Aus Linux-Magazin 11/2010

Vorabtest: Kolab 2.2.4 mit Sync ML und Kontact Enterprise 5

© orangeline, 123RF.com© kolab.org

Die Arbeit geht weiter: Nach Jahren der Stagnation bekommt der freie Groupwareserver jetzt Sync ML, Active Sync und Kontact-Desktop-Clients für Smartphones, Apple OS X und Microsoft Windows spendiert. Hinter den Kulissen werkelt nun mit Kolab Systems eine neue Firma.

Geht es nach den Kolab-Entwicklern, dann wird 2010 das Jahr, in dem der Softwaredampfer wieder Fahrt aufnimmt. Diverse Clients sollen den Groupwareserver zum Universalwerkzeug für Collaboration machen, das jedes Betriebssystem und alle Smartphones unterstützt.

Zuerst erklangen solche Ankündigungen auf dem 8. KDE-PIM-Treffen in Osnabrück [1]. Auf Cebit und Linuxtag gab\’s erste Präsentationen, jetzt zeigen sich konkrete Ergebnisse. Vor allem Optimierungen rund um Sync ML, Active Sync [2] sowie der Windows-, Mac- und Mobile-Port von Kontact stehen dabei im Vordergrund, aber auch die strategische Neuorganisation rund um die neugegründete Kolab Systems [3] macht sich bemerkbar.

Exklusiv-Preview

Peter Ganten zu
Kolab


Die Firma des Univention-Geschäftsführers Peter Ganten integriert mehrere Groupwaresuiten in ihre Linux-Distribution.

Linux-Magazin: Univention bietet die Wahl aus vier verschiedenen Groupwareservern. Wem würden Sie Kolab niemals empfehlen?

Peter-Ganten: Anwender, die hauptsächlich oder nahezu ausschließlich Web-basiert auf Kalender zugreifen und hier einen ähnlichen Komfort erwarten, wie sie ihn von KDE Kontact oder Microsoft Outlook her kennen, werden mit dem Horde-Webclient heute sicher nicht glücklich, auch wenn er sicher gut geeignet ist, um gelegentlich einmal Web-basiert in den eigenen Kalender zu schauen. Und Anwender, die in erster Linie mit Outlook zugreifen wollen, spüren deutliche Unterschiede zur Kombination Outlook-Exchange.

Linux-Magazin: Welche Stärken hat Kolab gegenüber der Konkurrenz?

Peter-Ganten: Aus Anwendersicht besteht die wirkliche Stärke von Kolab in der vollständigen und sehr ausgereiften Unterstützung von KDE Kontact als Client. Damit empfiehlt sich dieses System vor allem für solche Anwender, die zum großen Teil von Linux-basierten Desktops auf ihre Mail- und Groupwaredaten zugreifen können.

Diese Benutzer bekommen mit Kontact einen nativen Client, der optimal in den Desktop integriert ist und alle typischerweise von Outlook her erwarteten Funktionen an der richtigen Stelle bietet, in vielen Bereichen aber weit darüber hinausgeht. Kolab ist außerdem ein sehr schlankes Open-Source-System, das auf vielen bewährten Standardkomponenten aufsetzt.

Big Player: Kolab, Zarafa, Ox, Scalix, Zimbra

Linux-Magazin: Welche sind die anderen Big Player auf dem Groupware-Markt?

Peter-Ganten: Die derzeit wichtigen Player im Open-Source-Groupware-Markt sind Open Xchange, Zarafa und Scalix. Zimbra spielt nach unserer Erfahrung im deutschsprachigen Raum eher keine wesentliche Rolle.

Wer sich heute für ein neues Groupwaresystem entscheidet, sollte seine Anforderungen genau analysieren, dann findet er schneller die für ihn beste Lösung. Als Hilfestellung dazu haben wir auf [10] eine Vergleichsmatrix veröffentlicht. Die Stärken von Zarafa und Scalix liegen demnach in einer gelungenen Abbildung des Exchange-Featureset in Verbindung mit Outlook und mit modernen Webinterfaces und einer guten Unterstützung für mobile Geräte.

Open Xchange ist wie Zarafa Open-Source-Software, hat aber eine Reihe von Features zu bieten, die weit über die typische Groupware hinausgehen. Dazu gehören Funktionen, die man sonst bei Dokumentenmanagement-Systemen (ECM) vorfindet, und neuerdings eine einzigartige Integration von Web-2.0-Diensten.

Linux-Magazin: Was muss sich bei Kolab bald verbessern? Was hat sich positiv verändert?

Peter-Ganten: Mit Spannung haben wir natürlich die Gründung der Kolab Systems AG verfolgt. Dadurch, dass hinter Kolab nun ein Unternehmen steht, das seinen wirtschaftlichen Erfolg mit dem Erfolg der Groupwarelösung Kolab verknüpft hat, kommt wieder neuer Schwung in die Entwicklung, was man beispielsweise an der Portierung von Zarafas Active-Sync-Implementierung nach Kolab erkennt.

