Open Source im professionellen Einsatz

Telekommunikation 2.0 - von SIP, VoIP, TelKos und Nummern im Ausland

In den letzten Wochen hab ich mich vermehrt mit Voice over IP beschäftigt, vor allem vor dem Hintergrund, dass ich durch mein Engagement für LibreOffice viel ins Ausland telefonieren muss und auch für Freunde aus dem Ausland gerne zu günstigen Tarifen erreichbar sein möchte. Da der ein oder andere vielleicht vor demselben Problem steht, möchte ich hier einmal mein Setup erörtern, der Nachbau ist natürlich ausdrücklich erlaubt.

Als Endgerät dient hier ein Gigaset DX800A, mit einem SL400H als Handgerät, einem L410 als Freisprech-Clip und einem ZX400 als Headset. Das Schöne am DX800A ist, dass es für alle Welten bereit ist - Analog, ISDN, bis zu 6 SIP-Accounts, zudem ein integrierter a/b-Wandler plus eine Bluetooth-Anbindung, über die man sogar Handytelefonate führen kann, lassen eigentlich keine Wünsche offen. Grundsätzlich bin ich mit den Gigasets sehr zufrieden, wenngleich man in puncto Features den ein oder anderen Abstrich im Vergleich zu reinen SIP-Telefonen machen muss. Kontakten können maximal drei Telefonnummern zugeordnet werden, für TK-Anlagen wichtige Features wie "Call Answered Elsewhere" fehlen, aber alles in allem macht das Gerät einen guten Eindruck, insbesondere die Sprachqualität überzeugt. Die Hotline benötigt manchmal etwas länger für Antworten, zeigt sich dann aber durchaus kompetent und kulant - der Austausch eines Netzteils erfolgte zeitnah, und die Information, wie man das MWI-Lämpchen für verpasste Anrufe per Servicemenü deaktiviert, erhielt ich auf Anfrage ebenfalls. Hauptargument für das Gigaset war dabei, dass ich neben einem Tischtelefon auch ein schnurloses Gerät möchte, und hier konnte mich leider keine der getesteten Alternativen anderer Anbieter überzeugen. Allerdings hat man beim Gigaset auch nicht die freie Wahl, sondern sollte immer bei kompatiblen Modellfamilien bleiben: So unterstützt der Freisprech-Clip L410 leider keine einfache Gesprächsübergabe vom DX800A, und das neue SL910 funktioniert Berichten zufolge auch nur bedingt mit dieser Basis. Sind zueinander kompatible Geräte im Einsatz, klappt jedoch alles problemlos.

Als Provider für meinen öffentlich genutzten Anschluss kommt dabei sipgate team zum Einsatz, das demnächst durch die Variante sipgate trunking ersetzt werden soll. Für meinen privaten Anschluss greife ich indes auf dus.net zurück, der sich insbesondere durch extrem günstige Tarife gerade auch in ausländische Mobilfunknetze auszeichnet - in manche Länder kann ich dadurch günstiger aufs Handy telefonieren als innerhalb Deutschlands. Für zwei Nummern, die ich regelmäßig anrufe, habe ich eigene Ortsnetznummern bei dus.net gebucht, die ich dank meiner Festnetz-Flatrate vom Handy kostenfrei erreichen kann. Durch diesen Umweg zahle ich von meinem deutschen Handy auf ein ausländisches Handy gerade mal 10-15 Cent pro Minute - manche Mobilfunkbetreiber würden für die direkte Verbindung bis zu 2 Euro pro Minute berechnen! A propos Rufnummern: Bei dus.net kosten diese eine jährliche Gebühr von 4,90 Euro pro Nummer, bei sipgate zahle ich keine Grundgebühr, da ich die Nummer von meinem alten basic-Account übernommen habe. Andernfalls würden hier zusätzliche Gebühren von 3,95 Euro pro Monat entstehen. Mit PERSONAL-VOIP habe ich noch einen weiteren Anbieter gefunden, der neben kostenfreien Rufnummern auch sehr günstige Telefontarife anbietet - mehr Erfahrungen damit konnte ich bis dato aber noch nicht sammeln. Weitere günstige Tarife zum gewünschten Ziel listet übrigens auch der VoIP-Tarifrechner von teltarif.de auf.

