Stellvertretend für die 130 aktiven Distributionen, die auf Debian beruhen, hatten sich vier Entwickler auf dem Podium zum traditionellen runden Tisch der Derivate zusammengefunden: Moritz Mühlenhoff (Univention), Emmett Hikory (Ubuntu), Michael Prokop (Grml) sowie ein Programmierer mit dem Pseudonym Intrigeri vom Projekt Tails, einer Live-CD zur anonymen Internetbenutzung. Insgesamt äußerten sich die Teilnehmer sehr zufrieden mit ihrer Debian-Basis, Hikory würdigte insbesondere die 30.000 Softwarepakete, die das Projekt betreut.

Die Debconf 11 findet im Kulturzentrum Banski Dvor in Banja Luka (Republika Srpska, Bosnien) statt.

Die Debconf 11 findet im Kulturzentrum Banski Dvor in Banja Luka (Republika Srpska, Bosnien) statt.

Lediglich Tails habe Probleme mit Security-Fixes für den Browser Iceweasel, die oft erst nach Erstellung der ISO-Images in Debian eingingen, beklagte der Live-CD-Entwickler. Moderator Andreas Tille verwies ihn auf den monatlichen Update-Zyklus des Mozilla-Projekts, mit dem das Derivat seine Releases abgleichen könne.

Daneben diskutierte die Runde, was die Derivate für Debian tun könnten. Univention beispielsweise sponsert die Debconf und den Cebit-Auftritt des Projekts. Daneben nimmt das Bremer Unternehmen Qualitätssicherung vor: Beim Neukompilieren der Debian-Release Squeeze hat es 10 Fehler entdeckt und Patches an Debian geschickt. Ubuntu, sagte Hikory, bringe viele neue Nutzer zu Linux. Daneben betreuten Ubuntu-Maintainer ihre Softwarepakete oft auch für Debian. Sein Kollege Colin Watson sprang ihm mit Zahlen bei: Rund 400 Patches von Ubuntu stünden derzeit in Debians Bugtracker BTS an, 1600 seien bereits eingearbeitet. Grml dagegen pflegt insbesondere Pakete rund um die Z-Shell.

Der Debian-Projektleiter Stefano Zacchiroli - im seit der Debconf in Edinburgh traditionellen Debian-Kilt.

Der Debian-Projektleiter Stefano Zacchiroli - im seit der Debconf in Edinburgh traditionellen Debian-Kilt.

Der Debian-Projektleiter Stefano Zacchiroli schloss an dieses Runde eine passende Birds-of-a-Feather-Sitzung an. Ihm geht es vor allem darum, die Arbeit der vielen Derivate wieder in Debian sowie in die Upstream-Softwareprojekte einzuarbeiten. Das solle letztlich der Verbesserung freier Software dienen, die wichtiger sei als jede der einzelnen Distributionen. Dabei müsse der Informationsfluss immer in Richtung Upstream erfolgen, bei einem Ubuntu-Derivat beispielsweise zu Ubuntu, dann zu Debian und schließlich zum ursprünglichen Softwareprojekt. Das sorgte für ein wenig Widerspruch aus dem Saal: In einigen Fällen sei es besser, den Fehler direkt an Upstream zu melden, von wo sich die Verbesserung wieder durch die Distributionen verbreitet. Das hänge hauptsächlich davon ab, ob es sich um einen echten Software-Bug handle oder einen Fehler beim Paketieren, fasste Zacchiroli zusammen.

Daneben gab er einen Überblick über Debians Aktivitäten zur Zusammenarbeit mit Derivaten: Der Derivatives Front Desk existiert seit Mai 2010 und dient als erste Anlaufstelle für die Entwickler von Debian-Derivaten. Die Debian Derivatives Exchange (DEX) dient vornehmlich dem Fluss von Patches in Richtung Upstream. Dabei seien die besten Erfolge laut dem Debian-Projektleiter mit kurzfristigen, klar umrissenen Aktion zu erreichen. Das Projekt "Ubuntu Ancient Patches" etwa habe 2050 Patches mit unklarem Status von Ubuntu erfolgreich abgearbeitet. Derzeit arbeitet ein Student mit Google-Sommerstipendium an Tools und Infrastruktur für DEX. Insbesondere wichtig ist es Zacchiroli, "Brücken zwischen all den verschiedenen Bugtrackern der Distributionen zu bauen".

Daneben gab es in der Sitzung noch praktische Tipps: Das Tool Whohas sucht Software distributionsübergreifend, so dass sich Patches anderer Distributoren für ein bestimmtes Paket finden lassen. Derivate sollten neue Softwarepakete am besten erst ins Debian-Hauptprojekt einbringen, weil das die Pflege erleichtere. Laut Andreas Tille funktioniert das leichter über einen "Request for Package" (RFP) als über einen "Intent to Package" (ITP).

Abschließend bat Stefano Zacchiroli die Entwickler von Derivaten, am Debian Derivatives Census teilzunehmen und ihre Distribution bei dieser Datenerhebung zu registrieren. Ein kleiner, aber weithin sichtbarer Erfolg der Derivate-Initiativen ist der Blog-Aggregator Planet Debian Derivatives. Die erste Anlaufstelle für Derivat-Entwickler, die ihren Kontakt zu Debian verbessern möchten, ist die Derivatives-Mailingliste.