So muss es weitergehen, Anwender erwarten von einem Groupwaresystem ein zeitgemäßes Webinterface und die Möglichkeit zum Zugriff von den verschiedensten Endgeräten aus. Kolab kann mit der besten Integration in den Linux-Desktop punkten und muss noch eine Reihe von Aufgaben lösen, um auch bei Webinterface und Anbindung von Mobilgeräten mit den Wettbewerbern gleichziehen zu können.

Lange erwartet: Der Outlook-Ersatz

Linux-Magazin: Was ist Ihrer Meinung nach derzeit die vielversprechendste Entwicklung um Kolab?

Peter-Ganten: Das ist mit Sicherheit die Portierung von KDE Kontact nach Windows. Diese verspricht einen freien, mächtigen Mail- und Groupwareclient für Windows, der durch die plattformübergreifende Verfügbarkeit eines Tages einen ähnlichen Stellenwert haben könnte wie Firefox und für Unternehmen eine nachhaltige Alternative zu Outlook darstellt.

Dadurch würde sich eine wichtige Lücke bei Open-Source-Anwendungen unter Windows schließen und die Abhängigkeit von Microsofts Betriebssystem könnte noch schneller sinken. Das wiederum würde gleichzeitig die Hürde für den Einsatz alternativer Clients weiter senken.

Dass Kolab nicht perfekt arbeitet, ist Admins großer Setups schmerzlich bekannt. Ihre Stärken hat die Groupware seit jeher auf dem Linux-Desktop mit seinem KDE-Client Kontact (siehe Kasten “Peter Ganten zu Kolab”). Auf der DELUG-DVD findet sich ein KVM-Image, das die Entwickler von Kolab Systems dem Linux-Magazin exklusiv zur Verfügung stellten und das den aktuellen Stand ihrer Arbeit dokumentiert.

Darin enthalten sind eine Preview der kommenden Kontact-Version (4.6 pre), ein vollständiger Kolab-Server 2.2.4 inklusive Horde-Webmailer, Sync ML und eigens integriertes Active Sync. Wer sich traut Kolab selbst zu installieren, sollte den Groupwareserver aus den Quellen kompilieren [4] und danach die experimentellen Z-Push-Pakete [5] für Kolab hinzufügen. Der Kasten “Z-Push für Kolab” zeigt deren Installation.

Z-Push für
Kolab

Nach dem Download von [5] installiert Rpm die Kolab-Z-Push Pakete:

sudo /kolab/bin/openkpg rpm -Uvh *.rpm

Wer den Kolab-Server aus den Quellen gebaut hat, muss hier noch die Option »–ignoreos« an Rpm übergeben. Nach einem Update der Kolab-Konfiguration mit

/kolab/sbin/kolabconf

sollte ein Zugriff mit dem Browser auf die Adresse

http://Kolab-Server/UMicrosoft-Server-ActiveSync

eine Ausgabe wie folgende liefern:

GET not supported
This is the z-push location and can U
only be accessed by Microsoft U
ActiveSync-capable devices

Das bedeutet: Z-Push ist erfolgreich installiert. Sollte es Probleme geben, stehen in der Datei »1st.README« und im Kolab-Wiki [6] weitere Hinweise.

Doch wer jetzt die Einstellungen für die Synchronisation im Admin-Frontend sucht, wird schnell eines Besseren belehrt: Dessen Web-GUI präsentiert sich wenig beeindruckt von den Erweiterungen und so rudimentär wie eh und je (Abbildung 1). Viel mehr als die Kontrolle der Dienste, Benutzer und Gruppen gibt es hier immer noch nicht. Überhaupt haben die meisten Änderungen der letzten Jahre ihre Spuren eher in den Clients hinterlassen.

Abbildung 1: Pomadig wie eh und je kommt das simple Admin-Frontend von Kolab daher (Fenster unten im Vordergrund). Hinten der umfangreichere Webmailer Horde mit dem GUI für die Server-seitige Mailfilterung.

Abbildung 1: Pomadig wie eh und je kommt das simple Admin-Frontend von Kolab daher (Fenster unten im Vordergrund). Hinten der umfangreichere Webmailer Horde mit dem GUI für die Server-seitige Mailfilterung.

Deutlich mehr Optionen finden sich zwar schon in dem Webmailer Horde (siehe Abbildung 1), in dem die Anwender auch ihre Synchronisations-Einstellungen vornehmen (Abbildung 2). Trotzdem erscheint auch Horde ein wenig in die Jahre gekommen, von Ajax oder Drag&Drop ist wenig zu sehen. Vom Funktionsumfang der Konkurrenz wie beispielsweise Zarafa, Zimbra oder Open Xchange ist Horde weit entfernt.

