Geschäftsfelder, auf denen Linux-Affine als Freiberufler starten können, gibt es mehrere. Dieser Beitrag beschreibt nicht nur typische Einstiegsszenarien, gibt Tipps für die Kundengewinnung und nennt realistische Stunden- und Tagessätze, sondern porträtiert auch Linuxer, die es geschafft haben .
Der Weg in die Selbstständigkeit gerät steinig, wenn der Firmengründer meint, die Geschäftswelt hat die ganz Zeit nur auf ihn gewartet. Die umfassendsten Entwickler- oder IT-Infrastruktur-Fertigkeiten nutzen wenig, wenn nur der eigene Bekanntenkreis und der frühere Arbeitgeber davon weiß. Ohne Marketing in eigener Sache kann man seine Firma gleich “Dornröschen” nennen.
Eine Reputation aufzubauen dauert einige Zeit, die man sich entweder mit Eigenkapital verschaffen muss oder quasi unter der Hand organisiert. “Ich war noch an der Universität angestellt, als ich parallel anfing, professionell Schulungen und Beratungen anzubieten. Dadurch war ich nicht darauf angewiesen, mit der Nebentätigkeit ein volles Auskommen zu haben”, erinnert sich Ralf Spenneberg, der heute Büros mit Angestellten und Schulungsräume unterhält ([1], Abbildung 1), an seine Anfangszeit.

Abbildung 1: Ralf Spenneberg arbeitet seit Mitte der 1990er Jahre als freier Unix- und Linux-Trainer, Berater und Autor. Sein Schulungsunternehmen residiert im nordrhein-westfälischen Steinfurt.
Der diplomierte Biochemiker mit starkem Hang zu Linux fädelte in den 1990ern Kooperationen mit großen Schulungsfirmen ein, zum Beispiel Integrata Training [2] in Stuttgart sowie Traicen [3] in Münster, für die er Ende der 90er Linux-Schulungen konzipierte und als Selbstständiger mit festen Tagessätzen in deren Räumen hielt. Anfang 2000 arbeitete er mit Red Hat Deutschland zusammen.
Partner suchen
Generell ist es in der Anfangszeit eine gute Idee, mit etablierten Firmen zusammenzuarbeiten, da sie über Kundenstamm und Infrastruktur verfügen. Beim Thema Trainings einen Fuß in die Tür zu bekommen erweist sich oft als gar nicht so schwer, da die Firmen sofort nach der ersten Schulung Feedback von den Teilnehmern erhalten und so entscheiden können, ob sie mit “dem Neuen” weitermachen, und mit einem Selbstständigen als Partner kaum ein Risiko eingehen. Auch jenseits von Schulungen lohnt es, die Partnerprogramme etablierter Linux-naher Firmen zu studieren und bei Gefallen Kontakt aufzunehmen.
Ohne Teilnehmer ist der Schulungsauftrag weg
Ralf Spenneberg kennt auch die Schattenseiten der Arbeit für große Schulungsanbieter: “Die gehen davon aus, dass der Trainer bereits das Thema beherrscht, die eigene Weiterbildung und die Vorbereitung passieren auf eigene Kappe, teilweise auch die Handouts für die Teilnehmer. Daher kann ein Trainer, zumindest zu Anfang, maximal zwei Wochen pro Monat schulen.” Auch trägt der freiberuflicher Trainer meist das Ausfallrisiko des Kurses. Melden sich nicht genug Teilnehmer an, storniert das Schulungsunternehmen den Termin und er steht ohne Auftrag und Geld da.
Darum sollte der Trainer Tagessätze von mindestens 500 Euro aushandeln, denn hiervon muss er auch den vollen Krankenkassensatz, die Altersvorsorge und Einkommensteuer bestreiten sowie den Verdienstausfall bei Urlaub und Krankheit kompensieren. Unterm Strich kriegt er dann 1500 bis 2500 Euro netto raus – das ist nicht viel, dafür ist auch das Risiko klein. Spenneberg: “Solange keine Raummiete oder sonstige Fixkosten zu bezahlen sind, ist Umsatz gleich Ertrag. Auch bedarf es weder eines Startkapitals noch sonstiger gebundener Einlagen.”
Die eigene Verhandlungsposition, nicht zuletzt in Sachen Tagessatz, steht und fällt mit der eigenen Bekanntheit und vielen Kontakten. Beides ist steuerbar, so durch Vorträge auf Messen zu Themen, in denen man Profil zeigen will. “Wichtig ist es, genau zu überlegen, was man vortragen möchte, und ein gutes ausführliches Abstract einzureichen. Wer nur drei Zeilen schreibt wird nicht beachtet. Hier helfen Erfahrungen mit prägnanten Texten aus dem Studium oder mit Artikeln”, rät Spenneberg, der sich mit vielen Vorträgen auf der Blackhat, SANS, Linuxtag, den GUUG-Fachgesprächen, dem CCC-Congress und anderswo systematisch seine Ruf erarbeitet hat.
