Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 10/2017
© Chitsanupong Chuenthananont, 123RF

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Debian-Konferenz in Montréal

D für Dinosaurier

Das Debian-Projekt existiert inzwischen sehr lange, viele Debianer halten ihre Distribution daher für alternativlos. Auf der Debconf 2017 warnte Entwickler Matthew Garrett allerdings, dass Debian auch in der Bedeutungslosigkeit verschwinden könne.

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Die Debconf [1] ist ein Wanderzirkus. In diesem Jahr beherbergte ihn das kanadische Montréal, im vorigen fand sie in Südafrika statt, im nächsten Jahr wollen die Entwickler nach Taiwan reisen. Die Ortswechsel sollen möglichst allen weltweiten Entwicklern den Zugang zur Konferenz ermöglichen – natürlich dürfte auch die Reisefreudigkeit der Debianer eine Rolle spielen. Logiert wird meist an (halb-)öffentlichen Orten, auch um Kosten zu sparen, diesmal war es das Collège de Maisonneuve, das kanadische Schulabsolventen auf die Universität vorbereitet. Einigen Entwicklern finanziert das Projekt den Besuch, das Geld sammelt es von Sponsoren ein (Abbildung 1).

Abbildung 1: Unter anderem Google und Valve gehörten zu den Sponsoren der diesjährigen Debconf.

Totenglöckchen?

Ob die globale Community auch noch in 20 Jahren um die Welt reist, stellte Google-Entwickler Matthew Garrett in einem provokanten Vortrag, den er selbst als ketzerisch bezeichnete, in Frage [2]. Garrett ist im Debian-Projekt kein Unbekannter. 2005 ging er bei der Wahl zum Debian Project Leader als Dritter durchs Ziel, bekannt ist er aber vor allem für seine Arbeit im Security-Bereich, hier vor allem in Sachen sicheres Booten.

Er nahm die Community zunächst mit zurück ins Jahr 1997, als das Projekt den Debian Social Contract mit den Debian Free Software Guidelines (DFSG) verabschiedete. Das sei damals revolutionär gewesen und habe auch viele Firmen davon überzeugt, auf freie und quelloffene Software zu setzen. Heute verwenden alle wichtigen Unternehmen weltweit freie und quelloffene Software, mehr noch, sie bezahlen ihre Entwickler gar dafür, an freier Software zu arbeiten. Damals undenkbar, scheint es mitunter so, als habe man nun gewonnen.

Doch ist das wirklich so? Teils ja, teils nein. In den letzten 20 Jahren sei Debian zu einem Erfolgsmodell geworden, habe sich zugleich aber kaum weiterentwickelt, erklärte Garrett. Was dem Projekt vor allem fehle, sei ein Plan, was es als Nächstes tun will. Zwar gebe es eine Roadmap und allerhand Baustellen, doch fehle im Projekt schlicht eine darüber hinausgehende Zukunftsvision oder wenigstens die Diskussion darüber.

Vier-Punkte-Plan

Vier Dinge müsste das Projekt seiner Meinung nach vor allem angehen, um 2037, also in 20 Jahren, noch eine Rolle zu spielen (Abbildung 2). Freie Software müsse nicht nur frei sein, sondern für die User auch besser sein als proprietäre Software. Wenn Debian wachsen wolle, müsse es mehr Wert auf die Qualität der Software legen. Für Entwickler mache es Debian zu schwer, die eigene Software an die Linux-Nutzer zu bringen. Debians Software sei zum Teil veraltet und enthalte bekannte Bugs, zudem würde Debian aufgrund des aktuellen Entwicklungsmodells eine Vielzahl von Softwarepaketen links liegen lassen (müssen).

Abbildung 2: In seiner Rede nahm Entwickler Matthew Garrett die Debian-Community ins Gebet.

Auch das leidige Thema der Einkünfte schnitt er an. Da es unwahrscheinlich sei, dass sich in den nächsten 20 Jahren die sozialen Systeme grundlegend ändern, müssten auch Entwickler wohl oder übel Geld verdienen. Auch das müsse Debian berücksichtigen, um nachhaltig zu funktionieren. Nicht zuletzt brauche das Projekt mehr Klarheit im Umgang mit Patenten, Trademarks und Lizenzen.

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