Die monatliche GNU-Kolumne
Brave GNU World
von Georg C. F. Greve
Erschienen im Linux-Magazin
2006/05
Diese Kolumne berichtet aus der Perspektive von GNU-Projekt und FSF über Projekte und aktuelle Geschehnisse im Umfeld freier Software. In diesem Monat dreht sich alles um Mathematik und Grafik sowie um den Einsatz von Smartcards bei kryptographischen Anwendungen.

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Abbildung 1: Mit Hilfe einer speziellen Montagesoftware verschwinden die Passanten wie von Geisterhand aus einer Szene vor einer Kathedrale.
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Während die letzte Ausgabe sich auf juristische Fragen konzentriert hat, stehen in diesem Monat coole Technologien auf Basis freier Software im Mittelpunkt. Oft sind es die Universitäten, die im Rahmen ihrer Forschungsaktivität neue Möglichkeiten eröffnen. Hier haben auch zwei Projekte ihren Ursprung, die diese Ausgabe vorstellt.
Viele Forschungsstätten veröffentlichen die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit als freie Software. So erhält die Gesellschaft etwas von dem zurück, was sie mit Steuern finanziert hat. Ein Programm, auf das Rolf Niepraschk hinwies, gibt dafür ein gutes Beispiel.
Fotomontage
Eine Forschungsgruppe, bestehend aus den Mitgliedern Aseem Agarwala, Mira Dontcheva, Maneesh Agrawala, Steven Drucker, Alex Colburn, Brian Curless, David Salesin und Michael Cohen, hat auf der Siggraph-Konferenz 2004 in Los Angeles eine sehr interessante Studie zu "Interactive Digital Photomontage" präsentiert [1].
Obwohl der Titel wenig spannend klingt, leistete die Gruppe mit dieser Arbeit Erstaunliches: So erlaubt es ihre Software beispielsweise, störende Passanten aus Gebäudefotografien zu entfernen (Abbildung 1). Aus mehreren Fotos derselben Perspektive, aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten, entsteht am Computer eine menschenleere Szene.
Auf ähnliche Art und Weise, durch Aufnahmen mit leicht unterschiedlicher Perspektive, verschwinden auch störende Drähte aus dem Sichtfeld. Doch damit nicht genug. Die Software kann auch Panoramen so zusammensetzen, dass Passanten wie in einem einzigen Foto erscheinen, obwohl sie sich zwischen den Aufnahmen bewegt haben.
Ein Klassiker ist das Familienfoto, bei dem fast immer irgendjemand wenig intelligent aus der Wäsche schaut. Bei großen Familien kann die Aufnahme die Geduld der Anwesenden stark strapazieren. Eine Beispielanwendung der Software ist es daher auch, das perfekte Familienfoto aus mehreren Bildern so zusammenzusetzen, dass die jeweils gelungenste Aufnahme einer Person zum Einsatz kommt. Dem Resultat sieht man kaum an, dass hier fünf Einzelbilder als Quelle dienten (Abbildung 2).

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Abbildung 2: Selten genug - die komplett glückliche Familie. Diese Situation kombiniert Personen aus fünf Gruppenbildern zu einem neuen Motiv.
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Es gibt viele weitere Beispiele, die das Team auf der Webseite vorstellt. Unter anderem eine extreme Nahaufnahme eines Insekts, die durch die Software digital mehr Tiefe erhält, oder einer Statue, deren optimal ausgeleuchtetes Bild sich aus mehreren Aufnahmen mit verschiedener Beleuchtung zusammensetzt. Sehr schön ist auch die digitale Fotomontage von Gesichtern, deren Resultate etwas skurril anzuschauen sind (Abbildung 3). Ein rund sieben Minuten langes Video [2] dokumentiert die Funktionsweise des Programms.

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Abbildung 3: Mittels interaktiver Bildmontage entstehen zum Teil vollkommen neue Portraits: Aus Jim und David wird Javid.
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Die Software läuft nachweislich auf Linux und Windows und steht unter der General Public License (GPL) zur Verfügung. Das macht auch die Integration des Programmcode in andere freie Bildbearbeitungsprogramme möglich. Die Verwendung der GPL überrascht umso mehr, da sich neben der University of Washington auch Microsoft Research am Projekt beteiligte. Weniger erstaunt dagegen, dass die Routinen für das Schneiden entlang von Graphen nicht als freie Software verfügbar sind.
Ob es angesichts des Partners sinnvoll ist, den Sourcecode zu sichern solange er frei verfügbar ist, mag dahingestellt sein. Unabhängig davon wäre es eine extrem wertvolle Aufgabe für eine Gruppe freier Entwickler, sich dieser Software anzunehmen und sie in Zukunft öffentlich weiterzuentwickeln.
Formeln mit Maxima
Ein weiterer Hinweis zu einer interessanten Software kam von Oliver Bandel. Er schlug vor ein paar Worte über die Mathematik-Software Maxima [3] zu schreiben. Maxima und das GNU-Projekt sind in gewisser Hinsicht Geschwister, denn beide stammen aus den Labors des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston und zeigen noch heute einige Aspekte ihrer Herkunft. So ist Maxima die Fortentwicklung des DOE-Macsyma-Projekts aus den späten 60er und 70er Jahren am MIT.
DOE Macsyma war das erste Programm für moderne Computeralgebra auf Basis symbolischer Verarbeitung verschiedenster Funktionstypen und legte den Grundstein für Software wie Maple oder Mathematica. Doch auch DOE Macsyma entwickelte sich weiter und wurde 1998 freie Software unter der General Public License (GPL). Zu verdanken ist dies dem 2001 verstorbenen Programmierer William Schelter, der es von 1982 bis zu seinem Tod betreute.
Wie viele Projekte des MIT aus dieser Zeit basiert auch Maxima auf der Programmiersprache Lisp [4], die bis heute fasziniert. Sie ist, wie es Lisp-Manual-Autor John Foderaro ausdrückte, "eine programmierbare Programmiersprache". Jeder Software-Entwickler sollte eigentlich einmal einen Blick auf dieses Konzept werfen. Auch der Gnu Emacs [5] basiert auf Lisp.
Wegen dieser Gemeinsamkeit überrascht es auch nicht, dass Maxima sich hervorragend in Gnu Emacs und auch Gnu Texmacs [6] integriert (Abbildung 4). Ebenso lassen sich Maxima-Ausgaben gut in Latex [7] importieren, das ungeachtet der Fortschritte bei Office-Anwendungen bis heute im wissenschaftlichen Bereich sehr beliebt ist. Die Latex-Eleganz im Formelsatz bleibt bis heute unübertroffen und seine Konzentration auf den Inhalt kommt vielen Autoren entgegen.

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Abbildung 4: Das Tool Maxima verhilft dem Gnu Emacs zu einer ansehnlichen Darstellung des Formelsatzes im Editor-Fenster.
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Mit einer Entwicklungszeit von über 30 Jahren dürfte Maxima zu den wohl langlebigsten Projekten gehören, bis heute pflegt und entwickelt ein Team von Freiwilligen das Projekt weiter. Das ist eine sehr gute Sache: Neue Software weist meist mehr Fehler auf. Wer also nach einem zuverlässigen und stabilen Programm sucht, dem sei Maxima ans Herz gelegt.
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