Aus Linux-Magazin 09/2001

Weniger ist mehr

Manchmal ist weniger eben mehr. Diese Weisheit galt für den diesjährigen LinuxTag 2001 in Stuttgart, der zwar insgesamt weniger Besucher als im vergangenen Jahr verzeichnete, dafür aber zufriedene.

Am Samstag lag die Temperatur in den Hallen leicht über dem durchschnittlich Wohlfühlbereich des Mitteleuropäers und so floss die Jolt-Cola in Strömen. 106 Aussteller aus Wirtschaft und freien Projekten sowie 14870 Besucher, die vier Tage lang die Gänge bevölkerten, fanden das Klima auf der Messe an diesem und an den anderen Tagen trotzdem angenehm.

Lob vom Staat

Anerkennende Worte fanden die Staatssekretärinnen Brigitte Zypries und Margareta Wolf für die Linux-Gemeinde. “Ich freue mich, dass Produkte der freien Software zu einer ernsthaften, wirtschaftlich gerade für den Mittelstand interessanten Alternative werden. Dies ist für den Wettbewerbsstandort Deutschland, auch in globalstrategischer Hinsicht und in Bezug auf sicherere IT-Anwendungen, ein echtes Plus”, erklärt Staatssekretärin Wolf. “Linux ist nach Meinung von Experten heute eines der sichersten und stabilsten Betriebssysteme überhaupt. Deshalb fördern wir auch in der öffentlichen Verwaltung den Einsatz von Linux”, ergänzt Staatssekretärin Zypries. Margareta Wolf ging später sogar körperlich auf Schmusekurs – allerdings nur mit einem Stoff-Tux.

Rund 8000 Quadratmeter standen den Ausstellern zur Verfügung, etwas mehr als im vergangenen Jahr. Trotz Besucherrückgang sieht Ulrich Kromer, Geschäftsführer der Messe Stuttgart, ein positives Ergebnis: “Linux hat sich zu einer ernst zu nehmenden Alternative entwickelt.” Eine Aussage, die durch den hohen Anteil an Entscheidungsträgern im Publikum der Messe unterstrichen wurde.

Staatssekretärin Brigitte Zypries vom Bundesinnenministerium eröffnet die Messe.

Staatssekretärin Brigitte Zypries vom Bundesinnenministerium eröffnet die Messe.

Staatssekretärin Margareta Wolf (Bundeswirtschaftministerium) auf Schmusekurs mit Tux.

Staatssekretärin Margareta Wolf (Bundeswirtschaftministerium) auf Schmusekurs mit Tux.

Friedliche Koexistenz

Oliver Zendel vom LinuxTag e.V. sieht ebenfalls auf eine erfolgreiche Messe zurück, bei der die Freiwilligen zum ersten Mal auf die professionelle Unterstützung des kommerziellen Veranstalters zurückgreifen konnten: “Die Zusammenarbeit hat uns zeitlichen Freiraum für die wichtige inhaltliche Gestaltung der Veranstaltung gegeben. Der Tag hat nun mal nur 24 Stunden, und die Zeit, die wir bei Routinearbeiten gespart haben, konnten wir in neue Projekte stecken. Die Open-Musik-CD ist ein gutes Beispiel dafür. Seit zwei Jahren wollten wir dieses Projekt schon angehen, das hat aber zeitlich nie hingehauen. Dieses Jahr hatten wir die Möglichkeit und haben sie in meinen Augen ziemlich gut genutzt. Auf das Ergebnis – unseren ersten Open-Music-Sampler – können wir stolz sein.”

Normen und Standards

Als Vortragende gewannen die Veranstalter mit Eric S. Raymond (“The Cathedral and the Bazaar”) und Rob “Cmdr Taco” Malda vom Geek-Nachrichtendienst Slashdot sowie John “Maddog” Hall (Linux International) auch in diesem Jahr wieder internationale Advokaten und Fürsprecher des Open-Source-Gedankens.

Raymond predigte in seinem Vortrag das Credo: Entwickler sollen ihre Software früh veröffentlichen und transparent machen. Nur in einem Dialog lässt sich abschätzen, welche Zukunft eine Idee hat. Und nur so werden letztlich auch die Normen und Standards der freien Entwicklung gesetzt: im Dialog.

