Vom 30. Juni bis zum 6. Juli trifft sich die KDE-Community zu Keynotes, Vorträgen und Workshops in der baltischen Rebublik Estland. Das ehemals Reval genannte Tallinn eignet sich da vortrefflich als Veranstaltungsort, gilt das kleine Land doch vielerorts als E-Estland: Freies Wifi überall, die Hotspots sind in Landkarten verzeichnet und durch eigene Verkehrsschilder ausgewiesen.

Internet in Estland. Hinweisschilder am Straßenrad führen zum nächsten Wifi-Hotspot.

Internet in Estland. Hinweisschilder am Straßenrad führen zum nächsten Wifi-Hotspot.

Dieses Jahr versammelt sich die Community im Estnischen IT College im Südwesten der Hauptstadt. Nach der Begrüßung durch KDE-Entwickler und KDE-e.V-Board-Member Cornelius Schumacher illustrierte Mathias Klang in einer unterhaltsamen Keynote die seiner Meinung nach derzeit stattfindende "TIVO-isierung des Alltags, ja der ganzen Zivilisation". Getrieben von Social Media Companies wie Facebook oder Twitter würden dabei die User immer mehr in "eingezäunte Bereiche und Datensilos gezwängt", aus denen es kaum ein Entrinnen gäbe. Besonders schlimm findet er daran, dass dem User meist verborgen bleibt, was hinter den Vorhängen der Gratisangebote geschieht.

Mathias Klang zu sozialen Netzwerken und Cloud Computing:

Mathias Klang zu sozialen Netzwerken und Cloud Computing: "Ich finde es beängstigend, wie wir in eingezäunte Bereiche und Datensilos gezwungen werden."

"Sie geben uns Entertainment, aber in Wahrheit sind wir die Melkkühe, an deren Daten sie wollen", beklagt der schwedische Anwalt. "Aber diese Freiheit ist wertlos ohne den darunter liegenden Code." Die Digitalisierung habe da nicht nur Vorteile gebracht, fährt er fort: "Vor der Entwicklung des Internets hatten wir kompatible Kommunikationsformen, heute dominiert der Vendor-Lock-In." Im Schnelldurchlauf zeigt er, wann sich Schrift, Interpunktion oder die Leerzeichen zwischen den Worten entwickelt haben und nennt Gutenberg den "Steve Jobs seiner Zeit". Zwar sei auch das Internet offen und frei, aber nur bis die sozialen Netzwerke kamen. Dazu bemüht er durchaus auch provokative Worte: "Früher war ich ein Stalker, aber heute bin ich auf Facebook."

Wie kaum ein anderes Land des ehemaligen Ostblocks hat Estland eine sehr fortschrlttliche IT-Landschaft.

Wie kaum ein anderes Land des ehemaligen Ostblocks hat Estland eine sehr fortschrlttliche IT-Landschaft.

Das Problem gehe aber viel weiter. "Je mehr Technologie wir in unseren Alltag lassen, um so weniger Freiheit haben wir. Ich mache hier keine Maschinenstürmerei wie bei den Ludditen des 19. Jahrhunderts, sondern ich halte das für die direkte Konsequenz einer technologischen Entwicklung. Den nachfolgenden Generationen bringen wir nur noch bei, wie sie die Geräte zu bedienen haben, von dem darunter liegenden Code erfahren sie nichts." 16jährige, die das Internet nur noch als Schnittstelle zu Facebook und Twitter wahrnehmen, machen ihm Angst, sagt Klang.

Mut zum Mahnen!

Aber das zu ändern, erfordere den Mut, die Stimme zu erheben und den Mahner zu geben, gegen den allgemeinen Trend. In seinem abschließenden Appel forderte Klang die anwesenden auf, "den Leuten [zu] erzählen, was da gerade passiert, was der Anbieter mit Ihren Daten macht, dass all die Gadgets ihren Alltag manipulieren und es doch schließlich alles in den EULAs stehe. Lest die EULAs und dann denkt nach!"

Diskussion um Unternehmen und KDE

Ebenfalls als Keynote sprach anschließend Mirko Boehm über den Zustand Meritokratie im KDE-Projekt, die in letzter Zet für Unmut gesorgt hatte. Durchaus nachdenkliche Worte fielen da, und auch die rege Diskussion im Anschluss an den Vortrag zeigt, wo das KDE-Projekt heute steht: Zwar sei die Beteiligung an der Community und unter den Entwicklern enorm (Boehm), aber dennoch gebe es viel Kritik. User wenden sich enttäuscht ab, weil ihr Feedback nicht ankomme. Da sei von "den Bonzen" im KDE-Projekt und -Verein die Rede, auch Forks werden offenbar in Mailinglisten diskutiert.

Aktuelle Konflikte in der KDE-Community nahm Mirko Boehm als Thema für seine Keynote.

Aktuelle Konflikte in der KDE-Community nahm Mirko Boehm als Thema für seine Keynote.

Unter anderem Schuld daran hat auch die unterschiedliche Wahrnehmung der Rolle von Firmen im KDE-Projekt. Enterprise-User wünschen sich eine stärkere Beteiligung von Companies und mehr Offenheit des Projektes gegen Unternehmen, die dazu bereit sind. Mindestens genau so viele Community-Mitglieder stehen dem jedoch skeptisch gegenüber. Eine Frage in der Diskussion lautete beispielsweise (sinngemäß): "Sollen wir dann auch Rüstungsunternehmen reinlassen?"

Solcherlei Ängsten will Boehm (und der KDE e.V.) mit mehr Transparenz und Offenheit entgegentreten. Die jüngst eingerichtete "User working group" (offenbar noch nicht auf der KDE website) soll das Feedback der Anwender besser in Ergebnisse münden lassen. Zwar sei KDE das "größte ausschließlich von Freiwilligen getrieben Open-Source-Projekt, das ohne Unternehmen auskommt", und es zeichne sich durch eine sehr erfolgreiche Geschichte aus, aber dennoch gesteht Boehm ein, dass es zuletzt "Reibungsverluste" gegeben habe. Die Lösung sei, die Schlagworte "Open by default, improve by default" zu verwirklichen und den "Code of Conduct" auch auf die User auszudehnen, mit Garantien und Rechten.

Nach den Keynotes standen Vorträge über die KDE Frameworks 5, KDE Releases, die funktionieren", mehrere Talks rund um QT, mobile Devices und Entwicklungen wie Wayland auf dem Programm. Die Akademy läuft über sieben Tage, bis zum 6. Juli.