Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 01/2017

Tierisch menschlich

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Der Blick aus dem Fenster, der sich mir gestern Morgen beim Frühstück bot, war ein vergnüglicher: In den Bäumen gegenüber vollführten etwa 20 Elstern Flugkunststücke unter dem strahlend blauen Herbsthimmel oder hüpften übermütig von Ast zu Ast. Dann aber weckte die ungewohnte Präsenz der Vögel auch meinen Argwohn. Habe ich auf dem Balkon das Besteck liegen lassen? "Diebisch" ist ja das einzige Attribut, das wir Menschen den klugen Rabenvögeln zuschreiben. Schaue ich in Wirklichkeit einer durchtriebenen Diebesbande zu, die sich für einen Fischzug warmfliegt? Und wozu, verdammt, brauchen Elstern Silberbesteck?

Eine Woche zuvor hatte ich seufzend die Anzugjacke einer bekannten britischen Marke in den Hausmüll fallen lassen, die mit zahlreichen kleinen Löchern übersät war. Einige weiße Katzenhaare, die ihr anhafteten, machen meine Katze Mette, die gerne Kleiderschränke öffnet, zur Hauptverdächtigen in diesem Fall mutwilliger Sachbeschädigung zu Ungunsten eines Linux-Journalisten.

Tiere als Schädlinge: Die Datenrettungsfirma Kroll Ontrack hat Ende Oktober eine Liste tierischer Terroranschläge zusammengestellt. Da ist von Ameiseninvasionen, Spinnenkolonien und Kakerlaken in Servern und Platten die Rede. Ein Laptop war es, über den sich der Hund einer Familie nach dem Verzehr einer gestohlenen Fleischmahlzeit übergab. Ein anderer treuer Freund verschluckte einen wertvollen USB-Stick. Von Katzen – mich wundert's nicht – wird berichtet, dass sie HDs flott hinter sich herziehen oder Macbooks zum Klo deklarieren.

Umgekehrt benimmt sich der Mensch oft genug dem Tier gegenüber viehisch schlecht – und das nicht erst seit der Massentierhaltung. Im so genannten Goldenen Zeitalter der Antarktisforschung (englisch auch: Heroic Age) sollen die Abenteurer der Kälte angeblich jede Menge Pinguine in ihren Kanonenöfen verfeuert haben – Holz gibts am Südpol nicht, und die fettreichen Tiere haben wohl einen guten Brennwert. Linux-Freunden fröstelt bei diesem Gedanken natürlich. Ist das Krieg zwischen Mensch und Tier?

Von Bioinformatikern entwickelte neue Rechenverfahren und immer günstigere Sequenziertechnik ermöglichen es heute, ganze Genomsätze für unter tausend Euro miteinander zu vergleichen, was vor 15 Jahren noch hunderte Millionen Euro gekostet hat. Das macht neue Untersuchungen möglich, etwa die in den Niederlanden, die erstmals vollständige Genom-Rohdaten und nicht nur Erbgut-Schnipsel naher Verwandter im großen Umfang miteinander verglichen hat. Sehr überrascht waren die Forscher über ein Gen, das man in einer ähnlichen Form bisher nur bei Affen gefunden hat und das offenkundig in der niederländischen Bevölkerung weit verbreitet ist – rund die Hälfte der 250 untersuchten Familien trug es mit sich. Ich selbst bin kein Genforscher und kann darum die Frage, ob sich die guten Wahlergebnisse von Geert Wilders' rechtspopulistischer Partei PVV so erklären lassen, nicht beantworten.

Spannender ist die Frage, wie solche Gene Eingang in unbescholtene Familien Hollands gefunden haben. Ist das ein Anzeichen dafür, dass das Tierreich schon länger an einem perfiden Gegenschlag arbeitet? Haben sich schon vor Generationen rasierte Affen in Holzschuhen als Heiratsschwindler betätigt? Holen die Tiere aus Rache den Menschen ins Tierreich zurück? Heute beim Frühstück war keine einzige Elster mehr zu sehen – die Bande ist wohl weitergezogen. Waren gestern tagsüber alle Fenster zu? Ich muss dringend das Familiensilber checken, die Katze aus dem Schrank holen und einen Gentest machen lassen!

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