Die Kunst des Krieges

Es wurde auch auf gut Deutsch gesprochen: Eitel Dignatz und Jonas Luster machten sich Gedanken über Sicherheit und Strategie der Open- Source-Software beziehungsweise -Bewegung. Luster wartete mit einem Vergleich zur “Kunst des Krieges” von Sun Tsu auf, in dem er zeigte, warum Closed-Source-Protagonisten nicht überleben würden.

Hacken erlaubt?

In seinen eigenen Rechner darf jeder einbrechen, aber wie sieht es mit fremden Computern aus? Wo verläuft die Grenze zwischen einem neugierigen Blick hinter die Kulissen und einer strafbaren Handlung? Das waren die Kernfragen der Vorträge zu “Live-Hacking mit Linux-Tools” und “Strafbarkeit von Hacking” auf dem Stand der “esb Rechtsanwälte”.

Die beiden Referenten legten ihre Vorträge zusammen: Frank Gebert führte einfache Exploits vor, deren juristische Aspekte Ulrich Emmert bewertete. http://www.kanzlei.de/linuxtag.htm

Im Rahmen des Business-Kongresses wurde das Thema Sicherheit besonders groß geschrieben. Howard Fuhs machte in seinem Vortrag zu “Management-Maßnahmen für Linux-Sicherheit” deutlich, dass Sicherheit bereits bei den Geschäftsprozessen beginnt und somit eine Managementaufgabe ist. Eine seiner Thesen sollte alle wachrütteln, die glauben, Linux sei automatisch sicher: Je mehr sich Linux verbreitet, umso interessanter wird es als Ziel für Angriffe und damit werden sich – nach Ansicht von Howard Fuhs – auch die Sicherheitsvorfälle häufen.

Signierstunde mit Illiad und Eric S. Raymond (rechts).

Signierstunde mit Illiad und Eric S. Raymond (rechts).

Frank Steidl erklärte in “Linux als Plattform für kommerzielle Sicherheitsprodukte” die unterschiedlichen Techniken von Firewalls. Nach seinen Worten ist Linux in vielen Gebieten für kommerzielle Sicherheitsprodukte noch im Hintertreffen gegenüber proprietären Betriebssystemen. Durch den wachsenden Trend zu Appliances könnte sich die Situation jedoch bald ändern; hier wird Linux vermehrt eingesetzt, auch für Firewalls, VPN und Ähnliches.

Nigel Edwards von Hewlett-Packard stellte in seinem Vortrag “A New Security Achitecture for Hosting Internet Services” die Linux-Erweiterung HP-LX vor. Hierbei handelt es sich um einen modifizierten Linux-Kernel und einen Satz von Kommandozeilen-Programmen, mit denen Prozesse innerhalb eines Linux-Systems vom Rest abgeschottet werden können.

Interessant sind solche Application-Sandboxes vor allem für Application Service Provider und für das Web-Hosting, bei denen unterschiedliche Applikationen möglichst vollständig voneinander getrennt laufen sollen. Laut Nigel Edwards ist der wichtigste Punkt bei der Entwicklung von HP-LX, dass die nötigen Sicherheitsfeatures möglichst einfach zu konfigurieren sind.

Projekt-Arbeit

Die Bandbreite der technischen Vorträge reichte von der Integration in verschiedene Netzwerkstrukturen (Sebastian Stormacq “Using Linux in a Microsoft Enviroment”) über Portierungen auf die unterschiedlichsten Plattformen (Michael Engel “Neue Kernels auf altem Eisen – die Freuden der Linux-Portierung auf alte Hardware”) bis hin zum Blick über den Tellerrand (Olaf Hoyer “BSD – Der Wegbereiter für Open Source, das Internet und Linux”).

Die renommierten Projekte ließen es sich ebenfalls nicht nehmen, den letzten Stand der Entwicklung dem erwartungsvollen, aber durchaus kritischen Publikum nahe zu bringen. KDE verkündete im Rahmen der Messe sogar einen kleinen Versionssprung auf die Nummer 2.2.

Welten ohne Grenzen

Worldforge (http://www.worldforge.org) präsentierte im Rahmen der Messe einen Game-Server für tausend und mehr Spieler. Bruno Heidelberger stieg vor eineinhalb Jahren in die Entwicklung mit ein und beschäftigt sich mit der Umsetzung von 3D-animierten Charakteren auf dem Spielfeld. Johannes Wohler studiert zur Zeit in München und programmiert seit drei Jahren in der Freizeit an verschiedenen Projekten mit. Ziel des Projekts ist ein Game Server der eine Infrastruktur bereitstellt, die mit vielen verschiedenen Inhalten gefüllt werden kann.

