Nero für Linux 3.0 im Test
Ein Herr der Flammen
von Thomas Leichtenstern
Erschienen im Linux-Magazin
2007/08
Die neue Version 3 des proprietären Brennprogramms Nero Linux soll laut Werbung optisch und technisch dem erfolgreichen Windows-Bruder gleichen. Doch der Test im Labor ergab - viel heiße Luft.
Nachdem die erste Release von Nero Linux vor etwa zwei Jahren bei den Anwendern mehr oder weniger durchfiel [1], schiebt Nero [2] nun die Version 3.0 nach, von der die Werbung suggeriert, sie besitze die gleichen Funktionen wie das erfolgreiche Nero Burning Rom für Windows. Das zu überprüfen macht sich dieser Test zur Aufgabe.
Nero 7 Premium für Windows ist kein reines Brennprogramm, sondern eine Suite, in der eine Vielzahl von Einzelanwendungen ihr Wesen treibt - vom Audio- und Video-Editor und -Konverter über Coverdesigner und Backup-Programm bis hin zu Verschlüsselungsfunktionen und VoIP. Da der Hersteller für Linux lediglich die Brennapplikation anbietet, haben die Tester zum Gegenchecken nur Nero Burning Rom aus dem Windows-Paket installiert.
Die gerade erschienene Release 3.0 von Nero Linux stellt der Hersteller in der 32- und 64-Bit-Version als RPM- und DEB-Paket zum Download bereit. Für Benutzer von Distributionen mit einer anderen Paketverwaltung, beispielsweise Gentoo, bietet Nero keine Alternativen an. Ohne die notwendige Seriennummer, die es für 20 Euro zu erwerben gilt, läuft das Programm nur als Demo mit einem Zeitlimit, dafür allerdings ohne technische Einschränkungen.
Das gerade mal 21 MByte große Installationspaket sorgte bei den Testern gleich zu Beginn für Skepsis, bringt die installierte Windows-Version doch beinahe 80 MByte auf die Platte. Der erste Start des Programms versöhnte die Skeptiker jedoch zunächst: In der Tat hat Nero seine Linux-Variante optisch so weit an den Windows-Bruder angepasst, dass auf den ersten Blick durchaus Verwechslungsgefahr besteht (Abbildung 1). Auch bei der Anordnung der Bedienelemente und der logischen Benutzerführung haben die Entwickler ganze Arbeit geleistet. Wer Nero von Windows kennt, kommt beinahe ohne Reibungsverluste auch mit der Linux-Version zurecht.

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Abbildung 1: Auf den ersten Blick baugleich: Nero für Windows (oben) und für Linux (unten).
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Zwillingsforschung
Im Laufe des Tests verdüsterten sich die Mienen der Testcrew aber doch. Bereits beim Öffnen einer neuen Zusammenstellung stellten sie fest, dass dort, wo die Windows-Version in der Kategorie »CD« über die Optionen »Video CD« und »Super Video CD« verfügt, bei der Linux-Variante Leere herrscht. Das ist schade, da Windows-User hiermit Video-CDs aus Dateien der verschiedensten Formate, etwa WMV, Div-X oder RM - auch gemischt - zusammenstellen.
Ein ähnliches Bild bietet sich beim Öffnen der En- und Decoderverwaltung für Audiodateien, die Nero-Benutzer beispielsweise zum Erstellen einer Audio-CD aus komprimierten Dateien brauchen. Während die Windows-Variante hier mit einem knappen Dutzend Decodern und fünf Encodern aufwartet, beschränkt sich die Linux-Version auf FLAC, MP3, OGG und WAV jeweils zum en- und decodieren.
Audio-Purist
Zum Erstellen von Audio-CDs bietet Nero für Windows tolle Bearbeitungsmöglichkeiten, die der Anwender beim Rechtsklick auf den gewünschten Track unter »Eigenschaften« erreicht. Sie reichen vom Normalisieren bis zu Überblendreglern und einem Track-Editor zum Setzen neuer Indexgrenzen (Abbildung 2). Sie eignen sich, um beispielsweise in einer großen Audiodatei Titel-Sprungmarken für die CD zu setzen. Davon bleibt in der Linux-Version mit der Einstellung der Pausenlänge lediglich ein kümmerlicher Rest übrig.

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Abbildung 2: Einen Audio-Editor kriegen nur Windows-User zu sehen - der Linux-Version verweigert Nero diese und andere Komfortfunktionen.
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Hersteller:Nero AG, Karlsbad, [2]
Preis: 20 Euro
Bezugsquelle: Download über den Nero-Onlineshop: [http://www.nero.com/deu/NeroLINUX.html]
Lizenz: Proprietär, Key erforderlich, laufzeitbeschränkte Demo verfügbar
Minmale Anforderungen: Intel-kompatible 32- oder 64-Bit-CPU, 128 MByte Arbeitsspeicher, Brenner; Kernel 2.4, X11-Server, Glibc 2.3.2, Libstdc++6 3.4, GTK+ 2.4.10 oder neuer
Distributionen: Red Hat Enterprise 4, Fedora 4, Suse 10.0, Debian 3.1 und Ubuntu 5.10 offiziell unterstützt
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Den Sparkurs führt Nero in der Linux-Version auch an anderen Stellen weiter. Unter Windows hat der Anwender die Möglichkeit, alternativ zu Nero Burning Rom das Programm Nero Express zu starten. Es vereinfacht durch reduzierte Einstellmöglichkeiten die Handhabung und hilft dem Anwender mit einer Schritt-für-Schritt-Abfrage bei einem neuen Projekt. Diese einsteigerfreundliche Ergänzung sucht der Anwender unter Linux vergeblich.
Apropos Suche: Auch die Medien-Suchhilfe, Nero Search genannt, vermochten die Linux-Tester nicht zu entdecken. Das Tool verankert sich normalerweise in der Browse-Ansicht des Brennprogramms sowie in der Taskleiste des Betriebssystems und indiziert den Inhalt von Datenträgern und Verzeichnissen ähnlich wie Google Desktop oder Beagle.
Etwas Kritik ist auch bei der Usability fällig: Beim Drag&Drop mehrerer Dateien aus dem Verzeichnis- in den Brennordner transferiert die Software nur die erste der gewählten Dateien. Manchmal hilft das Festhalten von [Strg] oder [Shift] während des Ziehens, manchmal führt dies allerdings zum Absturz des Programms. Der technisch eigentlich anspruchsvollere Weg, Drag&Drop zwischen einem Konqueror- und dem Zusammenstellungsfenster des Brennprogramms, funktioniert dagegen immer.
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