Abbildung 2: Jeder Benutzer konfiguriert seine Synchronisations-Einstellungen für Sync ML oder Active Sync im Webmailer. Im Vergleich mit der Konkurrenz lassen die verfügbaren Optionen zu wünschen übrig.

Abbildung 2: Jeder Benutzer konfiguriert seine Synchronisations-Einstellungen für Sync ML oder Active Sync im Webmailer. Im Vergleich mit der Konkurrenz lassen die verfügbaren Optionen zu wünschen übrig.

Für Kolabs Standardclient Kontact dagegen stehen bald neue Releases für Windows (Abbildung 3) und Mac OS X (Abbildung 4) ins Haus. Auch wenn sie allesamt Derivate des Enterprise-Fork von KDE-PIM sind, sollten Anwender sie immer noch mit Vorsicht genießen. Wie das neue Kontact Mobile (Komo, Abbildung 5) und Kontact Enterprise 5 (Abbildung 6, Developer Preview auf der DELUG-DVD) erweisen sie sich bisweilen noch als recht wackelig. Die KDE-Version auf der DVD integriert erstmals den vollständigen Akonadi-Stack [7].

Abbildung 3: Seit der Enterprise-4-Release gibt es Kontact endlich auch für Windows.

Abbildung 3: Seit der Enterprise-4-Release gibt es Kontact endlich auch für Windows.

Abbildung 4: Ein Wizard kümmert sich um die Einrichtung der Groupware-Funktionen, hier auf Mac OS X.

Abbildung 4: Ein Wizard kümmert sich um die Einrichtung der Groupware-Funktionen, hier auf Mac OS X.

Abbildung 5: Auf dem N900 läuft Kontact Mobile (Komo) bereits. Die Bedienung funktioniert auf Windows Mobile, Maemo und Meego analog.

Abbildung 5: Auf dem N900 läuft Kontact Mobile (Komo) bereits. Die Bedienung funktioniert auf Windows Mobile, Maemo und Meego analog.

Abbildung 6: Die neueste Developer-Version von Kontact (hier die 4.6 Preview von der DELUG-DVD) integriert erstmals Akonadi vollständig.

Abbildung 6: Die neueste Developer-Version von Kontact (hier die 4.6 Preview von der DELUG-DVD) integriert erstmals Akonadi vollständig.

Ärgernis Akonadi?

Über den Datenverwaltungsdienst mussten sich zahlreiche Anwender in den letzen Jahren reichlich ärgern, vor allem beim Umstieg auf KDE 4.x brachten zahlreiche Fehlermeldungen rund um Akonadi, Soprano, Nepomuk, Virtuoso und die beteiligten Datenbanken selbst motivierte Anwender zur Weißglut.

Probleme beim Update der Libraries hatten die Entwickler zu einer schrittweisen Upgrade-Strategie gebracht, die darin gipfelte, dass bei den aktuell in den Distributionen enthaltenen Kontact-Versionen nur Teile wie das Adressbuch, nicht aber der Kalender auf den Datencache des Akonadi-Systems zugreifen.

Kein Wunder, dass sich KDE-Entwickler Sebastian Kügler auch gezwungen sah, in einem seiner jüngsten Blogposts die Idee hinter Akonadi noch einmal im Detail und aus Anwendersicht zu erläutern [8]. Die Nachfrage war offenbar gewaltig: Die Webseite war über eine Woche lang nicht erreichbar.

Das Ziel der Akonadi-Entwickler ist ein schneller, lokaler Offline-Cache für Online-Daten jedweder Art. Alle Akonadi-fähigen Anwendungen können auf die MySQL- oder PostgreSQL-Datenbanken zugreifen. Datenobjekte braucht das System nur einmal vorzuhalten, weil zum Austausch Akonadi-Links ausreichen.

Etwas komplizierter wird das Ganze, weil wie selbstverständlich auch KDEs semantische Desktop-Suche [9] mit Nepomuk und Strigi den Akonadi-Store indexiert. Während der Eingabe erhält der Benutzer so zum Beispiel schon in Krunner (über [Alt]+[F2] erreichbar) auch alle E-Mails oder Termine angezeigt, in denen der getippte String vorkommt. Als netter Nebeneffekt stehen die Daten auch den Plasma-Widgets zur Verfügung, die sie dynamisch auslesen und aktuelle Infos auf dem Desktop darstellen.

Akonadi-Konsole

Für Entwickler bietet die Akonadi-Konsole eine ausgiebige Spielwiese. Sie ist ebenfalls auf dem Image der DELUG-DVD installiert und präsentiert dem Admin auf zahlreichen Tabs alle relevanten Daten und Informationen, die in Akonadi gepuffert sind. Mit dem »Browser« taucht der Admin tief in die Details ein.

