Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 11/2016
© inginsh, 123RF

© inginsh, 123RF

Hitzige Diskussionen um die Durchsetzung der GPL

Hauen und Stechen

Soll man die GPL juristisch durchsetzen? Klar, ist man versucht zu sagen, wozu hat man sie denn sonst? Auf keinen Fall, meint ausgerechnet Linus Torvalds, und findet beachtenswerte Argumente.

883

Die ganze Diskussion auf einer Mailingliste zur Vorbereitung des nächsten Kernel Summit entzündete sich an einem Vorschlag von Karen M. Sandler, Executive Director der Software Freedom Conservancy [1]. Ermuntert von einigen Kernelentwicklern, wie sie schrieb, schlage sie eine Diskussion über die Durchsetzung der GPL auf der Veranstaltung vor.

Zunächst geht es danach um eher organisatorische Dinge: Ist der Kernel Summit das richtige Forum oder sollten da nur technische Themen verhandelt werden? Auch von unerwünschter Politisierung der Veranstaltung ist die Rede, aber wie etliche Wortmeldungen zeigen, interessiert das Thema die Entwickler sehr wohl.

Heiliges Spaghettimonster!

Im Folgenden dreht es sich dann um die Gefahren einer solchen Diskussion in der Öffentlichkeit: Private Meinungen könnten mit denen des Arbeitgebers verwechselt werden, die Justiz könnte Diskutanten in ganz anderen Verfahren als Zeugen vorladen und deren Antworten dann in einer Weise verwenden, an die sie nie gedacht hätten. Besonders Kernelmaintainer Greg Kroah-Hartman gibt hier den Warner. Auf einem der letzten Summits gab es bereits einen Vortrag zu einem aktuellen Rechtsfall, der offenbar großen Anklang fand. Er kenne etliche der damaligen Teilnehmer, die deswegen in Schwierigkeiten gekommen seien. Luis R. Rodriguez stichelt: "Huh, wegen der Diskussion auf dem letzten Kernel Summit? Heiliges Spaghettimonster!"

Auch Karen Sandler meldet sich noch mal zu Wort: Sie rede über inoffizielle Diskussionen, zu denen Rechtsanwälte und Führungskräfte eingeladen würden, aber eben keine Entwickler. "Ich weiß, dass du, Greg, mit ein paar anderen in beiden Welten zu Hause bist. Aber die meisten Linux-Entwickler, mit denen ich gesprochen habe, sind es nicht. Und für sie wäre es eine Gelegenheit zu hören, was im letzten Jahr passiert ist."

Nach diesem Vorgeplänkel geht es dann ans Eingemachte. Schnell stehen sich zwei Lager diametral gegenüber – für und wider die Durchsetzung der GPL mit juristischen Mitteln.

Pro und Contra

Klagen gegen GPL-Verletzer lehnt zuerst Kroah-Hartman entschieden ab. Bradley M. Kuhn, der President der Software Freedom Conservancy, hatte ihm vorgehalten: "Es gibt viele Unternehmen, darunter einige große, die Jahr für Jahr mit der Verletzung der GPL davonkommen. An einer Einhaltung der Lizenz sind sie nicht interessiert, und sie lehnen jeden Versuch von welcher Seite auch immer (LF, Conservancy, etc.) ab, sie davon zu überzeugen, sich an das geltende Recht zu halten. Manche dieser Lizenzverletzer prahlen geradezu mit ihrer Tat, indem sie Produkte bewerben, die etwas können sollen, was Mitbewerber nicht können – und zwar wegen proprietärer Linux-Module, deren Sourcecode nicht verfügbar ist."

Kroah-Hartman darauf: "Ich weiß das, so wie jeder andere auch. Und wir alle versuchen damit in verschiedener Weise umzugehen. Aber man darf nicht glauben, dass sie sich freudig unserer Community anschließen und mit uns daran arbeiten, Linux besser zu machen, wenn wir rechtlich gegen sie vorgehen. Das hat auch bei dem Gerichtsverfahren in Sachen Busybox nicht funktioniert, stimmt's? Tatsächlich ist das Gegenteil eingetreten: Es gibt nun ein Replacement für Busybox, das unter keiner Copyleft-Lizenz steht und das an vielen Stellen verwendet wird, wo eigentlich Busybox laufen sollte. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was jedes Projekt sich wünscht."

