Aus Linux-Magazin 09/2005

Die monatliche GNU-Kolumne

Diese Kolumne berichtet aus der Perspektive von GNU-Projekt und FSF über Projekte und aktuelle Geschehnisse aus dem Umfeld freier Software. In dieser Ausgabe dreht sich alles um Frauen in der Informationstechnologie und der freien Software sowie um Softwarepatente.

Abbildung 1: Mit Aktionen wie diesem Mosaik aus Bildern von Softwarepatent-Gegnern wandten sich Mitglieder der Community gegen die Richtlinie des EU-Rats, die Logikpatente erlauben sollte.

Abbildung 1: Mit Aktionen wie diesem Mosaik aus Bildern von Softwarepatent-Gegnern wandten sich Mitglieder der Community gegen die Richtlinie des EU-Rats, die Logikpatente erlauben sollte.

Weltweit halten im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien Frauen einen Anteil von geschätzten 20 Prozent: Aus der Perspektive der Gleichberechtigung ein schlechter Wert, aber doch um Größenordnungen besser als im Bereich freier Software. Warum sind hier so wenige Frauen zu finden?

Frauen in der Informationstechnologie

Die Vorurteile gegen und die Diskriminierung von Frauen in der Informationstechnologie haben eine lange Geschichte, sind jedoch im Vergleich mit anderen Gebieten keine Ausnahme: So wurde Frauen beispielsweise über lange Zeit generell der Zugang zu Universitäten verwehrt. Angeblich mangelnde Körperkraft oder überhöhte Emotionalität hinderten Frauen angeblich daran, Ärztin zu werden.

Dabei nahmen Frauen seit Anbeginn einen wesentlichen Anteil an der Informatik: Ada Byron (Lady Lovelace) gilt als Autorin des ersten Computerprogramms in der Geschichte überhaupt. Sie beschrieb bereits im 19. Jahrhundert einen Plan zur Berechnung von Bernoulli-Zahlen mit Hilfe der von Charles Babbage entwickelten analytischen Maschine; zu ihren Ehren erhielt 1979 die Programmiersprache Ada ihren Namen.

Auch im Eniac-Projekt (Electronic Numerical Integrator and Computer) während des Zweiten Weltkriegs spielten Frauen eine herausragende Rolle: Kathleen McNulty, Frances Bilas, Betty Jean Jennings, Elizabeth Snyder, Ruth Lictermann und Marlyn Wescoff waren als Mathematikerinnen ihren männlichen Kollegen fachlich in jeder Hinsicht gleichwertig. Ihnen fiel ein Großteil der Programmierarbeit zu, da diese als zu repetitiv für Männer galt (Abbildung 2).

Doch während die männlichen Entwickler des ersten universellen Computers mit Ehren überschüttet wurden, galten die weiblichen Mathematiker lediglich als Subprofessionals – zweitrangige Hilfskräfte, die auch 1996 zum 50. Jubiläum des Eniac erst nach Protesten eingeladen wurden.

Zutritt verboten

Die Vorurteile begannen mit Vorbehalten gegen sexuelle Spannungen am Arbeitsplatz – mit der Konsequenz, dass den Frauen zunächst der Zugang zum Eniac-Raum nicht gestattet war. Jean Bartik sollte aufgrund ihrer Hochzeit entlassen werden, da die Leitung der Universität eine unmittelbar bevorstehende Schwangerschaft befürchtete. Und die Geschichtsschreibung der US Army setzte neben den Namen einer jeden Programmiererin immer den Namen ihres Ehegatten [1].

Etliche Frauen bahnten sich trotzdem ihren Weg in die Informationstechnologie: Grace Hopper entwickelte 1952 den ersten Kompiler (A-O). Auf ihrer Arbeit basiert die Programmiersprache Cobol ebenso wie das Konzept von Hochsprachen, sich an natürlichen Sprachen zu orientieren. Auch die Sprachen Pascal und Basic haben mit Kathleen Jensen und der Ordensschwester Mary Kenneth Keller weibliche Ko-Autoren.

Sind Frauen im Beireich der Informations- und Kommunikationstechnologie generell unterrepräsentiert, so sieht es bei freier Software besonders düster aus: Der Schnitt liegt nur bei 1 bis 1,5 Prozent, laut einer Studie der Universität Maastricht sind gar 98,9 Prozent der Entwickler männlich.

Fragen und
Anregungen
Für Ideen, Anregungen und Kommentare zur Brave GNU World steht die Adresse [column@brave-gnu-world.org]zur Verfügung. Die Homepage des GNU-Projekts findet sich unter [http://www.gnu.org]. Georgs Kolumne “Brave GNU World” steht online unter [http://brave-gnu-world.org] und die Initiative “We run GNU” betreibt eine Webseite unter: [http://www.gnu.org/brave-gnu-world/rungnu/rungnu.de.html]

Wortkarge Abenteurer

In einem am 16. Juni 2005 vorgestellten Papier [2] vertritt die Norwegerin Magni Onsoien die These, dass die Entwickler freier Software das moderne Äquivalent wortkarger Abenteurer aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert sein könnten, die beispielsweise im ewigen Eis das Unbekannte und Ungewisse suchten und auch die Gefahr nicht scheuten für das Versprechen von ewigem Ruhm bei erfolgreicher Rückkehr. Zumindest die Pinguine passen gut ins Bild.