Während sipgate team und dus.net direkt auf meinem Telefon aufgeschaltet sind, lasse ich alle übrigen Anbieter gesammelt auf meiner virtuellen Telefonanlage bei pbxes auflaufen. Die Idee, meinen eigenen Asterisk-Server wieder aufleben zu lassen, habe ich bisher mangels Zeit noch nicht umsetzen können, dank dem hervorragenden Asterisk-Buch von Stefan Wintermeyer habe ich aber schon eine beinahe fertige Konfiguration inklusive funktionierendem Fax-Empfang. Auch von der typischen SIP-via-NAT-Problematik bin ich glücklicherweise verschont - mein Router ist Marke Eigenbau und setzt dank der Kernelmodule nf_conntrack_sip und nf_nat_sip auf SIP ALG, was bei der von mir verwendeten Hardware problemlos funktioniert. Fertige Router verhalten sich hier unter Umständen anders, und spannend dürfte die Frage werden, ob Kabelkunden künftig noch die Wahl zwischen einem reinem Modem als Bridge haben, oder zwangsweise einen Router vorgesetzt bekommen, der durch NAT-Pools die Internettelefonie mit IPv4-Gegenstellen erschweren könnte.

Gerade für Telefonkonferenzen greifen viele auf Skype zurück, doch zumindest hinter meiner restriktiv ausgelegten Firewall werde ich damit nicht so recht glücklich. Bessere Erfahrungen habe ich beispielsweise mit der Lösung von Google gemacht, aber nicht jeder möchte sich für die so genannten Hangouts extra ein Konto anlegen. Gerade dann, wenn man viel unterwegs ist, geht eigentlich nichts über die klassische Telefonkonferenz, der man auch vom Handy aus beitreten kann. Neben zahlreichen Anbietern, die teure 0180-Einwahlnummern nutzen, setze ich dabei seit langem auf talkyoo, die der Document Foundation dankenswerterweise mehrere Räume sponsern. Die kostenfreie Variante unterstützt dabei die Einwahl aus Deutschland für bis zu 6 Teilnehmer, erweitere Funktionen wie größere Konferenzen, Auslandseinwahlen oder MP3-Mitschnitte kosten eine monatliche Grundgebühr, auch Remote-Präsentationen und Screensharing sind möglich. Als Alternative für den deutschsprachigen Markt bieten sich auch Dienste wie konferenzen.eu an, welchen ich allerdings bislang nicht getestet habe. Gleiches gilt für meetgreen und telcoon, wobei Letzterer sogar Einwahlnummern in einigen ausländischen Festnetzen zur Verfügung stellt, dabei aber nicht an die Nummernvielfalt von talkyoo herankommt.

Interessant ist auch cospace, bei dem man bis zu drei Rufnummern in den größten deutschen Ortsnetzen erhalten kann, um darüber einen Anrufbeantworter, ein Fax und ein Konferenzsystem einzurichten. Aber auch hier fehlen mir detaillierte Erfahrungen, abgesehen von einigen kleinen Tests. Eine nette Ergänzung ist zudem sipgate one, bei dem man eine "virtuelle" Handynummer erhält, die Anrufe und sogar SMS weiterleitet.

Für eingehende Anrufe gibt es mehrere Möglichkeiten. Das schon oben erwähnte pbxes bietet die direkte Erreichbarkeit per SIP-URI unter benutzername@pbxes.org. Bekannt ist auch iptel.org, bei dem man sowohl unter derselben Domain ein SIP-Konto anlegen, als auch - von mir bislang allerdings ungetestet - seine eigene Domain aufschalten kann. Provider wie sipgate oder dus.net unterstützen übrigens aus Sorge vor SPIT (Spam over IP Telephony, d.h. Telefon-Spam) in der Regel keine Anrufe per SIP-URI aus Fremdnetzen.

