Ein Toast auf Wine 1.0
18.06.2008
Nach fünfzehn Jahren Entwicklungszeit ist die freie Laufzeitumgebung Wine bei der Versionsnummer 1.0 angelangt; gleichzeitig erreicht die kommerzielle Variante Crossover die Version 7.0.
Das freie Projekt wird von dem US-amerikanischen Unternehmen Codeweavers wesentlich gestützt, weshalb beide von den Neuerungen mit dem großen Versionssprung profitieren. Das Unternehmen Codeweavers wirbt für seine kostenpflichtige Variante mit „dramatisch besserer“ Unterstützung für Office 2007 inklusive Outlook, wie es der Vertriebschef Jon Parshall formuliert. Zudem verspricht der Hersteller, dass die neueren Adobe-Anwendungen wie beispielsweise Adobe Photoshop 7.0 reibungslos laufen. Für die Open-Source-Variante sieht der Wine-Entwickler Jeremy White, zugleich Mitgründer und Chef von Codeweavers, die wesentlichen Neuerungen erheblich breiter: „Heute (...) ist es vernünftig zu hoffen, dass jede Applikation laufen wird, mit wenigen Ausnahmen. Und in der Praxis lässt sich bereits ein beträchtlicher Teil installieren und nutzen.“ Er verweist auf die Wine-Liste der unterstützten Anwendungen, auf der die Entwickler die Leistungsfähigkeit unter Wine von Platin über Bronze bis hin zu „bekannt, dass es nicht geht“ (known not to work) einstufen. „Die WineHQ-Einstufungsseite zeigt, dass knapp 75 Prozent der Anwendungen mindestens als 'Bronze' laufen“, meint White und relativiert das ein wenig: „Ich glaube die Seite übertreibt ein wenig, aber ich glaube, dass 50 Prozent keine schlechte grobe Schätzung ist für Applikationen, die man installieren kann und die mindestens anfangen zu arbeiten.“
Das freie Projekt Wine wurde 1993 gegründet, und Jeremy White ist seit rund zehn Jahren dabei. In den ersten Beta-Versionen lieferte Wine eine Zwischenschicht für Windows-3.1-Programme unter Linux, mit Solitaire als erster getesteter Anwendung. Weil Wine die von Windows-Programmen benötigten Schnittstellen nachbaut, können die Anwendungen direkt unter anderen Betriebssystemen wie Linux, Unix oder Mac OS X genutzt werden, praktisch ohne Geschwindigkeitsverlust. Eine Leistung, die nach Whites Meinung unterschätzt wird: „Man zeigt jemandem, wie MS Office mit Wine läuft – was ein kleines technologisches Wunder ist und das Ergebnis harter Arbeit von ein paar hingebungsvollen Leuten – und er brummt nur, weil es ein alltäglicher Anblick ist.“
Ein Grund für die lange Entwicklungszeit war, dass die Versionen Windows 2000 und XP wesentlich mehr Änderungen nötig machten, als die Entwickler vorhergesehen hatten. Gleichzeitig kurbelten die Software-Anbieter mit ständig aktualisierten Anwendungsprogrammen den Wettlauf gegen die Zeit weiter an. Künftige Wine-Versionen sind folglich abhängig von den jeweils neuen Windows-Versionen und dazugehörigen Anwendungen. Zudem betont White den Aufwand hinter den Kulissen: „Es gab viel Infrastruktur-Arbeit, die für den Anwender nicht so sichtbar war, aber die bedeutet, dass Wine wesentlich robuster und leistungsfähiger ist als bisher.“ Die Entwickler betrachten es als "Frage der Ehre", dass sie sich als Nebeneffekt der Version 1.0 mit der zusätzlichen Aufgabe der Rückwärtskompatibilität beschäftigen. Auf die Frage, ob Wine mit künftigen Entwicklungen bei Microsoft mit Windows 7 und ähnlichem Schritt halten kann, meint White: „Ich glaube schon, aber nur weil wir nicht so sehr mit Microsoft Schritt halten als vielmehr mit den Software-Herstellern.“
Die Open-Source-Variante Wine steht auf der Projektseite zum kostenlosen Download zur Verfügung. Das kommerzielle Crossover 7.0 enthält weite Teile der Open-Source-Lösung, jedoch gewährleistet das Unternehmen dahinter den Leistungsumfang der besonders getesteten Funktionalitäten und bietet Support. Anwender mit laufendem Supportvertrag können die Software auf der Codeweavers-Seite kostenlos herunterladen. Für die Software mit einem Jahr Updates und Support berechnet das Unternehmen 64 US-Dollar, umgerechnet rund 41 Euro.
(Britta Wülfing)
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