Open Source im professionellen Einsatz

Mission impossible but accomplished?

(...)

Where are the prophets, where are the visionaries,
Where are the poets, to breach the dawn of the sentimental mercenary.

(Marillion, "Fugazi", 1984)

September 2011, Kalifornien, Los Angeles, genauer: Anaheim. Microsoft präsentiert seiner Entwicklergemeinde erstmals Windows 8 mit Metro-Oberfläche und auch sonst allerhand Einschränkungen unter der neuen Haube. Nicht alles ist neu, doch der Dreh ist klar: MS versucht den Drang nach Touch-Hardware, Tablets und Smartphones auch auf den Desktop zu erweitern - und eigene, schwindende Pfründe zu erhalten. Dass dabei immer noch das proprietäre, oft ungeliebte und verspottete, seit Windows XP SP2 jedoch anerkanntermaßen stabile OS der Redmonder steckt, erschloss sich dem Anwender bereits nach kurzer Testphase:

Der Taskmanager von Windows 8 deutet an, was unter der Haube schlummert.

Kaum zwei Jahre später hat sich der Trend, den Microsoft kontern wollte, eher verstärkt. Hardware-Hersteller, Softwareentwickler und Analysten sprechen vom Windows-8-Desaster und schlagen noch mal auf den vermeintlich siechenden Konzern ein. Als  "Totengräber der PC-Kultur" sei Windows 8 sogar Schuld an den zurückgehenden Verkaufszahlen neuer Desktop-PCs und Notebooks. Doch es gibt noch mehr Verlierer der letzten Jahre.

Miguel de Icaza mit seinem I-Pad 2011.

Miguel de Icaza beispielsweise sorgte auf der Build Conference 2011 für Furore, als er im Linux-Magazin-Interview den Linux-Desktop als Fehler und überholt bezeichnete (Interviewkasten: "Es bricht mir das Herz"). Der Gnome-Gründer versteht es seitdem recht gut, mit seinen ehemaligen Weggefährten abzurechnen - absichtlich oder nicht, Freunde schafft er sich damit keine. Das war ja auch sicher nicht sein Ziel, wo er ja mittlerweile überzeugter Apple-Fanboy und aus der Open-Source-Linux-Welt ausgeschieden sei, meinen zumindest viele Kommentatoren in ihren Blogs. Hat da noch jemand Mono gesehen?

Nerd-Thema Linux-Desktop?

Dennoch legte er mit einer ehemals bedeutsamen Stimme den Finger tief in eine klaffende Wunde: Obwohl Linux an sich zu  den großen Gewinnern der letzten Jahre gehört - von Cloud über Embedded, Gaming oder HPC kommt keine der  innovativeren Branche mehr an Linux vorbei -, blieb der klassische Linux-Desktop ein Schattengewächs. KDE, Gnome, Unity, Enlightenment, Xfce und LXDE sind Begriffe, die die wenigsten Anwender klassischer PCs kennen. Die zu kennen zeichnet eher den typischen Linux-Nerd aus, gerade mal ein Prozent Marktanteil teilen sich gefühlt Hunderte Desktop-Varianten.

Erfolgsstory: Gelb ist der Marktanteil von Linux bei den TOP 500 Supercomputern. (Quelle: Benedikt Seidl, Wikimedia Commons)

Dennoch: Linux ist auf dem besten Weg zum Desktop-Vorreiter. Nur halt anders als geplant. Zahllose mobile Geräte laufen auf Android, Media Centern und vielen andere Geräten für Endkunden. Die - von meist sehr erfolgreichen Firmen - gebauten Devices erfüllen Aufgaben, die früher Desktop-PCs bewerkstelligen mussten. Kein Linux-Prophet hatte das vorhergesehen, kein IDC-Augur so orakelt. Im Gegenteil: Gerade die, die sich am meisten mit Linux auskennen und tagein, tagaus damit arbeiten, erwiesen sich häufig als die größten Skeptiker- ein typisches Phänomen der Open-Source-Welt. In der mangelnden Fähigkeit, die eigenen Erfolge zu vermarkten, liegt das größte Defizit der Linux-Welt.

Das größte Defizit der Linux-Welt

Da müssen dann Firmen, Konzerne und Stiftungen in die Bresche springen und die eigenen Erfolge preisen. Über die Unfähigkeit der OSS-Gemeinde, eigene Leistungen zu vermarkten gibt es regelmäßig interessante Vorträge, etwa auf den alljährlichen Desktop Summits. Doch gerade die offensive Selbstvermarktung, das Hinweisen auf Erfolge, wenn auch nicht alle Ecken und Kanten rund sind, der überzeugende, erfolgversprechende Glaube an die eigenen Produkte oder zumindest deren Überlegenheit - das bringen die Linux-Entwickler nur selten mit.

Gut, wenn das dann die Big Player übernehmen: Noch vor wenigen Jahren hatte die Community über Googles Chris diBona gelächelt, als der Android als den "wahr gewordenen Traum vom Linux-Desktop" bezeichnete. Die Skepsis ist  begründet: ist Googles Linux doch anfällig für Viren, Malware, und in Sachen Sicherheitslücken und Updates eher auf Microsoft-Niveau. Doch auch IBM, Intel, selbst HP werden nicht müde, die Vorteile des freien Systems zu betonen. Ein Raspberry Pi wird zum Verkaufsschlager mit sozialistisch anmutenden Warteschlangen für Interessenten, der ganze Cloud-Hype wäre ohne Linux nicht denkbar und Googles Linux-Net- aka Chromebooks überholen sogar die Windows-Laptops bei den Amazon-Bestellungen.

Google und Co: Der Linux-Desktop-Traum ist wahr geworden!

Nimmt man all diese Entwicklungen zusammen, dann kommt man schnell zu dem Schluss, den Suns Ex-OSS-Vorstand Simon Phipps jüngst medienträchtig gezogen hat: Linux-Desktops sind bereits heute Realität:

 "The Linux desktop is already the new normal"
(Simon Phipps bei Infoworld.com)

Anders zwar, als sich das alle vorgestellt hätten, aber dennoch sei es schon geschehen. Das OS sei irrelevant, der Browser die Plattform für die (Web-)Anwendungen geworden, und der sei auf egal welchem System vorhanden. HTML5 und ähnliche Technologien, dazu Cloud-Services und smarte Endgeräte - fertig ist der Linux-Desktop von morgen schon heute. Das deckt sich dann auch mit dem, was Red-Hat-CEO Jim Whitehurst kürzlich sagte: Niemand entwickele mehr Fat Clients, alles ginge zu den schlanken, idealerweise Webclients, und auf dem Server laufe eh Linux. Das gefällt verständlicherweise einem KDE- oder Gnome-Entwickler (von denen ja gerade Red Hat viele beschäftigt) nicht sonderlich.

Egal, "Mission erfüllt", antwortet Phipps lakonisch auf Torvalds Vorgabe "Weltherrschaft". Man darf gespannt sein.

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