Wer unterwegs nicht auf SIP-Telefonie verzichten will, um dank Hotel-eigenem WLAN beispielsweise teure Roaming-Gebühren zu umgehen, der findet auch für Android-Handys zahlreiche Applikationen. Neben dem bekannten Sipdroid nutze ich derzeit CSipSimple, das sogar auf dem Tablet funktioniert.

Bleibt noch das Problem der eingehenden Anrufe zu lösen, denn gerade aus dem Ausland sind Anrufe auf deutschen Festnetzrufnummern nicht immer günstig. Glücklicherweise gibt es einige Anbieter, die einem auch ohne Wohnsitz im EU-Ausland kostenfrei Rufnummern zuweisen. Einige verlangen dafür eine existierende SIP-URI, beispielsweise bei iptel oder pbxes, andere stellen einen eigenen SIP-Zugang bereit. Einer der Klassiker ist mit Sicherheit IPkall, der eine Rufnummer aus dem US-Bundesstatt Washington an eine beliebige SIP-URI weiterleitet. Interessant ist auch Google Voice, das jedoch derzeit nur Nutzern mit einer IP aus den USA zur Verfügung steht und eine bestehende US-Festnetznummer zur Verifikation erfordert.

Wer nicht so weit in die Ferne schweifen will, dem stellt Messagenet eine kostenfreie Rufnummer in London zur Verfügung. Zwar offeriert die Webseite auch italienische Nummern, dazu muss jedoch eine gültige lokale Anschrift samt Steuernummer angegeben werden. Auch für unsere Nachbarländer Schweiz und Österreich gibt es kostenfrei Rufnummern: sipcall.ch respektive sipcall.at stellen diese zur Verfügung. Mit num2sip gesellt sich ein Dienst dazu, der eine Rufnummer in Frankreich bereitstellt, und diese an eine SIP-URI weiterleitet. In Österreich und Frankreich erhält man übrigens Rufnummern aus einer speziellen Nummerngasse für Internet-Telefonie, die im Gegensatz zu unserer Vorwahl 032 allerdings zum Normaltarif erreichbar sind.

Großer Nachteil bei allen Gratis-Angeboten: Die Rufnummer wird inf der Regel nicht auf den eigenen Namen eingetragen und kann somit beim Providerwechsel nicht mitgenommen werden, auch ein Telefonbucheintrag könnte sich schwierig gestalten. Zudem setzen die meisten Anbieter mindestens einen eingehenden Anruf pro Monat voraus, und behalten sich ansonsten die Löschung vor.

Wer Rufnummern in anderen Ländern benötigt, der kann diese bei verschiedensten Anbietern kaufen. Das voip-info.org Wiki hält auf dieser und dieser Seite eine Liste bereit. Die Preise sind dabei sehr unterschiedlich: Während manche Anbieter nur monatliche Grundgebühren verlangen, lassen sich andere jede eingehende Minute bezahlen. Dabei bewegen sich die Preise für die Grundgebühr zwischen 1 und 13 Euro. Recht preisgünstig und mit schnellem Support kommt TeleCallMart daher, wobei mir auch hier nähere Erfahrungswerte noch fehlen.

Doch ganz gleich, welche Lösung man nun nutzt, faszinierend bleiben die Möglichkeiten, die es heutzutage gibt, allemal. Jüngst ist mir die Preisliste für Telefonie aus dem Jahr 1996 in die Hände gefallen - dagegen sind heutzutage selbst Verbindungen in die entlegensten Winkel der Welt ein Schnäppchen, von Konferenzen mit zehn Leuten und mehr ganz zu schweigen ...

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