Open Source im professionellen Einsatz

Money for nothing - Neiddebatte ums Leistungsschutzrecht

That ain't workin' that's the way you do it
Money for nothin' and chicks for free
Now that ain't workin' that's the way you do it
Lemme tell ya them guys ain't dumb

(Dire Straits, "Money for nothing", 1985)

 

"But the clock upon the wall
That was ticking in the hall
Always reminded her
That life was going on as well
But she was happy and she would swear she wouldn't change a thing

And all would envy the older man and his beautiful young wife
Yes, all would envy"

(Sting, "All Would Envy", 2002)

Nein, dumm sind sie wohl nicht bei Google, wie sonst ließen sich die knapp 38 Milliarden Dollar Umsatz erklären, die der Suchmaschinen- und Werbe-Riese letztes Jahr erwirtschaftete - aber soviel Geld ruft stets auch Neider auf den Plan. Doch zunächst ein paar Fakten: Eine anschauliche Grafik von Wordstream zeigt recht klar, wie sich zumindest zwei Drittel der Einnahmen verteilen.

Die Top fünf Werbekunden bei Google in den zehn Branchen, mit denen der Riese am meisten Einnahmen generiert. (Quelle: Wordstream)

Zu den Top Ten Branchen, die zusammen etwa 22 der 37,9 Milliarden ausmachen, die Google über Ads einnimmt, gehören:

  1. Finanzdienstleister und Versicherungen
  2. Einzelhändler
  3. Reise und Tourismus
  4. Jobs und Bildung
  5. Heim und Garten
  6. Computer und Consumer Elektronik
  7. Fahrzeuge
  8. Internet und Telekommunikation
  9. Business und Industrie
  10. "Occasions" (Gelegenheiten) und Geschenke

Wo sich hier die Industrie einreiht, die mit mehr oder weniger schlüpfrigen menschlichen Inhalten ihr Geld verdient, ist schleierhaft, sollte die Pornobranche zu den "weiteren" zählen, die Google die restlichen 14 Milliarden einbringen, erschiene das relativ wenig.

Googles Gier nach den Verlagsinhalten - ein instrumentalisierter Mythos?

Wenig überraschend zählen Verlage nicht zu den Top Ten, doch die leiden ja, glaubt man den Befürwortern des Leistungsschutzrechts, auch unverhältnismäßig unter der "Gier des Internetgiganten". Das schreibt eine Kulturpolitikerin in der FAZ, und weiter: Google kaufe sich Wissenschaftler und Studien, damit "in seinem Sinne geforscht und publiziert wird". Ein schlechtes Geschäft wäre das angesichts der (eben nicht) nackten Zahlen, vielleicht eine der derzeit so beliebten Verschwörungstheorien? Die lassen sich ja perfekt zur Mythenbildung instrumentalisieren...

Brisanz gewinnt die Aufstellung jedoch durch eine weitere, jüngst publizierte Studie, die das Hamburger Marktforschungs- und Beratungsunternehmen The Reach Group (TRG) nach eigener Aussage völlig unabhängig durchgeführt habe. Google bestreitet jede Einflussnahme, sagt Kay Oberbeck, Googles Director für Communication & Public Affairs DACH, im Gespräch mit dem Linux-Magazin. "Im Gegenteil", meint TRGs Marketingchefin Melanie Schnittkus dazu: "Wir beraten viele Verlage rund um Suchmaschinenoptimierung und Onlinemarketing. Die Studie ist ein Update zu einer Untersuchung, die wir 2009 gemacht haben, wir sind da absolut unabhängig, das hat mit Google nichts zu tun." Bis das Gegenteil bewiesen ist, muss da wohl jeder Leser selbst entscheiden, ob ihm die Studie unabhängig genug erscheint. Dem Suchmaschinenriesen kommt sie auf jeden Fall gelegen.

1,5 Milliarden Suchanfragen ausgewertet

Die Methode an sich gibt allerdings wenig Ansatz für Kritik: TRG hat zusammen mit der Firma Sistrix, Hersteller eines SEO-Tools (Search Engine Optimization, Suchmaschinenoptimierung), das laut Sistrix-Webseite Big Player wie Bloomberg, Spiegel Online, New York Times verwenden, über anderthalb Milliarden Suchanfragen bei Google ausgewertet und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen. Google verdient in Deutschland etwas mehr als eine Milliarde Euro, allerdings nicht aufgrund von Inhalten der Presseverlage, und selbst deren Anteil daran klein zu nennen, wäre noch übertrieben.