Magni führt weiter aus, dass soziologische Studien den Gruppen mit einer bunten Mischung aus Persönlichkeiten und Charakteren bessere Erfolgsaussichten geben. Sie kommt zu dem Schluss, dass freie Software gut daran täte, mehr Vielfalt zu leben und auch die Anwenderinnen und Anwender von Software als Teil des Prozesses wahrzunehmen.

Abbildung 2: Zwei Frauen verdrahten Eniac für den Ablauf eines neuen Programms. Trotz der wertvollen Arbeit galten weibliche Bedienstete nur als zweitrangige Hilfskräfte.

Abbildung 2: Zwei Frauen verdrahten Eniac für den Ablauf eines neuen Programms. Trotz der wertvollen Arbeit galten weibliche Bedienstete nur als zweitrangige Hilfskräfte.

Nachteil Kommunikation

Fernanda Weiden, Mitgründerin des brasilianischen Projeto Software Livre (PSL) Mulheres (Projekt für Frauen in freier Software, [3]) sieht das Hauptproblem in der Art, wie die Beteiligten miteinander kommunizieren. In vielen Gebieten können Frauen zwar über Selbststudium oder Besuch von Vorlesungen das gleiche Wissen wie ihre männlichen Kollegen erlangen. Bei freier Software sei dies aber nicht so einfach.

Mit dem Verzicht auf soziale Interaktion gehe eine erhebliche Benachteiligung einher, denn ohne Kommunikation über Mailinglisten, Webseiten oder IRC bleibt der Weg zu vielen Projekten versperrt. Wagen Frauen jedoch den Schritt in die Mailingliste, so lautet die Antwort auf die Frage nach der Konfiguration eines Mailservers nur zu oft: “Wo wohnst du? Hast du Bilder von dir? Wollen wir uns mal treffen?”

Dieser Ton setzt sich oft in Rückmeldungen auf Vorträge weiblicher Software-Entwickler in Konferenzen und in persönlichen Gesprächen fort. Karin Kosina von der Free Software Foundation Europe drückte es einmal so aus: “Ich bin es leid, dass männliche Entwickler glauben, die angemessene Reaktion auf die Gegenwart einer Programmiererin seien plumpe Flirtversuche.” Komplimente über Äußerlichkeiten oder technische Fähigkeiten mögen prinzipiell okay sein, Kommentare wie “Wahnsinn, Püppi kann sogar programmieren” sind es sicher nicht. Antworten Frauen darauf mit freundlich-verlegenem Lächeln, fühlen sich die Herren der Schöpfung womöglich noch bestärkt. Ein klares Wort von den Frauen wäre angebracht.

Aber es ist natürlich nicht nur Aufgabe der Frauen, ihr Verhalten zu überdenken, Männer sind ganz genauso gefordert: Ein Beispiel bietet dabei die Diskussion um die Absicht eines Debian-Maintainers, das Hot-Babe-Paket [4] in die Distribution aufzunehmen [5].

Der Hot-Babe-Konflikt

Das Hot-Babe-Programm zeigt die Auslastung des Prozessors über den Grad der Entkleidung einer gut aussehenden Comic-Dame an. Dies empfanden die bei Debian aktiven Frauen als sexistisch und herabwürdigend – und sprachen sich lautstark gegen die Aufnahme des Hot-Babe-Pakets aus. Die Diskussion verläuft zum Teil symptomatisch: So schlugen einige Männer vor, die Frauen könnten einen nackten Mann einbauen, um Ausgleich zu schaffen. Hier stellt sich zu Recht die Frage, warum die Frauen den empfundenen Grad an Herabwürdigung ausgleichen sollten, um den Männern beim Einbau des Pakets in die Distribution zu helfen.

Andere Reaktionen betrafen Political Correctness und religiöse Vergleiche: Ebenso könnten Christen sich durch ein Debian-Koran-Paket beleidigt fühlen – und Moslems durch ein Debian-Bibel-Paket. Das ist eine merkwürdige Verdrehung, geht es hier doch um Frauen, die sich über die Herabwürdigung der Frauen beschweren: Wollte man das Bild benutzen, ginge es eher um Christen, die sich über ein Paket beschweren, das Bibelschändung betreibt.

Wie einige Diskussionsteilnehmer betonen, geht es um die Frage, welche sozialen und ethischen Standards für das Projekt gelten sollten: Bei einem Projekt mit 99,6 Prozent Männern innerhalb einer Gemeinschaft mit ein bis zwei Prozent Frauen wäre etwas mehr Sensibilität in der Diskussion angebracht. Aufgrund der Geschichte empfinden Frauen das Klima oft als extrem schwierig, zum Teil feindselig; nur wenige wagen sich freiwillig in diese Umgebung und versuchen daran etwas zu ändern.

