Open Source im professionellen Einsatz

Alles aus und vorbei? Das angebliche Sterben von OpenOffice.org

Wer die Feiertage über die Presse verfolgt hat, der wird sich über die Nachricht gewundert haben, dass OpenOffice.org angeblich am Ende sei. Viele wird die Meldung überrascht haben - mich offen gestanden auch. Dass nun ausgerechnet das Projekt so plötzlich dem Untergang geweiht sein soll, in dem ich seit mehreren Jahren engagiert bin, das hat mich doch sehr verwundert.

Das neue Jahr ist angebrochen, und auch wenn einige Kollegen noch im Urlaub sind, so herrscht doch nach den Feiertagen wieder reges Treiben bei OpenOffice.org. Die nächsten Veranstaltungen kommen mit großen Schritten auf uns zu, neue Versionen mit neuen Features stehen auf dem Plan und alle gehen voller Elan an die Aufgaben heran, die vor uns stehen. Von einem toten Projekt also keine Spur.

Was sind also die Gründe für derartige Meldungen?

Die gesamte Open-Source-Szene befindet sich mittlerweile im Wandel. War freie Software früher noch der „bunte Hund“, milde belächelt, oft mit „Exoten-Bonus“, so sind wir längst im allgemeinen Bewusstsein angekommen: Jeder kennt Open-Source-Software, fast jeder nutzt sie. Firmen aller Größe setzen freie Software ein und unterstützen die Projekte, die von zahllosen privat Engagierten in ihrer Freizeit gestemmt werden. Aber so wie im echten Leben, so ist es auch bei Open-Source-Projekten: Je mehr Leute involviert sind, eine umso größere Herausforderung wird es, alle Meinungen, Vorstellungen, Wünsche und Ideen unter einen Hut zu bekommen. Jeder hat eine andere Wahrnehmung dessen, was richtig und was falsch ist, wie der Weg ist und auf welcher Etappe wir uns gerade befinden. Mittlerweile weiß ich die Vielfalt, die eine solche Konstellation mit sich bringt, sehr zu schätzen, und möchte sie nicht mehr missen.

Nein, OpenOffice.org liegt nicht im Sterben. Wahrhaftig nicht. Ganz im Gegenteil. Vielmehr zeigen die unterschiedlichen Vorstellungen und Wahrnehmungen des Soll- und Ist-Zustandes, dass das Projekt aktiv ist, dass es lebt, dass es viele Menschen gibt, die sich Gedanken machen, denen die Sache am Herzen liegt. Deutlicher kann man nicht aufzeigen, dass das Projekt mit Leben erfüllt ist.

Sehen wir uns einfach einmal die Fakten an.

Große Projekte im letzten Jahr waren beispielsweise die Neuentwicklung der Notizfunktion im Writer („Notes2“), die beinahe ausschließlich von einem Community-Entwickler stammt, der keiner der beitragenden Firmen angehört. Auch in Calc wurde von einer freien Entwicklerin eine maßgebliche Verbesserung im Bereich der finanzmathematischen und statistischen Funktionen erzielt. Diese Beiträge greifen jeweils tief ins Programm ein und erfordern gute Kenntnis von Prozessen und Code. Ihr Erfolg beweist, dass dies keine unüberwindbare Aufgabe ist. Ähnliches gilt für die native Portierung auf Mac OS X, bei der ebenfalls viele Freiwillige beteiligt waren.

Mit dem neu entwickelten QA-Tracking-Tool „QATrack“, das ebenfalls von freien Entwicklern stammt, werden mittlerweile sämtliche Releases abgewickelt, der Prozess muss also zwangsläufig transparent sein. Gäbe es einzelne Entwickler oder Firmen, die hier alleinige Entscheider wären, wäre dies erst gar nicht möglich gewesen.

Um neue Entwickler für das Projekt zu begeistern, führen wir seit Jahren sowohl in Deutschland als auch international zahlreiche Veranstaltungen durch und nehmen an vielen Messen teil. Regelmäßig findet darüberhinaus ein so genanntes QA-Wochenende statt, an dem sich neue und erfahrene Projektmitglieder - ehrenamtliche gleichermaßen wie bei Firmen angestellte - austauschen können. Umrahmt wird dies alles durch Wettbewerbe, bei denen Interessenten auch ein finanzieller Anreiz geboten wird, ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Schlussendlich sind auch die Gremien im Projekt - das Community Council und das Engineering Steering Committee - demokratisch mit Vertretern verschiedener Bereiche und Firmen besetzt.

Die Vitalität eines Projektes definiert sich nicht stupide durch die Zahl von Codebeiträgen im Core, sondern auch durch all das, was drumherum passiert: Dokumentation, Übersetzung, Marketing und dergleichen mehr. Und auch für Entwickler, die nicht so tief in das Programm einsteigen können, bieten wir durch den Extensions-Mechanismus vielfältige Möglichkeiten, zum Code beizutragen. Mit Erfolg, allein im Dezember gab es an die 50 neue Extensions, die die Funktionalität von OpenOffice.org erweitern und verbessern. Die meisten von ihnen von freien Entwicklern.

Man könnte die Liste beliebig fortführen. Kurzum: Wir haben im vergangenen Jahr viel bewegt und große Pläne für das Jahr 2009. Der Erfolg der letzten Monate gibt uns Antrieb und bestätigt uns in unserer täglichen Arbeit.

Von einem sterbenden Pferd also keine Spur.

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