Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 10/2016

Beschwingte lange Rille

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An Orten, wo heute vielfach Internetfirmen an innovativen Diensten basteln, waren in den Flower-Power-Jahren 1967 und 68 noch Wiesen, wo sich eine ganze Generation tanzender junger Menschen zu den Klängen des Beatles-Albums "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" die Kleider von den Leibern riss. Abgesehen von ihrer euphorisierenden Wirkung war die achte Beatles-LP auch künstlerisch ein Meilenstein, denn sie gilt als erstes Konzeptalbum der Popgeschichte – will sagen: Die Titel entwickeln beim Hören der LP eine Beziehung zueinander. Was wäre aus den 68er-Blumenkindern geworden, ohne "Sgt. Pepper's"?

Konzeptalben, ebenso Pressungen klassischer Konzerte waren erst seit dem 17. September 1931 möglich. An dem Tag – genau 85 Jahre ist das her – erschien die erste kommerzielle Langspielplatte mit 33 1/3 Umdrehungen. Ohne diese Innovation mit 25 Minuten Laufzeit pro Seite wäre "Sgt. Pepper's" wohl nie herausgekommen – ein klingendes Beispiel für den Einfluss eines Mediums auf die Kunst.

Auf den Tag 60 Jahre nach der Markteinführung der LP stellte Linus Torvalds sein Linux 0.01 in Form von 10 000 Zeilen Sourcecode auf den FTP-Server seiner Uni und machte diesen Umstand in der Newsgroup http://comp.os.minix öffentlich. Der weitere Verlauf ist bekannt. Doch auch über dem 17. September 1991 lässt sich sagen, dass ohne das Medium Usenet Linus wahrscheinlich ein namenloser Programmiersolist geblieben wäre.

Man kann einwenden, dass dies alles eine ebenso nostalgische wie nutzlose Nabelschau sei – die CD löste die Schallplatte ab, und das gekaufte oder geklaute MP3-File bald die CD. Genauso hat das Usenet seine Bedeutung lange eingebüßt und wird allenfalls noch als unwichtiger Google-Dienst angesehen. Wer heute ein Programmierprojekt startet, lässt das vielleicht auf Facebook oder Google+ die Welt wissen.

Andererseits ist eine Rückbesinnung spürbar: Immer mehr Menschen sammeln und hören Schallplatten – zum einen, weil sie den besonderen Klang mögen und die Haptik einer Platte mit ihrem riesigen Cover. Zum anderen sieht und versteht jeder, wie der Tonabnehmer durch die Rille fährt, während eine MP3-Sammlung nur eine mehr oder weniger chaotische Verzeichnisstruktur auf einem seelenlosen und stets gefährdeten Speichermedium ist.

Auch die modernen sozialen Medien verlieren durch private und staatliche Spionage, Hassbotschaften und Zensur, Gesichtererkennung und Fakeprofile ihren Glanz. Wer darf behaupten, die Algorithmen zu kennen, anhand derer man in Facebook etwas zu sehen bekommt – oder eben auch nicht?! War nicht das unregulierte Usenet der bessere Dienst, wo jeder Nutzer Trolle in seinem Client selbst mit kleinstem Aufwand für immer unsichtbar machte?! Nicht jeder ist ein purer Nostalgiker und Technikverweigerer, der ein genormtes und veröffentliches Internetprotokoll einem proprietären und von Werbung nimmermüde flackernden Webdienst vorzieht.

Darum, liebe Mitarbeiter innovativer Internetfirmen: Sollte euer Bürogebäude auf einer früheren Wiese stehen, auf der 1967 Hippies zu "When I'm Sixty-Four" tanzten, dann reißt euch an einem Casual Friday die Kleider vom Leibe und besinnt euch der neuen Einfachheit. (Mit etwas Glück postet niemand die Bilder auf Facebook.)

Falls ihr wider Erwarten festgenommen werdet: Beruft euch auf Kleinerts Leitartikel, die erste Pressung des achten Beatles-Albums und einen ausgewanderten Finnen, der Pinguine liebt, und ihr seid sofort wieder frei.

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