasse sich Qt verwenden, QML sei dabei eine leichtgewichtige Programmieroption. Für das Entwickeln von komplexeren Apps mit dem Qt Creator seien allerdings C++-Kenntnisse klar von Vorteil. Wer aber native Apps für I-OS und Android entwickele, müsse sich andernfalls auch mit Java, Cocoa und Objective-C auseinandersetzen.

In einem eigenen Talk stellte Knoll dann verschiedene Ziele für Qt vor. Zu denen gehört ein vereinheitlichtes Konfigurationssystem, eine schlanke Qt-Variante namens Qt Lite. Für Qt GUI will man die Open-GL-Abhängigkeiten reduzieren und Support für weitere Grafik-APIs ergänzen. Python sei eine Sprache, die man unterstützen möchte, QML will The Qt Company ebenfalls weiter ausbauen. Auch eine Aussage zu Qt 6 ließ sich der CTO entlocken: Der früheste Termin dafür wäre wohl 2019. Im nächsten Jahr soll aber erstmal Qt 5.9 folgen.

Mehr Nerds für KDE

Auch das KDE-Projekt sieht sich auf einem Weg mit Zukunft. In einer unterhaltsamen Keynote forderte der Projektdesigner Jens Reuterberg die KDEler dazu auf, mehr auf den inneren Nerd zu hören. Man brauche keinen Steve Jobs, der Entscheidungen von oben herab fälle. Solche Boss-basierten Systeme seien zwar effizient, aber ein gutartiger Diktator treffe eben auch Entscheidungen, die der Community nicht komplett gefallen.

Einen Steve Jobs brauche das KDE-Projekt sicher nicht, ist Projektdesigner Jens Reuterberg überzeugt. Vielmehr solle es sich auf seine eigenen Stärken konzentrieren.

Zudem sollte das KDE-Projekt nicht anderen Entwicklungen hinterher laufen, sondern eigene, großartige Ideen umsetzen und im Zweifel eher im großen Stil scheitern als einen durchschnittlichen Erfolg zu erzielen. KDE-Entwickler seien vielleicht zum großen Teil Nerds, aber das sei gut so. Das Projekt brauche viel mehr echte Nerds, weil nur die ganz genau wissen, was ihnen selbst am besten gefällt. Nach so viel Honig folgte dann noch etwas konstruktive Kritik, von der Reuterberg selbst angab, dass man sie stets mit 90 Prozent Komplimenten servieren müsse. So empfahl er etwa, mehr Akzeptanz für Menschen zu zeigen, die nicht den selben Level von Begeisterung teilen und mehr über Leute zu reden, die sich aktiv im Projekt engagieren.

Auch Lydia Pintscher äußerte sich optimistisch, dass es mit dem KDE-Engagement weiter gehe. Nachwuchsprobleme habe das Projekt wie viele Freiwilligen-Projekte heutzutage zwar auch, aber über Veranstaltungen wie Googles "Summer of Code" kämen immerhin regelmäßig neue Entwickler in die Community. Daneben habe sich die KDE-Community kürzlich auf neue Ziele für die Zukunft geeinigt. Nun müsse das Projekt sehen, wie es diese in die Praxis umsetzen kann. Die ursprünglichen Ziele für KDE stammten ebenfalls noch aus den 90er Jahren, einige seien erreicht worden, andere veraltet oder nicht mehr umsetzbar.

Für die FSFE war unter anderem Simon Phipps vor Ort, der über rechtliche Körperschaften für Open-Source-Projekte redete. Wenn Open-Source-Projekte aufgrund ihrer Größe nach einer rechtlichen Organisationsform suchen, um etwa Spenden anzunehmen und Codelizenzen zu verwalten, sollen sie diese verwaltungstechnischen Aufgaben laut Phipps besser einer Dachorganisation überlassen, als sie selbst zu übernehmen. Die könne sich dann um eine kontinuierliche Kommunikation mit dem Finanzamt kümmern und Aufgaben übernehmen, die Entwickler eher als lästig empfinden. Zusammen mit ein paar Mitstreitern will Phipps so eine Dachorganisation in Europa aufbauen.

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