Open Source im professionellen Einsatz

Bund will eventuell fünf Milliarden in Schul-IT investieren

13.10.2016

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka (CDU), will ab 2017 offenbar fünf Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt locker machen, um für eine bessere digitale Ausbildung an Schulen zu sorgen. Es ist nicht der erste Plan dieser Art und er hat Haken.

795

1996 startete das Projekt "Schulen ans Netz", seither hat sich in den meisten Schulen in Sachen digitale Bildung nicht viel getan. Es gibt einen mehr oder minder schlecht ausgestatteten Computerraum, als Schulfach spielt Informatik immer noch eine marginale Rolle. Und das, obwohl das Internet und Computer in vielen Berufen eine zentrale Rolle spielen. Schulen, an denen die IT reibungslos funktioniert, sind eher die Ausnahme. Häufig steht und fällt der Support mit den Lehrern, der sich um die IT kümmert, eigene Admins an Schulen sind selten.

Bildungsministerin Johanna Wanka kündigte in Berlin eine Digitalstrategie für Schulen an.

Nun will also der Bund es richten. Eigentlich ist Bildung Ländersache. Paragraf 91c GG erlaube es laut der zuständigen Ministerin Johanna Wanka aber, dass Bund und Länder gemeinsam an einer digitalen Strategie arbeiten. Auf einer Pressekonferenz in Berlin stellte die Ministerin am Mittwoch Pläne für ein "Digitalpakt #D" vor. Es reiche nicht, Technik auf die Schüler zu werfen, wenn es keine Unterrichtskonzepte für den IT-Umgang an Schulen gebe, stellte Wanka zunächst fest. Der Plan: Der Bund will das Geld geben, rechtliche Fragen klären und eine zentrale IT-Infrastruktur aufbauen, eine Cloud. Die Länder sollen im Gegenzug die Lehrer in Sachen IT aus- und weiterbilden.

Schnelles Internet und Cloud

Um schnelles Internet zu gewährleisten, will man Schulen an das Gigabitnetz anschließen. Eine zentrale Cloud soll zudem dafür sorgen, dass nicht die Schulen, sondern ein Unternehmen sich um Wartung und Pflege der Infrastruktur kümmert. Wanka will den IT-Einsatz nicht nur auf einen Computerraum oder bestimmte Fächer beschränken, sondern wie in der Arbeitswelt in alle Bereiche integrieren.

Das Projekte beziehe zudem alle rund 40 000 Schulen in Deutschland ein, unabhängig vom Schultyp. Denn die Digitalisierung vergrößere die Schere in der Gesellschaft eher als dass sie sie verkleinere. Entsprechend wichtig sei es, Informatik nicht nur den Gymnasien zu überlassen. Ein Plan ist, die Lehrinhalte für Ausbildungsberufe mehr auf aktuelle IT-Anforderungen zuzuschneiden.

Kritik und offene Fragen

Noch scheinen viele Fragen offen. So müsse man die Ausgabe der Milliarden in einem Koalitionsvertrag regeln. Voraussetzung für den "Digitalpakt #D" wäre also, dass die Wähler der CDU einen Auftrag zur Regierungsbildung geben und dass der künftige Koalitionspartner mitspielt. Zudem müsse die Partei mit den Ländern und Lehrervertretungen reden. Das stelle sich Wanka allerdings unkomplizierter vor als bei der Exzellenzinitiative.

Ob die eingesetzte IT-Hardware und -Software offen oder proprietär sein wird, kam in der Konferenz nicht zur Sprache. Die Cloud soll in Zusammenarbeit mit den Bundesländern und dem Hasso-Plattner-Institut entstehen. 200 naturwissenschaftlich-mathematische Gymnasien sollen an einem Pilotprojekt zum Einsatz der Cloud teilnehmen.