Florian Effenberger, Vorstand des Openoffice.org Deutschland e.V. und Co-Lead des internationalen Marketingprojekts bei Openoffice.org (Abbildung 2), der, wie Spenneberg damals, schon während des Studiums als Selbstständiger arbeitet, pflichtet bei: “Sicherlich die beste Möglichkeit, mit Open-Source-Gleichgesinnten und somit potenziellen Auftraggebern in Kontakt zu kommen, sind Messen und Kongresse ([4], [5]). Halte ich einen Vortrag, erreiche ich mit wenig finanziellem Einsatz ein großes Publikum. Entsprechendes Budget vorausgesetzt, könnte eine neu gegründete Firma auch gemeinsam mit Open-Source-Projekten wie Openoffice.org auf Messen ausstellen, um von bekannten Namen zu profitieren.”

Abbildung 2: Neben seinem Studium in Augsburg engagiert sich Florian Effenberger bei Openoffice.org und schreibt viel für Fachzeitschriften auf Deutsch und Englisch. Als Selbstständiger will er vor allem Netzwerke samt Softwareverteilungs-Lösungen mit freier Software konzipieren.
| Florian Effenberger über soziale Netzwerke |
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| “Für die viel zitierte Welt des Web 2.0 gilt das, was auch für alle anderen Kommunikationsformen gilt: Mit Augenmaß angewendet lassen sich gute Kontakte knüpfen. Soziale Netzwerke führen Nutzer mit gleichen Interessen zusammen – so zählt beispielsweise die Openoffice.org-Gruppe bei Xing [7] mehr als 1500 Mitglieder, Ähnliches gilt für Facebook. Auch über meinen Twitter-Feed und meinen Blog [8] kriege ich oft gute Kontakte zum Thema Open Source.” |
Artikel und Bücher
Effenberger und Spenneberg berichten übereinstimmend, dass neben Messeauftritten auch IT-Zeitschriftenartikel [6] und -Bücher für eine positive Präsenz gut seien. Spenneberg kam zum Schreiben durch einen äußeren Anlass: “Als die Dotcom-Blase platzte und die Aufträge zurückgingen, habe ich die Zeit mit Ersparnissen überbrückt und in fünf Monaten mein erstes Buch geschrieben.”
Spenneberg glaubt, dass dies der wichtigste Punkt in seinem freiberuflichen Werdegang war: “Seit den Büchern, Artikeln in Fachzeitschriften und den Vorträgen habe ich plötzlich Anfragen von Kunden erhalten, zu denen ich vorher nie Kontakt hatte.” Kunden per Kaltakquise zu belästigen, lehnt er selbstbewusst ab: “Post bekommt nur, wer vorher zu mir Kontakt aufgenommen hat.”
Vermittler helfen – und kassieren
Eine andere Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten, ist das so genannte Projektgeschäft. Hier arbeitet der Freiberufler längere Zeit bei einem (meist großen) Kunden – eine gute Gelegenheit, auch in einem Konzern zu arbeiten. (Manchmal lautet das Projektziel auch “Zwölf Monate Serveradministration”, was dann praktisch auf Arbeitnehmerüberlassung hinausläuft.)
Besonders am Anfang kommt ein Selbstständiger an Projektaufträge nur über Vermittler. Firmen, die bei einem Projekt personellen Bedarf haben, beauftragen ihrerseits solche Vermittler damit, einen geeigneten Kandidaten zu finden. Die Vermittler bringen per Datenbank beide Interessen zu Deckung. Wer nicht so gut bei Erstkontakten und Kaltakquise ist, sollte diesen Weg probieren.
Die Vermittler nennen sich zwar so, aber sie vermitteln zwischen niemandem, sondern arbeiten als Zwischenhändler für Arbeitsleistungen: Der Freelancer hat den Vertrag mit dem Vermittler, dieser den mit dem Kunden. Das führt gelegentlich zu Irritationen, wenn der Kunde etwas erwartet, wofür der Vermittler den Freelancer nicht eingekauft hat.
Zu den Großen geht’s nur so
Bei vielen großen Unternehmen, besonders bei Banken, Post und Telcos, kommen Admins, Datenbanker oder Software-Entwickler nur rein, wenn sie sich bei einem der großen Projektvermittler (wie Hays, [9]) listen lassen. Für die Konzerne mit ihrer Administration wäre es nämlich zu aufwändig, mit jedem Selbstständigen Verträge einzeln zu verhandeln. Nur wer einen hohen und gesuchten Spezialisierungsgrad besitzt (Profi für Java-Middleware oder für Asterisk-Integration) kann eventuell selbst verhandeln.
Keine Kettengeschäfte
Der Vermittler nimmt sich eine Marge, die der Überlassene offiziell nicht erfährt, im Projekt vor Ort aber irgendwie doch herausbekommt. Lauter sind Spannen um die 20 Prozent, so viel müsste man an eigenem Vertriebsaufwand auch einkalkulieren. Oft kommen aber Margen von 30 Prozent oder Kettengeschäfte vor, bei denen drei, vier, fünf Vermittler dazwischensitzen und jeder greift 5 Euro Stundensatz ab – da bleibt nicht viel übrig für den, der die Arbeit macht. In solchen Fällen: Schleunigst raus aus dem Vertrag! Nur von zu hohen Margen Gebeutelte sollten nach spätestens drei Monaten nachverhandeln.