Nur auf einem Prozent aller Seiten mit Google-Suchergebnissen tauchen sowohl Adwords als auch mehr als fünf Verlagsinhalte auf. (Quelle: TRG)

Die Einnahmen stammt aus Adwords, kleinen Werbeeinblendungen, die nach dem Pay-per-Click-Verfahren abgerechnet werden. TRG zufolge finden sich nur 1 Prozent der Adwords auf Seiten mit Suchergebnissen, wo Verlagsinhalte dominieren (mit mehr als fünf Ergebnissen). Adwords tauchen auf 55 Prozent aller Suchanfragen auf, 92,5 Prozent der Suchergebnisse "gehören nicht zu einem News-Publisher", schreibt TRG. Gleichzeitig jedoch schaltet jeder siebente News-Publisher bereits Adwords-Anzeigen.

Angesichts dieser Zahlen verwundert es doch sehr, mit welcher Vehemenz die Debatte unter Führung der Bundesregierung geführt wird. Wer nicht will, dass seine Inhalte bei Google "parasitär" benutzt werden, der kann das einfach durch ein "<meta name=googlebot-news content=nosnippet>"-Tag in seinen HTML-Seiten verhindern. Dass sich Google nicht daran halte, ist bisher nicht überliefert, dass jedoch ein Verlag, der auf Google-Links verzichtet, auf bis zu der Hälfte seiner Online-Kunden verzichten müsse, dagegen schon.

Verlage kontra Leistungsschutzrecht

Den Finger in die Wunde der Leistungsschutzrechtsanhänger legt jedoch das Fazit der Studie - sehr überraschend für eine Firma, die selbst viele Verlage als ihre Kunden nennt. Googles Milliarde ist dank automatisierter Verfahren einfach verdientes Geld. Wow. Wer hätte das nicht gerne? Money for Nothing.

Kein Wunder, das das Begehrlichkeiten weckt. Auch dass der Datenkrake nicht immer glücklich agiert hat (WLANs bei Streetview, der Youtube-Streit mit der GEMA, ...) inspiriert offenbar kriselnde Branchen, die von Umsatzrenditen von 25 Prozent nur träumen können, aber über historisch gewachsene, gute Kontakte verfügen. Verschwörungstheoretiker des anderen politischen Lagers werfen ihnen vor, Lobbygruppen zu mobilisieren, die dafür sorgen sollen, dass ein wenig von dem Kuchen per Gesetz an die Verlage "zurückfließt" - und da kommt das geplante Leistungsschutzrecht ins Spiel.

Wer sich jedoch ein wenig tiefer mit der Materie beschäftigt, stellt schnell fest, dass hier eine Phantomdebatte stattfindet, bei der Neid und Ohnmacht eine wichtige, vor allem emotionale Rolle spielen. Das Fazit der TRG-Studie bleibt sachlich im Ton, überrascht jedoch in der Aussage. Zur Erinnerung: Der folgende Absatz stammt von einem Dienstleister, der Verlage berät:

"Es ist nicht einfach Zahlen zu finden, die zeigen, dass momentan eine große Ungerechtigkeit gegenüber Presseverlegern im Google.de-Index passiert. Ungerecht scheinen für Verlage zu sein, dass Google mit einem Automatismus Milliarden verdient ohne Redaktionen zu unterhalten. Aber genau hier liegen die Chancen zu lernen. Am Ende werden die Nutzer für eventuelle Subventionen durch Gesetze zahlen müssen. Und vielleicht möchten Nutzer lieber freiwillig für das Presseerzeugnis ihrer Wahl bezahlen anstatt unfreiwillig für ein Suchergebnis, dessen Reihenfolge sie nicht beeinflussen können. Momentan brauchen Sie über beides nicht nachzudenken: Fast jede deutsche Nachrichtenseite stellt ihre aktuellen Inhalte kostenlos ins Internet. Täglich frisch. Und dort sind sie für Mensch und Maschinen auffindbar."

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