Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 11/2016
© saastaja, 123RF

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Microsofts Powershell für Linux

Muschel mit Perle

Microsoft stellte seine Powershell im August 2016 unter eine freie Lizenz und portierte das Werkzeug im Vorübergehen gleich noch auf Linux und Mac OS. Ist das nun nur ein Marketing-Trick oder eine echte Hilfe, womöglich sogar eine Konkurrenz zu den Linux-Shells?

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Auf wirklich gar nichts ist mehr Verlass: Ein Feindbild war innerhalb der Open-Source-Community über Jahrzehnte hinweg immer mehrheitstauglich: Microsoft. Und der Konzern aus Redmond tat das Seinige, um den Disput anzuheizen: Unvergessen etwa die Werbekampagne, bei der Microsoft Pinguinen kurzerhand die mutierten Köpfe anderer Tiere verpasste – etwa den eines Frosches mit Geweih – und dazu anmerkte, ein offenes Betriebssystem habe nicht nur Vorteile. Legendär ist auch die Aussage des zuweilen impulsiven Microsoft-Ex-CEO Steve Ballmer, Linux sei ein "Krebsgeschwür" [1].

Seit ein paar Jahren allerdings verfolgt Microsoft einen anderen Weg und betreibt dabei fast schon Appeasement-Politik: Mal machte der Konzern eher schwammige Aussagen hinsichtlich der Möglichkeit, Windows unter eine offene Lizenz zu stellen und dessen Quelltext verfügbar zu machen [2], mal verdutzte Microsoft die Community, als es ankündigte, für die eigene Cloud ein eigenes Linux zu entwickeln [3].

Und plötzlich kursieren sogar Fotos von Linux-Erfinder Torvalds, der auf der Linuxcon 2016 am Microsoft-Stand steht und dort gemütlich Kaffee trinkt [4]. Noch im Jahr 2000 machte sich Torvalds einen Aprilscherz daraus, Microsoft zum Partner in Sachen Linux-Entwicklung zu ernennen. Nun hat die Wirklichkeit den Joke überholt.

Dass Microsoft es mit seinen Open-Source-Ambitionen ernst meint, machte das Unternehmen im August dann ein weiteres Mal deutlich, als es die Powershell für Windows unter eine freie Lizenz stellte und sie gewissermaßen im Vorübergehen auch gleich noch auf Linux und Mac OS portierte.

Fast 10 Jahre

Die Powershell hat auf Windows bereits eine bewegte Geschichte hinter sich: Erstmals 2007 stellte Microsoft das Werkzeug in Version 1.0 vor [5]. Die Idee der Powershell ist, eine Alternative zur Kommandozeile »cmd.exe« zu schaffen, die auf Windows-Systemen bis heute enthalten ist, allerdings nicht viele Funktionen bietet. Verglichen mit typischen Linux-Shells hat »cmd.exe« keine Chance: Zum Beispiel steht in Sachen Scripting lediglich das Batch-Format zur Verfügung, damit kämpft das Tool auf verlorenem Posten.

Es sei aus Gründen der Fairness aber auch erwähnt, dass Microsoft »cmd.exe« eher als Relikt der Vergangenheit betrachtet denn als aktuelles Tool für Admins. Um dagegen ein Werkzeug für die Power-User zu liefern, führte der Konzern aus Redmond die Powershell ein. Im Laufe der Jahre sammelte sie viele Fans und durchaus auch Prestige: Wer regelmäßig mit Windows zu tun hat, schätzt ihre Möglichkeiten.

Dazu gehört das Ausführen von Befehlen auf Systemen ohne den Umweg über ein GUI: Fast jeder hat vermutlich schon jene Internet-Memes gesehen, die erklären, wie sich auf verschiedenen Betriebssystemen eine IP-Adresse einer Netzwerkkarte zuweisen lässt. Windows schneidet dort schlecht ab, weil der Vorgang mit »cmd.exe« kaum sinnvoll durchführbar ist. Die Powershell rüstet für Windows im Grunde jene Funktionalität nach, die Linux-Admins über die diversen Shells (Bash, Ksh, Zsh …) und ihre Werkzeuge von Anfang an hatten.

Da stellt sich die Frage, warum Microsoft nun glaubt, mit der Windows-Powershell den Linux-Nutzern Mehrwert zu bieten? Was steckt hinter der Veröffentlichung der Powershell für Linux? Handelt es sich um einen Marketinggag von Microsoft oder besitzt die Powershell auf Linux im Alltag tatsächlich Funktionen, die existierende Linux-Shells nicht bieten?

Was soll das?

Die Antwort auf diese Frage ist ein klares "Jein". Ausschlaggebend für Microsofts Open-Source-Bemühungen dürfte der Umstand sein, dass das Unternehmen sein Dotnet-Framework stärker propagieren möchte, um es zur bevorzugten Plattform von Entwicklern auf verschiedenen Betriebssystemen zu machen, darunter offenbar auch Linux und Mac OS. Am Anfang der Powershell-Entwicklung für Linux stand folglich die Schaffung einer Kern-Dotnet-Plattform. Auf Basis eben jener Plattform war die Portierung der Powershell dann eine vergleichsweise einfache Übung.

Microsoft schielt aber auch in Richtung Cloud: Die Kombination aus den Werkzeugen Powershell, DSC und der Operations Management Suite bietet unter Linux die Möglichkeit, eigene Instanzen in Microsofts Public Cloud Azure bequem zu administrieren. Plattform und Administrationssoftware sind in dieser Kombination eng verzahnt.

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