Open Source im professionellen Einsatz

Telekommunikation 2.0 - Reloaded

Liebe Leserin,
Lieber Leser,

vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich mich hier im Blog ausführlich mit Voice over IP bzw. SIP beschäftigt. Inzwischen ist viel Zeit ins Land gegangen - Grund genug, heute ein Update zu liefern, das Sie zum Mitbasteln einladen soll.

Hardware

Mein grundlegendes Setup hat sich nicht wesentlich verändert: Nach wie vor tut hier das Gigaset DX800A samt Mobilgerät SL400H seinen Dienst und gefällt mir eigentlich ganz gut. Auch ein Routerwechsel konnte der Zuverlässigkeit nichts anhaben - anscheinend ist die Problematik "SIP hinter NAT" zumindest bei aktueller Hard- und Software einigermaßen entschärft. Der alte Trick, die Refresh-Zeit möglichst gering zu halten, hat sich zumindest für mich bewährt, und so bereitet die Erreichbarkeit auch nach dem Wechsel eines Router Marke Eigenbau auf DD-WRT keine Probleme. Demnächst möchte ich das Ganze mal mit dem großen Bruder des DX800A gegentesten, dem DE900 IP PRO, das mit noch einigen weiteren Komfortfunktionen aufwarten soll, wie beispielsweise bis zu sieben Telefonnummern pro Kontakt. Ich werde dann hier berichten.

Positives zu vermelden gibt es von der Hardware-Front übrigens auch im Kabelnetzbereich. Zwar hat die Bundesnetzagentur erst jüngst eine mir völlig unverständliche und meiner Meinung nach absolut falsche Entscheidung getroffen, die einem "Routerzwang" seitens der Provider Tür und Tor öffnet, aber immerhin hatte Kabel Deutschland ein Einsehen, und ermöglicht seinen Kunden mittlerweile, die Kabelmodems in den Bridge-Modus zu schalten, was die Nutzung eigener Router erlaubt. Zwar gibt es Stand heute damit noch kein natives IPv6, was mir persönlich aber immer noch lieber ist als Carrier Grade NAT für IPv4 und IPv6-Anbindung per Dual Stack Lite, zumal SIP via IPv6 noch Mangelware ist. Und wozu gibt es schließlich IPv6-Tunnel ...

Ortsnummer am Handy

Auch die Tarifvielfalt ist nahezu unverändert - dutzende Anbieter buhlen um die Gunst des Kunden, und ich persönlich fahre mit der Kombination aus sipgate und dus.net nach wie vor hervorragend. Sipgate hat dabei im Lauf der Monate sein Portfolio konstant ausgebaut, und bietet jetzt im Business-Tarif sipgate team auch die Möglichkeit, Handys einzubinden. Anfangs noch mit einem Aufpreis versehen, sind die SIM-Karten seit einigen Monaten in jedem Team-Tarif ohne Mehrkosten enthalten. Zwar machen die sipgate-eigenen 01579-Rufnummern noch Probleme und werden aktuell nicht vergeben, dafür erhält jedes Handy eine Ortsrufnummer, unter der man zum günstigen Preis zu erreichen ist - früher gerne auch als "bundesweite Homezone" bezeichnet. Dieses Feature lassen sich Mobilfunkgesellschaften mitunter noch teuer bezahlen - so würde mein Anbieter dafür einige Euro Mehrpreis pro Monat verlangen, samt minütlicher Gebühren für eingehende Gespräche. Schön ist auch, dass die SIM-Karten sich wie gewöhnliche SIP-Gegenstellen in sipgate team einbinden lassen, inkl. Konfiguration der Rufweiterleitungen und Ruhezeiten.

Mittlerweile bietet sipgate dieses Paket auch für Privatkunden ohne monatliche Grundgebühr unter dem Namen simquadrat an. Der Tarif ist durchaus interessant, und die bundesweit nutzbare Festnetzrufnummer ein echtes Schmankerl. Eine Integration in das sipgate-Privatkundenangebot fehlt zwar noch, aber derzeit scheint die Rufumleitung von sipgate zu simquadrat kostenfrei zu sein - praktisch!

