Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 10/2016
© Chiramanas Jutidharabongse, 123RF

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OS 10 und Dells Bemühungen in Sachen Open Networking

Freiheit, die ich meine

Dells OS 10 ist ein auf Linux basierendes Betriebssystem für Netzwerkhardware, das Admins aus dem Würgegriff der etablierten Netzwerkhersteller befreien soll. Worum es dabei geht, wie das System funktioniert und was OS 10 alles kann – ein Überblick.

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Dell sorgte Anfang 2016 für Furore, als der – eher für seine Server- und Desktopsysteme bekannte – Hersteller ein Betriebssystem für Netzwerkswitches namens OS 10 http://1 präsentierte. Zwar liefen Switches von Dell auch bisher schon auf Basis des schlicht OS genannten Betriebssystems, aber OS 10 geht in vielerlei Hinsicht weiter – anders als seine Vorgänger basiert OS 10 auf Linux. Zudem liefert Dell das Betriebssystem expressis verbis mit dem Versprechen der Entkopplung: OS 10 soll nicht nur auf Geräten von Dell funktionieren, sondern auch auf generischer Netzwerkhardware.

Anders als proprietäre Switch-Betriebssysteme bietet OS 10 außerdem offene APIs und macht aus Switches normale Linux-Server, die sich in großen Umgebungen wie ihre Serverkollegen verwalten lassen sollen. Das Linux-Magazin schaut genauer hin: Was verspricht Dell sich von OS 10? Wodurch unterscheidet sich das Betriebssystem von klassischer Switch-Firmware? Und wie hoch sind Dells Marktchancen?

Marktanalyse

Um zu verstehen, warum ein offenes Switch-Betriebssystem wie OS 10 so viel Aufsehen erregt, hilft ein Blick auf den Markt für Netzwerkinfrastruktur. Der steht nicht gerade im Verdacht, flexibel und schnelllebig zu sein: Über Jahrzehnte haben ihn sich nur wenige Unternehmen untereinander aufgeteilt, allen voran Juniper und Cisco.

Meist ist die Entscheidung für die Netzwerkhardware eines Herstellers die Entscheidung für eine lange Partnerschaft. Wer sein Rechenzentrum durchgehend mit Hardware eines Herstellers ausgestattet hat, kommt von ihr nur schwer wieder weg. Aus mehreren Gründen: Zwar gibt es Standards für praktisch alle gängigen Netzwerkprotokolle und Netzwerktechnologien, doch trotzdem ist es im Alltag nicht problemlos möglich, Netzwerkhardware zweier Anbieter miteinander zu kombinieren. Wer schon einmal versucht hat, Jumbo-Frames zwischen Switches unterschiedlicher Hersteller zu nutzen, kennt das Problem.

Hinzu kommt, dass ein Netzwerkadmin nicht automatisch Geräte anderer Anbieter administrieren kann, für die er nicht geschult ist. Wer etwa mit Cisco-Switchen umgehen kann, kann nicht automatisch auch Juniper-Hardware bedienen. Reine Linux-Admins sind in Sachen Netzwerkhardware aus eben diesen Gründen meist ohnehin sofort raus. In moderne Devops-Konzepte integrieren sich Switches deshalb nur schwer: Meinst pflegen Unternehmen ihre Konfiguration fernab vom Rest der Installation.

Das Quasi-Monopol der etablierten Hersteller ist in vieler Hinsicht ein Problem. Neben dem fehlenden Druck auf die Feature-Entwicklung und der Lock-in-Problematik behindert es insbesondere den Wettbewerb: Neuen Unternehmen fällt es schwer, mit eigener Netzwerkhardware Fuß zu fassen und eine kritische Größe zu erreichen. Mellanox ist dafür ein gutes Beispiel: Im Infiniband-Markt ist das israelische Unternehmen selbst praktisch der unangefochtene Marktführer – die Ethernet-Sparte der Firma, die einige äußerst interessante Produkte hervorbringt, ist hingegen vielen Netzwerkern völlig unbekannt.

Zudem behindern Switches mit proprietärer Software die Entwicklung zusätzlicher Funktionen: Drittanbieter können mit eigenen Produkten nicht einfach an vorhandene Geräte andocken, weil offene Standards und Schnittstellen fehlen. Entsprechende Kooperationen lassen Juniper & Co. sich teuer bezahlen.

Vermehrt sind in den letzten Jahren aber auch Anzeichen dafür zu erkennen, dass sich das Monopol der etablierten Hersteller langsam auflöst. Maßgeblich dafür ist auch das Thema Cloud Computing und dort insbesondere das Software Defined Networking: Viel Funktionalität, die früher vornehmlich im Switch – also in echter Netzwerkhardware – implementiert war, ist heute in Software umgesetzt.

Das Monopol brechen

Diese Software muss keinesfalls zwingend auf den Netzwerkgeräten etwa des Cloudsetups laufen: In Open Stack-Clouds sind Switches im Normfall zu doofem Eisen degradiert, das nur Pakete zwischen einzelnen Ports empfängt und zustellt. Das ist übrigens nicht Design-bedingt: Denn moderne Switches sind auch nichts anderes als kleine Server mit sehr vielen Netzwerkanschlüssen.

Damit das klappt, muss die Firmware des Switch aber modular und offen sein. Genau hier scheitert die Theorie oft an der Praxis: Denn proprietäre Betriebssysteme sind gerade keine offenen Systeme. Modifikationen an der Firmware der Geräte können nur in dem Umfang stattfinden, den der Hersteller einräumt.

Dass es auch anders geht, zeigt Cumulus [2]: Das Betriebssystem für Switches lässt sich auf der Whitelabel-Hardware diverser Anbieter installieren und bietet neben einem echten Linux-Kern und einer Distribution auf Basis von Debian auch offene APIs. Die Idee des Netzwerkswitch als einfachem Server wird hier Realität. Mellanox setzt bei seinen Ethernet-Produkten deshalb auf eine Kooperation mit Cumulus: Diverse Mellanox-Geräte lassen sich mit installiertem Cumulus bestellen. Weil skalierbare Setups stetig an Bedeutung gewinnen, hat der Markt offener Netzwerkinfrastruktur ein riesiges Potenzial.

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