Die Schulcloud verwalte die Software und stelle die Hardware-Infrastruktur bereit, die Schulen bräuchten nur "Tastaturen und Monitore" heißt es. Außerdem sieht der Plan vor, dass die Schüler ihre ohnehin mitgebrachten Smartphones im Unterricht einsetzen oder die Schulen solche verleihen (BYOD). Vom Betriebsstandpunkt aus ist die Cloud eine gute Idee, da die Schulen die Software dann nicht selbst patchen und aktualisieren müssten. Doch es gibt ein paar Haken.

Ist-Zustand

Wie die Peripheriegeräte an die zentral verwalteten Betriebssysteme und Dienste kommen, bleibt offen. Irgendeine Form von lokalen Rechner werden die Schulen brauchen. Ein anderes Problem ließ die Ministerin ebenfalls aus: An den Schulen arbeiten meistens Lehrer als Admins. Sie erhalten ein paar Stunden erlassen und müssen sich die IT-Kenntnisse selbst beibringen. Nicht selten schreiben reguläre Lehrer Fehlzeiten- und Notenprogramme in ihrer Freizeit selbst, wobei diese sich von Schule zu Schule und Bundesland zu Bundesland durchaus unterscheiden. Bastellösungen sind also an der Tagesordnung.

Wie der "Digitalpakt #D" also mit den vorhandenen Infrastrukturen umgehen will und ob es in Zukunft IT-Experten in den Schulen selbst geben wird, blieb offen. Die Vorstellung ist offenbar, dass Lehrer in den Schulen ein paar vom Ministerium gelieferte Boxen anstöpseln und dann alles von selbst läuft. Das dürfte in der Praxis freilich anders aussehen. Es gibt Drucker, es gibt von Lehrern zu Hause erstelltes Unterrichtsmaterial und es gibt die genannten Bastellösungen, auf die Lehrer bauen. Eine per Cloud angebotene Software erfüllt erfahrungsgemäß selten alle speziellen Wünsche der Schule und ihrer Lehrer.

Dass die Opposition auch keine bessern Pläne zur IT hat, zeigten die Reaktionen auf den Vorschlag. Die SPD findet den Vorschlag offenbar akzeptabel, fordert aber gleich, zusätzlich die Schulgebäude zu sanieren, Ganztagsschulen auszubauen und einen Pakt für berufliche Bildung aufzubauen. Die Grünen hauen in eine ähnliche Kerbe. Das alles mag richtig sein, IT-Konzepte sind das aber eben nicht. Lediglich der Verband Bildung und Erziehung weist darauf hin, die Nachhaltigkeit des Konzepts vertraglich abzusichern, andernfalls drohen Investitionsruinen.

Ähnliche Artikel

  • Digitalpakt#D liegt auf Eis

    Außer Spesen nichts gewesen: Laut SPD-Fraktion hat Finanzminister Schäuble die Pläne für den Digitalpakt#D beerdigt. Für die digitale Ausbildung von Schülern soll es zukünftig kein Geld geben, stattdessen steigt der Etat für die Bundeswehr.

  • Kritik am Digitalpakt#D

    Der geplante Digitalpakt#D des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) bewegt sich gemächlich ins Jahr 2017. Es gibt Kritik an der Kooperation mit der Wirtschaft und der Prioritätensetzung, zugleich signalisieren einzelne Länder verhaltene Zustimmung.

  • Rumäniens Lehrer lassen Linux liegen

    Dass Linux-Migrationen häufig weniger an technischen und vielmehr an menschlichen Problemen scheitern, zeigt ein aktueller Bericht aus Rumänien.

  • Skolelinux für Rheinland-Pfalz

    Etwa 1700 Schulen in Rheinland-Pfalz sollen zukünftig Skolelinux als Basis für ihre Rechner nutzen. Die Entscheidung fiel bereits im letzten Jahr. Nun läutet das Projekt die nächste Phase ein.

  • Cloud für die Schule

    Galizien, die autonome Gemeinschaft im Nordwesten Spaniens, startet zusammen mit anderen europäischen Ländern die Erforschung von quelloffenen Cloud-Lösungen für den Einsatz an Schulen.

comments powered by Disqus

Stellenmarkt

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.