Zurzeit arbeiten die Mitglieder des Projekts an einer mittelalterlichen Welt, in der die Spieler Schweine hüten und mästen müssen. “Es geht um die Technik”, versichern beide, aber mehrere Leute haben schon ihre Sympathie für die rosafarbenen Digital-Paarhufer bekundet.

Rezession in den Knochen

Der LinuxTag gehört gerade nach seiner erfolgreichen Verpflanzung von Karlsruhe nach Stuttgart zum festen Bestandteil der jährlichen Ereignisse, die Linux-Begeisterte aus der ganzen Welt anziehen. Freie Projekte und kommerzielle Anbieter stehen gleichberechtigt nebeneinander und präsentieren ihre Arbeit dem Fachpublikum.

Den Anbietern kommerzieller Produkte steckte die Krise der IT-Branche etwas in den Knochen.

Von konjunkturellen Schwankungen weniger betroffen sind die Open- Source-Projekte, obwohl in mageren Zeiten weniger Unterstützung aus den Unternehmen zu erwarten ist. Aber dann besinnen sich die Programmieren und Designer wieder auf die alten Tage, als sowieso nur das Dankeschön in einer Newsgroup der Lohn für die Arbeit war.

Boom der Partnerkonzepte

In schwierigen Zeiten kommt man sich näher. So ist es nicht verwunderlich, dass beispielsweise die Stände von Compaq und SuSE, die zu den größten auf der Messe gehörten, zahlreiche Partnerunternehmen anzogen. Lisa Systems ist schon geraume Zeit mit der Linux-Variante von Compaqs iPaq-Handheld auf dem Markt.

Das erstmalige gemeinsame Auftreten mit Compaq stellt nun so etwas wie den offiziellen Segen der großen Texaner für das kleine Hamburger Systemhaus dar. Ein anderer Compaq-Partner, die Firma Netline, bietet eine in einen Alpha-Server integrierte Internet/Groupware-Appliance namens Comfire an.

Compaq selbst präsentierte einen dediziert für Oracle entwickelten Cluster auf Intel-Basis. Die Compaq-Strategie “Linux ja, aber doch bitte möglichst nur auf Alpha” greift nach dem Verkauf der Prozessorentwicklung an Intel und dem damit programmierten Aussterben der Alpha-Architektur nicht mehr.

Trotz größerer Fläche gab es um den Debian-Stand wieder Gedränge der Geeks.

Trotz größerer Fläche gab es um den Debian-Stand wieder Gedränge der Geeks.

Am SuSE-Stand tummelten sich insgesamt sechs Unteraussteller, unter anderen Skyrix aus Magdeburg, ebenfalls mit einer Groupware-Lösung. Auch der Hardware-Hersteller Transtec entschied sich für die bescheidene Lösung als SuSE-Partner, und Sharp nutzte die Gelegenheit, Linux-Notebooks vorzustellen.

Nicht mit einem eigenen Stand vertreten war IBM, was hier aber mehr der selbst auferlegten Bescheidenheit gegenüber der Linux-Gemeinde als dem Fehlen von vorzeigbaren Lösungen geschuldet sein dürfte.

Insgesamt zeigten sich die meisten Aussteller “den Umständen entsprechend” zufrieden; Ernüchterung gegenüber dem Vorjahr ja, aber von einer Katerstimmung wie bei den Kollegen der typischen Dotcoms konnte keine Rede sein.

LinuxTag 2002

Rund 90 Besucher hörten sich die Vorträge mit den Titeln “Hochverfügbarkeit unter Linux” und “Freie Software kommerziell nutzen – Lizenz und haftungsrechtliche Fragen” an. Hier besteht Unsicherheit. Eine Umfrage unter den Besuchern zeigte aber Trends: So interessierten sich rund 64 Prozent für GNU/Linux, 35 Prozent informierten sich über Server unter Linux, das Thema Sicherheit stand bei 33 Prozent der Besucher im Vordergrund. Nach neuen Netzwerklösungen suchten 32 Prozent.

“Wir wollen im kommenden Jahr noch stärker die Geschäftskunden ansprechen und werden deshalb am Programm der ersten beiden Tage erneut feilen”, sagt Rainer Frick, Pressesprecher der Messe Stuttgart. Die Zweiteilung der Messe soll auch künftig bestehen. “Die Community soll sich auch in Zukunft wohl fühlen beim LinuxTag”, so Frick. ( agr)

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