© © sergeymakarenko, 123RFAbbildung 1: Immer mehr WLAN-Router werden mit einem Hinweis auf die GPL ausgeliefert, weil ihre Firmware auf Linux beruht. Das ist das Ergebnis etlicher gerichtlicher Auseinandersetzungen.

An anderer Stelle fügt Kroah-Hartman hinzu: "Ich habe die letzten zehn Jahre meines Lebens damit zugebracht, unsere Community zu unterstützen, zu verbessern und wachsen zu lassen. Und Unternehmen sind ein wichtiger Bestandteil dieser Community. Offen gesagt sind sie der Grund, weshalb wir da stehen, wo wir stehen. Wir müssen daran arbeiten mehr Entwickler und mehr Firmen in unsere Gruppe aufzunehmen und dürfen sie uns niemals zu Feinden machen. Wenn man einer Firma mit rechtlichen Konsequenzen droht, geschieht einfach das Folgende:

  • Sie hören sofort auf mit externen Entwicklern zu reden, mit denen sie vielleicht dabei waren, die Community- und Lizenzgeschichte zu klären. Das beraubt uns unseres Rückkanals, der sich langsam auszuzahlen begann.
  • Sie ziehen weitere Rechtsanwälte hinzu und verhalten sich defensiv, um die Firma zu schützen.
  • Jedem in der Firma, der Linux pushen wollte, wird nun unterstellt, dass er daneben liegt, und man ist sauer auf ihn. Externe verlieren ihre Chance auf eine Festanstellung.
  • Jeder, der sich bisher Linux verweigert hat, fühlt sich bestätigt in seiner Meinung über diese Hippie-Programmierer, die Linux entwickeln.
  • Die Anwälte wissen nun, dass du auch eine Niederlage vor Gericht akzeptieren müsstest und werden alles daran setzen, dass dies passiert.

Und selbst wenn du nach Jahren den Code erhalten solltest – was ist das Ergebnis? Du hast die Leute, die Linux in die Firma brachten, zu deinen Feinden fürs Leben gemacht und diejenigen, die Linux nicht mochten, fühlen sich im Recht, obgleich du sie ,besiegt' hast. Beide Gruppen arbeiten nun zusammen daran, dass Linux niemals wieder eingesetzt wird, denn noch einmal wollen sie nicht durch diese Hölle gehen."

Linus Torvalds schlägt in dieselbe Kerbe: "Lasst uns das ganz klar sehen: Gerichtsverfahren zerstören. Sie schützen nichts. Sie zerstören die Community, sie zerstören Vertrauen. Sie werden all den guten Willen zerstören, den wir über die Jahre aufgebaut haben, indem wir freundlich waren. [...]"

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 3 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

Linux-Magazin kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • Entwickler soll sich an GPL-Durchsetzung bereichert haben

    Möglicherweise hat sich ein Linux-Entwickler mit Hilfe der GPL und Schadenersatzansprüchen finanziell bereichert. Dieses Vorgehen entspreche aber nicht den Community-Richtlinien der FSF und der SFC und wirft grundsätzliche Fragen auf.

  • Linus Torvalds will Hacker als Kernelentwickler gewinnen

    Man sollte meinen, dass Linus Torvalds Menschen, die Sicherheitslücken im Kernel ausbeuten, nicht mag. Tatsächlich zollte er ihnen auf dem Open Source Summit in Los Angeles Respekt.

  • Desktop Summit

    Nach Gran Canaria 2009 treffen sich die beiden größten Desktop-Communities der Linux-Szene dieses Jahr in den Räumen der Humboldt-Universität zu Berlin bei gemeinsamen Feiern, Vorträgen, BoFs und Workshops. Im Mittelpunkt stehen Design, Usability und Mobilität – eingebettet in perfekte Harmonie.

  • Entwickler startet Kernel Self Protection Project

    Google-Entwickler Kees Cook hat das Kernel Self Protection Project gestartet und will so ein Team aus Security-Experten vereinen, das sich um das Härten und Absichern des Linux-Kernel kümmert.

  • Linus Torvalds: Innovation ist Bullshit

    Beim Open Source Leadership Summit hat Linus Torvalds Jim Zemlin von der Linux Foundation im Interview auf seine unverblümte Art die Vorzüge von Open-Source-Entwicklung beschrieben.

comments powered by Disqus

Stellenmarkt

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.