Eine Adresse für alles

Neben der klassischen Festnetzrufnummer bietet das SIP-Protokoll auch eine eigene Adresse, unter der die Endgeräte erreichbar sind. Die meisten Provider bieten diese Funktion allerdings nicht an - zum einen, um Kunden an das eigene kostenpflichtige Gateway zu binden, zum anderen aber auch, um sich vor Werbeanrufen, kurz SPIT genannt, zu schützen.

Wer jedoch mehrere SIP-Konten am Telefon einrichten oder auf einen Dienst wie pbxes zurückgreifen kann, der kann sich zusätzlich zur Festnetznummer eine SIP-Adresse organisieren. Pbxes stellt selbst eine solche in der Form benutzername@pbxes.org zur Verfügung. Wesentlich professioneller hingegen sieht es aus, die eigene Domain zu benutzen. Glücklicherweise geht das auch ganz ohne den Betrieb eines eigenen Servers, denn der Anbieter iptel.org bietet genau diesen Dienst kostenfrei an. Im DNS-Eintrag müssen Sie lediglich zwei weitere Zeilen einfügen, und schon klappt die Verbindung unter Ihrer Wunschadresse.

Besonders praktisch ist das Ganze dann, wenn man sich entschließt, auch gleich noch ein Jabber/XMPP-Konto unter derselben Domain anzulegen, was sich ebenfalls kostenfrei über Dienstleister wie beispielsweise hosted.im realisieren lässt. Auch hier genügen ein paar DNS-Einträge, und die Adresse ist geschaltet.

So bin ich mittlerweile per E-Mail, als auch per SIP-Telefonie und per Jabber/XMPP über ein und dieselbe Adresse erreichbar, nämlich florian@effenberger.org. Fehlt eigentlich nur noch der entsprechende Microblogging-Dienst.

Wo bin ich?

Noch ganz neue Materie für mich ist das so genannte ENUM-Verfahren. Damit sollen letzen Endes beide Welten zusammengeführt werden, d.h. die klassische Festnetztelefonie und die SIP-basierte Kommunikation. Jedermann kann dabei seine eigene Telefonnummer als ENUM-Domain registrieren und die verschiedenen Kontaktmöglichkeiten hinterlegen. Wählt nun jemand von einem SIP-Anschluss die Festnetznummer, bietet ENUM ihm vereinfacht gesagt an, die Verbindung direkt per SIP anstatt per Festnetzgateway aufzubauen. Die Technik hat sich aber leider noch nicht allzu weit verbreitet, und nur wenige Anbieter unterstützen den Dienst, auch hier vermutlich wieder mit dem Gedanken, die Kunden ans eigene Gateway zu binden. Wer dennoch einmal schnuppern möchte, der findet unter e164.org und bei Portunity einen guten Einstieg.

Was die Zukunft bringt

Spannend bleibt, was die Zukunft bringen wird. Anfangs belächelt, ist die Internettelefonie heute längst an der Tagesordnung. Nahezu alle Telefonieanbieter nutzen im Backend schon IP-basierte Verbindungswege, und mehr und mehr Telefonanschlüsse werden übers Internet realisiert. Erst jüngst machten Meldungen die Runde, dass die Deutsche Telekom zumindest Analogkunden sukzessive auf neue, IP-basierte Anschlüsse umstellen wird, und auch die Abschaltung von ISDN wird keine Frage von Jahrzehnten mehr sein.

Auch die Kabelnetzbetreiber springen auf den Zug auf. Konnte man vor einer Weile noch Whitepaper herunterladen, die zeigen sollten, dass Voice over Cable, d.h. die Telefonie per Kabelmodem, genauso zuverlässig ist wie das klassische Festnetz, bieten einige Anbieter für Neukunden nur noch eine Leitung statt bisher zwei an, und forcieren so den Wechsel auf SIP-basierte Lösungen, bei denen nach wie vor mehrere ausgehende Gespräche möglich sind.

Ich selbst habe mich dazu entschlossen, einen Anbieter unabhängig von meinem Internetprovider zu wählen, und bin damit persönlich sehr glücklich. Bis auf kleinere Macken läuft die SIP-Telefonie hier seit vielen Jahren völlig problemlos - auch wenn ich mich vom "echten" ISDN mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiedet habe.

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