© Casey West, flickr.com/people/caseywest
Aktueller Überblick über freie Software und ihre
Macher
Projekteküche
von Carsten Schnober
Erschienen im Linux-Magazin
2009/07
Warum engagieren sich so wenige Programmiererinnen in der Open-Source-Szene? Eine Diskussion in der Ruby-Community liefert ungewollt eine mögliche Ursache. Daneben feiert der Download-Manager Uget sein Comeback. Zu essen gibt es leichte und bekömmliche Kost: einen Kuskus-Salat.
"Gedankenlosigkeit und Open Source" betitelte Luis Villa, seines Zeichens ehemaliger Mitarbeiter von Ximian und Novell, seinen Blog-Eintrag zum so genannten Gogaruco-Vorfall ([1], Abbildung 1). Dieser ereignete sich während der Golden Gate Ruby Conference (Gogaruco, [2]) im April. Stein des Anstoßes war ein Vortrag des Entwicklers Matt Aimonetti, der seiner Präsentation über CouchDB [3] die Trockenheit nehmen wollte, indem er sie in einen metaphorischen Kontext einbettete. Der Titel lautete "CouchDB: Perform like a prOn star", und tatsächlich rückten pornographische Bilder das eigentliche Thema in den Hintergrund (Abbildung 2).

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Abbildung 1: Hier ist Schluss – Luis Villa ruft mit diesem Bild dazu auf, niemanden aufgrund physischer Charakteristika auszugrenzen. Bei der diesjährigen Ruby-Konferenz in San Francisco ließ ein Vortrag einige Zuhörer an der allgemeinen Gültigkeit dieses Grundsatzes in der Ruby-Community zweifeln.
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Abbildung 2: Stein des Anstoßes: Der Vortrag von Matt Aimonetti [4]. Viele Frauen fühlten sich zwar nicht persönlich angegriffen, aber doch aus der Community ausgeschlossen.
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Ein Bild in Aimonettis CouchDB-Präsentation zeigt mehrere Frauen, die sich weitgehend unbekleidet in eindeutigen Posen einem Mann andienen, es illustriert die "Public Interfaces" von CouchDB. Das Medikament Viagra muss seinen Namen als Synonym für die Zuverlässigkeit des Datenbanksystems hergeben und die Titelfolie erinnert eher an eine Werbung für Frauenunterwäsche.
Die weiteren Folien sind gespickt mit ähnlichen Einlagen, deren Niveau wohl selbst Freunden pubertären Klamauks à la Mario Barth kaum mehr als ein Lächeln entlocken dürfte. Zwischen den einzelnen Sheets sollten pornographische Bilder - ganz ohne metaphorischen Zusammenhang - dafür sorgen, dass das Publikum aufmerksam bleibt. Wer sich von dem Fiasko selbst überzeugen möchte, findet die Präsentation unter [4]. Die eingestreuten Pornobilder bleiben dem Betrachter freilich dort erspart.
Gleichberechtigung?
Schon länger bemühen sich diverse Open-Source-Aktivisten darum, Frauen den Zugang zur Community und den Alltag in der Technikszene zu erleichtern. Die Railsconf im Mai beispielsweise organisierte eigens eine Diskussionsveranstaltung, um Mittel gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung zu finden [5]. Weitgehende Einigkeit besteht jedenfalls darüber, dass Vorfälle wie Aimonettis CouchDB-Präsentation diesem Ziel eindeutig im Wege stehen.
Der von Luis Villa als Gedankenlosigkeit bemängelte Präsentationsstil Aimonettis blendet die Realität aus, in der sich bei der Golden Gate Ruby Conference unter die etwa 200 Besucher nur sechs Besucherinnen wagten. Um zu erkennen, dass dieser Anteil signifikant von der allgemeinen Geschlechterverteilung abweicht, braucht man kein Soziologiestudium absolviert zu haben.
Die Web- und Ruby-Pionierin Sarah Mei wohnte dem umstrittenen Vortrag bei und brachte die Wirkung der verwendeten Bilder in ihrem Weblog auf den Punkt: Obwohl es sich nicht um einen direkten Angriff handele, riefen derartige Illustrationen in einer Frau, die alleine in einem Saal voller Männer sitzt, das Gefühl hervor, dort nicht hinzugehören. "Für die meisten Männer um mich herum bin ich bestenfalls eine Kuriosität und schlimmstenfalls ein Sexualobjekt", beschreibt sie das Unbehagen [6]. Die resultierende Unsicherheit reiche aus, um manche Betroffene ein für alle Mal aus der Community zu vergraulen.
Ignoranz
Der Aufholbedarf in Sachen Geschlechtergleichheit offenbart sich jedoch nicht nur in der fraglichen Präsentation selbst. Die wäre wahrscheinlich schnell in Vergessenheit geraten, wenn die anschließende Diskussion nicht völliges Unverständnis einiger Gesprächsteilnehmer für die Problematik bloßgelegt hätte.
Matt Aimonetti verkündete zwar per Twitter Bedauern darüber, dass Anwesende seine Präsentation als Angriff empfunden hätten, betonte aber zugleich, dass er auch im Nachhinein nichts daran ändern würde. Auch der "furchtlose Anführer" der Ruby-on-Rails-Community (Sarah Mei über David Heinemeier Hansson) twitterte ähnlich gedankenlos, dass schöne Frauen schließlich auch in der Werbung funktionierten und dass man lieber Kung-Fu-Kätzchen aus Präsentationen verbannen sollte.
Heinemeier Hansson scheint nicht zu verstehen, dass sich die wenigsten in einer Gemeinschaft wohlfühlen, wenn sie dort lediglich einen Zweck als menschliches Werbemittel erfüllen sollen. Die Ignoranz, mit der sowohl die Ruby-Prominenz als auch zahlreiche anonyme Kommentare in diversen Weblogs dem Problem gegenübertreten, legt jedenfalls einen Hauptgrund für den marginalen Frauenanteil bei den meisten Zusammenkünften der Open-Source-Community offen.
Ein prinzipbedingter Bann nackter Haut aus dem öffentlichen Leben wäre sicherlich nicht die richtige Antwort für eine aufgeklärte, gleichberechtigte Gemeinschaft. Doch müsste an die Stelle starrer Konventionen selbstständige Reflexion des eigenen Handelns treten. Wer dazu auch nach sachlicher Kritik nicht in der Lage ist, sollte sich im Zweifelsfall doch lieber an erprobten sozialen Vorgaben orientieren. Aimonettis öffentlich geäußerte Verachtung für professionelle Konventionen hat ihren rebellischen Charme angesichts der praktischen Umsetzung jedenfalls verloren.
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