Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 09/2017

Zwei Bücher, die hilfreich, aber keine reinrassigen Computerbücher sind

Tux liest

Das erste Buch will wissen, wohin uns die Digitalisierung in der Zukunft führt, das zweite vermittelt, wie wir gekonnter überzeugen.

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Schon das Vorwort des MIT-Professors Nicholas Negroponte zu Robert Terceks Buch benutzt das titelgebende Verb "vaporisieren" kämpferisch und mit dem alarmistischen Unterton, der für das ganze Buch charakteristisch ist: Filme, CDs, Bücher seien schon verdampft, Vororte, Arztbesuche, Nationen und Großunternehmen würden in Kürze folgen. Wer nicht auf der Stelle mitmacht, den überrolle die Entwicklung.

Wer diese Parolen technikgläubigen Überschwangs nüchterner betrachtet, den beschleichen aber bereits hier Zweifel: Weder ist das Verschwinden ein plötzlicher Prozess, noch endet er mit einer radikalen Auslöschung des Alten. So haben sich Medien bislang nie völlig abgelöst, das Buch hat Radio, Film und Fernsehen und soziale Netze überlebt.

Dabei ist natürlich unbezweifelbar, dass sich Trends wie die Virtualisierung, die Digitalisierung oder die Ablösung physischer Waren durch Software-definierte Dienstleistungen unaufhaltsam durchsetzen. Ob wir indes dadurch "alle kollektiv viel reicher" werden, wie das Buch auch behauptet, steht auf einem anderen Blatt. Technischer Fortschritt bringt nicht zwangsläufig sozialen Segen.

Gerade an dieser Stelle ist das Buch am prophetischsten und am naivsten zugleich: "Die Gesellschaft der Zukunft muss nicht vom Erbe der Vergangenheit regiert und durch eine Ansammlung antiquierter Gesetze und veralteter Regeln belastet werden: sie kann stattdessen von Echtzeit-Datenströmen regiert werden, die Input und Output messen und Ineffizienzen bloßlegen." Die Datenströme selbst sind aber noch keine Subjekte der Geschichte: Wer wertet sie mit welchem Interesse aus?

Das untersucht der Autor nicht. Er unterstellt, das Mögliche sei immer das Wünschenswerte, das Neuere immer das Bessere. An keiner Stelle zieht Tercek den Technikglauben in Zweifel. Im Gegenteil: Wo die Welt nicht zu den Thesen passt, wird sie entweder ignoriert oder zurechtgebogen. So fällt völlig unter den Tisch, dass die Digitalisierung nie alle Dinge erfasst, sondern ausschließlich Information im weitesten Sinn. Kann es digitale Leberwurst geben, werden wir uns mit Bits und Bytes bekleiden? Kaum.

Der Autor macht sich die Realität passend, indem er etwa postuliert: "Das im Fernsehen übertragene Programm ist für mich nicht mehr oder weniger relevant als das Video meiner Nichte von ihrem Ausflug …." Aber sind der Klimawandel und ein Katzenvideo tatsächlich gleich wichtig? Ist die technische Möglichkeit für jedermann, Inhalte beizusteuern, wirklich eine hinreichende Bedingung für wertvollen Content? Ist die pure Menge an Videos, die minütlich neu auf Youtube landet und an der sich der Autor berauscht, auch ein Qualitätskriterium, das den Untergang des Fernsehens bewirkt?

Die Zweifel, die solche Aussagen provozieren, sind am Ende eine der Stärken des Buches: Denn sie zwingen zu eigenem Nachdenken über Entwicklungen, die unser Leben fraglos nachhaltig beeinflussen. Eine zweite Stärke sind die zahlreichen Anekdoten aus dem Erfahrungsschatz des Autors, die als Beispiele dienen. Sie sorgen für eine über weite Strecken kurzweilige Lektüre.

Geschichtenerzähler

Wie das erste, ist auch das zweite Buch kein richtiges Computerbuch, stattdessen eines, das eine Kulturtechnik vermitteln will, die für jedermann essenziell ist: Das Geschichtenerzählen, neudeutsch Storytelling. Davon können auch die Präsentationen, Vorträge und Diskussionsbeiträge von Admins oder Programmieren profitieren. Mit den Worten des Autors: "Ich bin überzeugt, dass Storytelling eine Schlüsselqualifikation darstellt in einer Arbeitswelt, die sich durch immer größere Fragmentierung, ständiges Lernen und Anpassen, kurz durch permanente Veränderung auszeichnet."

Ein erster Teil beschäftigt sich mit den biologischen und psychologischen Grundlagen sinnstiftenden und motivierenden Erzählens von den Anfängen am Steinzeit-Lagerfeuer bis in unsere Tage. Auch wenn das hier und da etwas vereinfacht erscheint, bereitet es doch den Boden für einen zweiten Teil, der sich um die Techniken des Erzählens kümmert: etwa um Spannungsbogen, Gliederung oder Orientierung auf das Publikum. Ein dritter Teil liefert Beispiele.

Ein hilfreiches Buch für alle, die lernen wollen, besser zu unterhalten und zu überzeugen.

Info 1

Robert Tercek:

Vaporisiert

Wiley, 2017

410 Seiten

27 Euro

ISBN: 978-3-527-50917-1

Info 2

Thomas Pyczak:

Tell me!

Rheinwerk Verlag, 2017

275 Seiten

25 Euro

ISBN: 978-3-8362-4560-9

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