Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 04/2017

Fosdem 2017

Equilibrium

,

Zu den wesentlichen Neuerungen der diesjährigen, mittlerweile 17. Fosdem in Brüssel gehörten Livestreams. Von ihnen profitierten auch Besucher, die aufgrund von Überfüllung nicht mehr in einzelne Vorträge kamen. Ansonsten blieb auf dem Community-Treffen alles wie immer – eine gute Nachricht.

608

Welche Themen ein großes Publikum anziehen und welche eher nicht, weiß trotz langjähriger Erfahrung offenbar nicht einmal das Fosdem-Team genau. Die Folge: Auch Anfang Februar 2017 bildeten sich vor einigen Räumen des größten europäischen FLOSS-Community-Events lange Schlangen.

Diesmal sprang für die Wartenden jedoch das schnelle Campus-LAN in die Bresche. Die Veranstalter übertrugen Livestreams der Vorträge aus sämtlichen Räumen. Dafür bauten sie gar ein eigenes Content-Delivery-Netzwerk, denn Hardware-seitig ist die Fosdem [1] gut aufgestellt. Mittlerweile stehen auch bereits viele der Videos online, eine Auswahl bringt das Linux-Magazin auf der DELUG-DVD der kommenden Ausgabe.

Spektakuläre Neuheiten gab es ansonsten nicht. Gut, die Busse und Bahnen fuhren im Gegensatz zum vorigen Jahr wieder durch. Die Besucher scheinen die Fosdem aber so zu mögen, wie sie ist – inklusive Bier-Event am Vorabend. Die Zahl der Besucher können die Veranstalter nur grob schätzen (etwa 8000), weil sie keine Tickets verkaufen.

Laut Einschätzung von Mitorganisator Gerry Demaret kamen 2017 noch einmal mehr Leute als im Vorjahr. Demaret gehört seit 2005 zum Organisationsteam der Riesenveranstaltung, die auf Werbung verzichtet. Neues einzuführen sei mit den 15 bis 20 Hauptorganisatoren eigentlich kaum zu stemmen, gibt er zu Protokoll, man habe ein "Equilibrium" erreicht. Das Team achte vor allem darauf, aus Pannen der Vorjahre zu lernen. Generell setzen die Fosdem-Macher auf einen evolutionären Ansatz und verzichten auch auf langfristige Pläne.

Redezeit

Während einige Besucher fast durchgängig in einzelnen Dev-Rooms verharrten, kämpfte ein interessiertes Publikum mit der Herausforderung, sämtliche interessanten Talks zu besuchen. Das Programm machte nicht nur Admins und Entwickler glücklich, sondern bot auch dem Rest der Community spannende und teils unterhaltsame Einblicke.

So schilderte Curl-Erfinder und -Betreuer Daniel Stemberg die Nebenwirkungen seines "Ruhms". Curl [2] laufe nicht nur weltweit auf fast allen nur denkbaren Geräten, auch seine E-Mail-Adresse tauche im Rahmen der Lizenzvereinbarungen überall auf. Hin und wieder erhalte er daher obskure Nachrichten von Personen, die glauben, er sei wahlweise ein Hacker oder der Erfinder des Multimediasystems in ihrem Toyota (Abbildung 1).

Abbildung 1: Unter anderem wollte ein Toyota-Fahrer von Curl-Erfinder Stemberg wissen, wie das GPS-System in seinem Wagen funktioniert.

Bau-Schmerzen

Einen eher ungewöhnlichen Einstieg in seinen Vortrag wählte Richard Brown, indem er als Eröffnungs-Slide eine Windows-95-Architektur präsentierte. Damit wollte der Sysadmin und Suse-Mitarbeiter auf die Probleme mit den neuen Paketformaten App-Image, Snappy, Flatpak & Co. hinweisen, die – jedenfalls seiner Ansicht nach – einige Fehler späterer Windows-Versionen (konkret Windows 2000) wiederholen.

Die neuen Linux-Containerformate würden die Paketierungsarbeit auf die Entwickler abwälzen, kritisierte Brown, und die Probleme von Kompatibilität und Portierbarkeit nur scheinbar lösen. Sein Punkt: Nicht alle Distributionen würden sich an die Linux Standard Base (LSB, [3]) halten, einer containerisierten App könnten daher Abhängigkeiten fehlen. Könnten, wohlgemerkt. Am Ende gab er zu, dass die Macher der Containerformate dies nicht verschweigen, und stellte fest: "Es funktioniert, aber das ist ein riesiger Haufen Arbeit."

Arbeit, die üblicherweise die Distributoren leisten, deren Perspektive Brown hier übernahm. Mitunter klang das ein wenig, als bange Suse um sein Geschäftsmodell, auch wenn Brown mehrfach versicherte, die neuen Formate würden den Distributoren ja Arbeit abnehmen.

Sicher lassen sich nicht alle Kritikpunkte von Brown von der Hand weisen, dennoch schätzen App-Entwickler die neuen Formate durchaus anders ein, wie Posts von Linus Torvalds und Dirk Hohndel nahelegen [4]. Die beiden Kernelentwickler arbeiten an einer Tauchanwendung und mögen App-Image, weil es eine einfache Verteilung der App an alle Distributionen erlaube. Auf dem klassischen Weg sei dies schwierig bis unmöglich, weil die Anwendung Bibliotheken voraussetze, die (noch) nicht an Bord der Distributionen seien.

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 2 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

Linux-Magazin kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • FOSDEM 2013 öffnet Tore

    Im verregneten Brüssel treffen sich dieses Wochenende tausende Linux- und Open-Source-Entwickler zur alljährlichen FOSDEM mit Keynotes, BOFS und abendlichen Partys. Die (freiwilligen) Organisatoren rechnen mit mehr als 5000 Besuchern.

  • FOSDEM 2014: PostgreSQL Day und Libre Office Hackfest

    Die FOSDEM ufert aus: Dass viele Projekte das wohl bedeutendste Entwicklertreffen nutzen, um in großen Runden zu diskutieren und zu programmieren, ist bekannt, doch nach der PostgreSQL-Community nutzt jetzt auch Libre Office den Synergieeffekt.

  • FOSDEM 2007: Entwicklertreffen mit Star-Aufgebot

    Die europäische Entwicklerkonferenz FOSDEM (am 24. und 25. Februar 2007 in Brüssel) schmückt sich in ihrem siebten Jahr mit prominenten Gästen.

  • FOSDEM 2008: Startklar mit Programmheft, Bier und Live-Video

    Zur europäischen Entwicklerkonferenz FOSDEM, die an diesem Wochenende in Brüssel stattfindet, erwarten die Organisatoren rund 4000 Teilnehmer. Linux-Magazin Online ist bei der Open-Source-Veranstaltung vor Ort und versorgt die Leser mit Meldungen und einem kostenlosen Livestream.

  • Fosdem 2017: Livestreams helfen

    Es ist die mittlerweile 17. Fosdem und grob geschätzt pilgerten in diesem Jahr erneut um die 8000 Menschen nach Brüssel, vielleicht noch ein paar mehr als im letzten Jahr. Auf die zum Teil überfüllten Hörsäle reagieren die Veranstalter erstmals mit Livestreams.

comments powered by Disqus

Stellenmarkt

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.