Frisch-Freelancer müssen zudem berücksichtigen, dass Stundensätze stets “all inklusive” sind – fallen Reise- und ähnliche Kosten an, muss sie der Selbstständige tragen und gedanklich vom Tagessatz abziehen. Faustregel für den Nahbereich: Mindestens 10 Euro pro Stunde Weg. Jüngster Trend: In der aktuellen Wirtschaftskrise drücken Telekomunikationskonzerne und Postdienstleister seit Anfang des Jahres die Stundensätze. Im Gegenzug fahren viele Projektvermittler ihre eigenen Prozentsatz hoch. Beim leidigen Thema Stundensatz sollte ein Freelancer generell Rückgrat zeigen und gegebenenfalls auch mal ein Projekt einfach sausen lassen.
Auch Ralf Spenneberg kann der Vermittlerbranche wenig abgewinnen: “Sicherlich habe auch ich mich damals bei Gulp und Dozentenpool24 listen lassen. Dort habe ich aber nie einen Auftrag angenommen, weil die Themen der angeboteten Projekte nicht meine waren.” Andere Selbstständige schwören dagegen auf diese Art Beschäftigung.
Wer eigene Erfahrungen machen will, findet beim angesprochenen Portal Gulp ([12], Abbildung 3) einen guten Einstieg in diese Art von Arbeit. Dort gibt es viele Hintergrundinformationen, Listen mit Projektvermittlern und Vergleiche von Stundensätzen. Achtung: Die Sätze sind Durchschnittswerte, die Karriere-Einsteiger kaum bekommen werden. Aber der Freelancer kann nach Projekten suchen und ein eigenes Profil anlegen, auf das die Vermittler zugreifen. Guten Lesestoff bietet auch die Zeitschrift “IT-Freelancer Magazin, die sich – der Name lässt es ahnen – genau auf die Zielgruppe der Selbstständigen ITler konzentriert [13].

Abbildung 3: Das Vermittelportal Gulp hilft dabei, passende Projektanbieter genauso zu finden (linker Frame) wie aktuell ausgeschriebene Aufträge (rechts).
Wenn’s mal läuft
Egal ob Projektgeschäft, Training, Beratung oder als freier Programmierer: Spätestens nach ein paar Monaten stellt sich heraus, ob die eigene Geschäftsidee die richtige war. Wenn ja, darf der Erfolgreiche darüber nachdenken, zu expandieren und eine richtige Firma mit Angestellten zu formen. Ralf Spenneberg hat es jedenfalls so gemacht: Vor etwa fünf Jahren haben bei ihm die Anfragen so zugenommen, dass er sich entschieden hat eigene Büros und Schulungsräume zu eröffnen. Nun kann er Schulungen öffentlich zu festen Terminen anbieten und ist unabhängig von Kooperationen.
“Dennoch bin ich immer viel unterwegs und unterstütze Kunden europaweit beim Planen und Einführen von Open-Source-Sicherheitslösungen”, erzählt er und rechnet: “Meine Zeiteinteilung im Moment ist etwa gedrittelt: Schulungen in eigenen Räumen, Beratungen und Workshops bei dem Kunden vor Ort und eigene Weiterbildung, Konferenzen und das Schreiben neuer Bücher.”
Die Kästen im Artikel porträtieren vier weitere Open-Source-Unternehmer, die es auf ganz unterschiedlichen Gebieten geschafft haben, sich zu etablieren.
| Infos |
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| [1] Open Source Training Ralf Spenneberg: [http://www.opensource-training.de]
[2] Integrata: [http://www.integrata.de] [3] Traicen: [http://www.traicen.com] [4] Linux- und Open-Source-Events [https://www.linux-magazin.de/Events] [5] Openoffice.org-Eventkalender: [http://www.ooodev.org/terminkalender.html] [6] Autor beim Linux-Magazin werden: [https://www.linux-magazin.de/Heft-Abo/Kontakt/Autor-werden] [7] Openoffice.org-Gruppe bei Xing: [https://www.xing.com/net/openofficeorg/] [8] Blog und Twitter-Feed von Florian Effenberger: [https://www.linux-magazin.de/Blogs/floeff], [http://twitter.com/floeff/] [9] Hays: [http://www.hays.de] [10] Inmedias: [http://www.inmedias.it] [11] Greenbone: [http://greenbone.net] [12] Gulp: [http://www.gulp.de] [13] IT-Freelancer Magazin: [http://www.it-free.info] [14] Linuxjobs: [http://www.linuxjobs.de] [15] Business Linux Hanse Network: [http://www.free-it.org] |
| Der Autor |
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| Hartmut Goebel [http://www.goebel-consult.de], Diplominformatiker, CISSP und CSSLP, berät seit 2003 mittelständische Unternehmen und Konzerne beim Management von IT-Sicherheit. Er hält Vorträge, schreibt Artikel für Fachmagazine und auf [http://www.cissp-gefluester.de] seine eigene Kolumne. Vor seiner Selbständigkeit leitete er die Consultingabteilung bei einem regionalen ISP und entwickelte Compiler. |