Es bleibt zu hoffen, dass die Männer in Zukunft etwas besser zuhören und mehr Verantwortung übernehmen – und dass mehr Frauen sich beispielsweise beim Debian-Women-Projekt [6] engagieren. Zur Ehrenrettung von Debian sei allerdings darauf hingewiesen, das Debian keinesfalls den niedrigsten Frauenanteil aufweist: Diese zweifelhafte Ehre gebührt wahrscheinlich dem Linux-Kernel mit 0,16 Prozent.

Softwarepatente: Das Ende?

Als sich das Europäische Parlament am 6. Juli 2005 mit einer gewaltigen Mehrheit von 648 von 680 Stimmen dafür entschieden hatte, die Softwarepatent-Richtlinie vollständig zurückzuweisen, war weltweit Aufatmen zu hören. Die große Mehrheit kam zustande, weil Befürworter und Gegner von Softwarepatenten im Parlament gemeinsam gegen die Richtlinie stimmten. Aus strategischen Gründen beschritten die Befürworter zuerst den Weg Richtung Ablehnung, weil sie es für wahrscheinlich hielten, dass die Gegner die benötigte Zweidrittelmehrheit erhalten könnten.

Die Gegner von Softwarepatenten hingegen konnten sich trotz aller öffentlichen Proteste (Abbildung 3) nicht völlig sicher sein, ob alle Änderungen erfolgreich sein würden, und bezweifelten zu Recht, ob die Kommission ihre Änderungen mit mehr Respekt behandeln würde, als sie es nach der ersten Lesung tat. So fällte das Parlament eine Entscheidung für den Status quo mit einem Europäischen Patentamt, das entgegen der Europäische Patentübereinkunft von 1973 [7] fleißig Softwarepatente erteilt.

Da das Europäische Patentamt aber bereits vorher unter Missachtung dieser Übereinkunft Patente erteilte und weder Parlament noch Kommission eine Möglichkeit haben, das Patentamt hierfür zur Rechenschaft zu ziehen, ist die Bestätigung der Europäischen Patentübereinkunft nur von begrenztem Wert.

Abbildung 3: Öffentliche Proteste gegen Softwarepatente trugen zur Ablehnung der EU-Richtlinie bei.

Abbildung 3: Öffentliche Proteste gegen Softwarepatente trugen zur Ablehnung der EU-Richtlinie bei.

Daher fordert die Free Software Foundation Europe ein Instrument zur Überwachung und Steuerung des Europäischen Patentamts einzuführen [8], der FFII hat bereits angekündigt, die Vergabepolitik der lokalen Patentämter anzugehen. Die Arbeit geht also weiter – auch wenn die Freunde der Logikpatente einen Rückschlag erlitten haben, werden sie kaum ihre Meinung geändert haben.

Es gilt jetzt, konstruktiv weiterzuarbeiten und sich auf die kommenden Auseinandersetzungen vorzubereiten. Die nächste Richtlinie kommt bestimmt, sei es für Softwarepatente oder eine andere Initiative: Der Kampf um Softwarepatente spiegelt sich zum Teil wider im Fall von Microsoft gegen die Europäische Kommission.

Offene Schnittstellen, bitte!

Hier argumentiert Microsoft, die Schnittstelleninformationen zur Interoperation seiner Software seien “schützenswertes geistiges Eigentum” und eine Pflicht zur Veröffentlichung käme daher einer Form der Enteignung gleich. Diese Argumentation erlitt durch die Parlamentsentscheidung einen Rückschlag, ist aber nicht vom Tisch.

Es geht letztlich um die Frage, ob die Veröffentlichung von Schnittstelleninformationen zur Wiederherstellung von Interoperabilität und Wettbewerb unzumutbar ist, und um die Frage, welchen Wert Softwarepatente, die die Geheimhaltung von solchen Informationen fördern, für die gesamte Gesellschaft haben. Um es mit den Worten Robert Kempners zu sagen: “Ewige Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit.” (agr)

Infos
[1] The Women of ENIAC: [http://www.gecdsb.on.ca/d&g/women/women.htm]

[2] Women in Debian and Free Software: [https://comas.linux-aktivaattori.org/debconf5/general/proposals/49/]

[3] Projeto Software Livre (PSL) Mulheres: [http://mulheres.softwarelivre.org]

[4] Hot-Babe-Programm:[http://dindinx.net/hotbabe/]

[5] Newsforge-Artikel zum Hot-Babe-Konflikt: [http://software.newsforge.com/article.pl?sid=04/12/27/1535248&tid=150&tid=2]

[6] Debian Women:[http://www.debianwomen.org]

[7] Europäische Patenübereinkunft:[http://www.european-patent-office.org/legal/epc/e/ma1.html#CVN]

[8] FSFE: No software patents in Europe, requests EPO review instrument: [http://mail.fsfeurope.org/pipermail/press-release/2005q3/000109.html]

Der Autor

Dipl.-Phys. Georg C. F. Greve beschäftigt sich seit etlichen Jahren mit freier Software und kam früh zu GNU/Linux. Nach Mitarbeit im GNU-Projekt und seiner Aktivität als dessen europäischer Sprecher hat er die Free Software Foundation Europe initiiert, deren Präsident er ist. Mehr Informationen finden sich unter: [http://www.gnuhh.org]
LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben