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Die monatliche GNU-Kolumne

Brave GNU World

von Georg C.F. Greve
Erschienen im Linux-Magazin 2003/09

Diese Kolumne berichtet aus Sicht des GNU-Projekts und der FSF über Projekte und aktuelle Geschehnisse aus dem Umfeld freier Software und versucht Einblicke in die zugrunde liegende Philosophie zu vermitteln. In dieser Ausgabe: Sede, Sinn oder Unsinn von Online-Wahlen und Storebackup.

Willkommen zu einer weiteren Ausgabe der Brave GNU World, die diesmal direkt auf dem Linuxtag entstanden ist. Abbildung 1 zeigt ein Foto des Standes der FSF Europe, auf dem auch dieses Jahr wieder viele Fragen zu allen Bereichen freier Software und der GNU General Public License erörtert wurden.

Ein heiß diskutiertes Thema unserer Zeit ist E-Government, manchmal auch als E-Demokratie bezeichnet. Viele Interessengruppen befassen sich bereits damit: Innerhalb der Europäischen Kommission gibt es eine eigene Arbeitsgruppe, Gewerkschaften wie Ver.di[5] veranstalten Kongresse zur E-Demokratie und die IT-Industrie erhofft sich davon künftig steigende Umsätze[6].

Generell soll E-Demokratie die Arbeitsprozesse von Regierungen flüssiger, transparenter und kosteneffizienter machen und den Bürgern bessere Mitwirkungsmöglichkeiten bieten. Ein Thema, das unter den Oberbegriff E-Demokratie fällt, ist E-Voting, also die elektronische Online-Wahl. Dieser Art zu wählen hat sich das Projekt Sede[7] verschrieben. Der Name steht für Secure Democracy, sichere Demokratie. Das Ziel des Initiators, Jos Boersema, ist es, einen einfachen und sicheren elektronischen Wahlmechanismus zu schaffen. Er soll den Wählern Anonymität gewährleisten und gleichzeitig die Überprüfbarkeit der Resultate sicherstellen, um Wahlbetrug zu verhindern.


Abbildung 1: Dieses Jahr fand wieder der Linuxtag in Karlsruhe statt. Auch die FSF Europe hat nicht gefehlt. An ihrem Stand konnten sich Besucher über die Aktivitäten informieren und mit Mitgliedern diskutieren.

Sede, sichere Wahl

Der Mechanismus ist relativ einfach. Jeder Wähler erhält einen eindeutigen Stimmzettelcode. Dieser beliebig lange Votercode wird zufällig generiert, um Manipulationen zu erschweren. Vor der Wahl schickt Sede die Stimmzettel mit dem Votercode per E-Mail an die Wähler. Diese wählen dann mit Hilfe ihres E-Mail-Programms und schicken die Stimme per E-Mail zurück an den Wahlserver. Der sammelt alle Stimmen und filtert Duplikate sowie ungültige Stimmen heraus. Jeder Wähler kann online die Wahl überprüfen, ob zum Beispiel die Stimme richtig gezählt wurde. Kommentare und Stellungnahmen der Wähler sind genauso möglich wie Anpassungen der Stimmzettel an die Wählerpräferenzen. Außerdem unterstützt Sede gewichtete Stimmabgaben.

Die Idee für dieses Projekt hatte der Autor im November 2002. Er überlegte, wie ein System funktioniert, das auf einem Wahlzettelcode basiert. Nach einigen Startschwierigkeiten bewährte sich sein Programm und wird seither kräftig weiterentwickelt. Das Projekt ist in C und Z-Shell-Skript geschrieben. Es ist freie Software unter der GNU General Public License (GPL). Sede ist modular aufgebaut, sodass statt E-Mail auch andere Protokolle zum Einsatz kommen können. Für den Webzugriff fehlt allerdings noch ein Frontend.

Wie schon einmal in Ausgabe 25 der Brave GNU World[9] angesprochen ist so ein Projekt nicht unumstritten. Viele Leute stellen sich die Frage, wie sicher ein solcher Mechanismus und seine Implementation ist. Außerdem möchte so mancher derartige Mechanismen gar nicht erst implementiert sehen. In Jos' Augen liegen die Probleme darin, dass oft versucht wird, das papierbasierte Wahlverfahren 1:1 auf EDV-Abläufe abzubilden. Das hat natürlich den Nachteil, dass diese Programme die Vorteile elektronischer Datenverarbeitung gar nicht erst nutzen.

Ein anderer Aspekt sind die Nichtwähler. Wer es schafft, die E-Mails des Systems auszuspionieren und die Votercodes der Nichtwähler herauszufinden, könnte diese Stimmen für sich benutzen. Zudem hängt die Anonymität davon ab, dass die Votercodes nicht bestimmten E-Mail-Adressen zugeordnet werden können. Da die E-Mails über das Internet übertragen werden, ist das nicht garantiert. Ein Angreifer könnte bei der Zustellung der Wahlscheine eine Datenbank der E-Mail-Adressen und Votercodes anlegen.

Es hängt also viel davon ab, wie die einzelnen Teile implementiert werden. Doch natürlich können etliche Punkte durch Feedback-Mechanismen und Verschlüsselung der E-Mails deutlich stärker gesichert werden. Und schließlich weisen auch die papierbasierten Verfahren Schwächen auf, was manche Wahlen in hoch entwickelten Ländern der westlichen Welt deutlich gezeigt haben. Da nützt auch die Bürgerkontrolle durch freiwillige Wahlhelfer nichts.


Abbildung 2: Tee oder Kaffee? Das E-Voting-System Sede stimmt auf die künftige E-Demokratie ein.

Sinn und Unsinn von Online-Wahlen

Unabhängig von den möglichen Schwächen des Gesamtsystems E-Voting liefert das Sede-Projekt in jedem Fall einen interessanten Beitrag zur technischen Diskussion, die auf diesem Gebiet stattfindet. Für die weitere Entwicklung ist geplant, das Programm zu einer kompakten und stabilen Lösung auf diesem Gebiet zu machen und nach Möglichkeit bald intensiv auf Fehlersuche zu gehen. Als Nächstes wollen die Entwickler zum Beispiel an einer Unterstützung für die Verschlüsselung und das Erstellen von Paketen für verschiedene Linux-Distributionen arbeiten.

Um all dies zu realisieren, benötigt das Projekt noch Helfer. Feedback und Mitarbeiter sind Jos immer sehr willkommen. Doch auch diejenigen, die Online-Wahlen grundsätzlich kritisieren, sollten nicht unbeachtet bleiben.

Die Befürworter dieser neuen Technologie versprechen sich von ihr nicht nur schnellere und effizientere Wahlabläufe. Das allein würde sicherlich noch keinen Unterschied in der Qualität der demokratischen Entscheidung bedeuten, auch wenn es Kritiker gibt, die befürchten, dass die Stimmabgabe am Computer weniger ernst genommen wird. Wirklich interessant wird es aber dann, wenn die Befürworter einer direkteren Demokratie meinen, dass mit Hilfe von E-Voting mehr Abstimmungen durchgeführt werden könnten. Das würde es dem Wahlvolk erlauben, mehr Kontrolle über seine Regierung auszuüben.

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