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Biotop für Pinguine: Joschka Fischers Auswärtiges Amt

Tux inside

von Fred Andresen, Ulrich Wolf
Erschienen im Linux-Magazin 2003/05

Wenn ein deutscher Botschafter irgendwo auf der Welt mit seiner Zentrale - dem Auswärtigen Amt - kommuniziert, möchte er nicht gern dabei belauscht werden. Ein spezielles Kommunikationsnetz kostet viel Geld, also muss ein günstiges VPN her.

Unser Auftrag lautet: Open Source Software, wo immer möglich und sinnvoll!" Dr. Rolf Schuster, Leiter IT-Strategie im Auswärtigen Amt in Berlin, erklärt, welche Reformkur Joschka Fischer seinen Beamten verordnet hat. "Wir müssen unsere Botschaften mit der Zentrale vernetzen. Die sind aber nicht nur in Industrieländern, sondern auch an Orten wie Kabul, Bagdad oder Pjöngjang. Orte, an denen manchmal stundenlang der Strom ausfällt und kein Telefon geht."

Im Auswärtigen Amt ist die Migration von Monokultur zu Multikulti bei den Betriebssystemen in vollem Gang. In Zeiten knapper Haushaltsmittel ist Open-Source-Software attraktiver denn je. Viele Studien haben aufgedeckt, wo Migration möglich und wirtschaftlich ist. Unter den Bundesministerien hat Fischers Amt beim Umstieg auf Open Source die Nase vorn. Die Kommunikation der Auslandsvertretungen setzt voraus, dass alle Mitarbeiter

  • am notwendigen Informationsfluss teilhaben,
  • zeitgleich die erforderlichen Informationen erhalten,
  • sicheren Zugriff auf angebotene Intranet-Services und E-Mail
    haben und
  • sicher auf das Internet zugreifen können.

"Wir mussten wachsende Anforderungen bei stagnierenden Finanzen meistern. Operativ umsetzen konnten wir das nur, indem wir vorhandene Technik modernisiert haben, hohe Folgekosten vermeiden und uns von künstlich beschleunigten Produktzyklen lösen." Dr. Schuster verlangt Zukunftssicherheit: Modularität und Skalierbarkeit. Open- Source-Software einzusetzen, das hat das Amt erkannt, erhöht die Sicherheit und verringert gleichzeitig die Abhängigkeit von Software-Monokulturen. "Selbstredend spielt in diesem Zusammenhang Microsofts geänderte Lizenzpolitik eine bedeutende Rolle."

200 Standorte

Bis Ende 2003 sollen über 200 Botschaften und Generalkonsulate weltweit mit der Zentrale zu einem sicheren globalen Intranet vernetzt sein. Das heißt, dass die Kommunikation der Botschaften mit der Zentrale sicher verschlüsselt werden muss. Herkömmliche Verschlüsselungsgeräte sind teuer, die Kosten für Verbindungen in ferne Länder hoch.

Die Quadratur des Kreises gelang mit einem im Auftrag des BSI[1] entwickelten Linux-basierten IP-Verschlüsselungsgerät. Die SINA-Architektur (siehe Kasten "Die SINA-Architektur") der Security Networks AG[2] erschließt die Weite des Internet, die in vielen Ländern günstig zu haben ist. Botschaften in schwierigem Terrain lassen sich über Standorte in Industriestaaten, in denen es günstige Internet-Flatrates gibt, und dedizierte Leitungen dorthin anbinden. Zudem setzt das Projekt des BSI auf eine Standard-Intel-PC-Plattform, durch die große Stückzahlen erst erschwinglich wurden.


Abbildung 1: Die SINA-Box der Firma Secunet ist das Kernstück der Hochsicherheits-VPN-Lösung, die das Auswärtige Amt einsetzt, um seine Botschaften zu vernetzen. Auf den Geräten läuft ein gehärtetes Linux.

Das Biotop für Linux wächst

Verschlüsselungsgeräte sind nicht die einzige Spielwiese für Pinguine im Auswärtigen Amt. Dutzende von Linux-Servern, von Bischkek bis New York, sind bereits im Einsatz und haben File- und Mailserver aus der Windows-Welt ersetzt. Bei so vielen Servern macht es einen deutlichen Unterschied, ob Lizenzgebühren anfallen oder nicht. Dr. Schuster schätzt, dass die Kosteneinsparung allein durch die Linux-Server im fünf- bis sechsstelligen Bereich liegt.

"Anfangs hielt sich die Begeisterung der Mannschaft in Grenzen. In unserer Windows-Monokultur war Linux ein Fremdwort." Den Wandel brachte eine Schulung für Ingenieure im Linuxhotel[3] in Essen: "Eine Woche Schulung durch kompetente Enthusiasten hat alle überzeugt, dass es mit Linux funktioniert." Wer dann über eine dünne Satellitenleitung einen Server in Zentralasien remote und verschlüsselt in wenigen Minuten installiert und konfiguriert hat, wurde vom Saulus zum Paulus: "Das versuchen Sie mal mit einem Windows 2000 Server", meinte einer der Ingenieure des Auswärtigen Amts.

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