Abbildung 7 zeigt einzelne Groupware-Objekte am Beispiel des Kalenders. Zur Erinnerung: Auf dem hier verwendeten Kolab-Server sind diese Daten als E-Mails in IMAP-Foldern gespeichert, die die Termine als Attachments im XML-Format enthalten, getreu dem Kolab-Dogma “Alles ist eine E-Mail”.

Abbildung 7: Mit der Akonadi-Konsole kommen Entwickler an die Details der gecachten Informationen, zum Beispiel einen Termin aus der Kolab-Groupware.

Abbildung 7: Mit der Akonadi-Konsole kommen Entwickler an die Details der gecachten Informationen, zum Beispiel einen Termin aus der Kolab-Groupware.

Immer schnellere Fortschritte macht dagegen Kontact Mobile (Komo). Bis Ende des Jahres soll die Windows-Mobile-Version für das HTC Touch Pro 2 erscheinen, auf Maemo (und später Meego) lässt sich bereits heute ein Eindruck von dem etwas gewöhnungsbedürftigen GUI gewinnen (Abbildung 5). Dies ist vor allem der kleinen Displaygröße der Smartphones geschuldet.

Wenn die Installation mit Apt-get klappt, landen mehrere vertraute Icons für Mail, Kalender, Adressbuch, Notizen und Tasks im Programmmenü. Eine deutsche Lokalisierung fehlt noch, aber ansonsten funktioniert die Unstable-Release schon recht gut und lief im Test auf dem Nokia N900 einigermaßen stabil.

Die Entwickler von Intevation haben dafür das komplette Akonadi-Framework samt MySQL-Datenbank und Indizierungsfunktionen so abgespeckt, dass es auch auf mobilen ARM-Plattformen mit wenig RAM und schwachbrüstiger CPU performant bleibt. So läuft eine komplette Datenbank mit Indexfunktion auf dem Handy.

Der mobile Client unterstützt alle IMAP-basierten Funktionen des Kolab-Servers, hängte sich im Test aber einige Male mit einem weißen Display auf. Ein herausragendes – weil auf Mobiltelefonen seltenes – Feature ist die in Komo integrierte Verschlüsselung mit S/Mime und PGP.

Fazit

Als eine der ältesten Open-Source-Groupwaresuiten hat Kolab seinerzeit viel von dem Engagement des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI, [11]) profitiert. Über die Jahre verlor das Projekt jedoch viele Fans, zum Beispiel wegen der schlechten Performance bei großen Mailboxen oder vielen Kalendern oder dem altertümlichen Webfrontend. Trotzdem punktete das Urgestein bisher stets mit seiner vorbildlichen Unterstützung für Linux-Clients und deren Offline-Fähigkeit.

Daran hat sich nichts geändert: Wo die Konkurrenz auf Ajax, Mapi und Web 2.0 setzt, bietet Kolab Offline-Groupware und das Versprechen, bald beliebige Client-Betriebssysteme zu unterstützen. Zum Jahresende sind die Versionen 2.3 (Kolab), 4.6 (KDE-PIM) sowie Komo für Maemo, Meego und Windows Mobile angekündigt, wenig später sollen Anwender unter Windows und OS X in den Genuss der Enterprise-Version 5 kommen. Bleibt nur zu hoffen, dass da auch ein zeitgemäßes Webfrontend rausspringt. (mfe)

Infos

[1] Markus Feilner, “Schneetreiben”: Linux-Magazin 03/10, S. 32

[2] Markus Feilner, “Von wegen synchron”: Linux-Magazin 04/10, S. 58

[3] Hintergründe zur Gründung der Kolab Systems AG: [http://www.kdenews.org/2010/03/01/kolab-systems-aims-bring-kolab-groupware-new-level]

[4] Kolab aus den Quellen installieren: [http://wiki.kolab.org/index.php/Kolab2_Installation_-_Source]

[5] Z-Push-Pakete, Kolab: [http://files.kolab.org/incoming/wickert/z-push-testing]

[6] Kolab-Wiki zu Z-Push: [http://wiki.kolab.org/index.php/Z_push#Install_Z-Push_with_RPMS]

[7] Bruno Virlet, “Hauptpostamt”: Linux-Magazin 12/07, S. 44

[8] Demystifying Akonadi: [http://satellite.vizzzion.org/blog/2010/08/demystifying-akonadi]

[9] Christian Meyer, “Such!”: LinuxUser 12/09, S. 72

[10] Univention, Groupware-Vergleich: [http://www.univention.de/produkte/ucs/ucs-loesungen-groupware/tech-mail-overview]

[11] BSI: [http://www.bsi.bund.de]

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