Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 10/2016
© VICHAI LAORAPEEPORNTHONG, 123RF

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VoIP-Clients im Vergleich

Sehr verbindlich

Jenseits von Smartphone oder Festnetztelefon kann es durchaus Vorteile haben, einen PC als Telefon einzusetzen. Über Voice-over-IP-Programme (VoIP) lassen sich beispielsweise Konferenzschaltungen umsetzen. Die Bitparade horcht in vier freie Linux-Kandidaten hinein.

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Auch wenn herkömmliche Telefonprovider mit Flatrates locken, haben Voice-over-IP-Angebote ihre Berechtigung. Sie erlauben beispielsweise preisgünstige Konferenzschaltungen oder beherrschen den Umgang mit Webcams, was es Teilnehmern ermöglicht, Videokonferenzen mit einem oder mehreren Teilnehmern zu starten. Zudem erspart die VoIP-Kommunikation teilweise Infrastrukturkosten: Die Teilnehmer brauchen lediglich einen PC mit entsprechender Software, eine Anbindung ins Internet und optional ein Headset, um die Technologie zu nutzen – herkömmliche Telefone sind nicht nötig. So eignen sich VoIP-Lösungen vor allem auch für Vielreisende im Ausland, die unterwegs per Notebook und über WLAN kommunizieren, ohne teure Roaming-Gebühren zu zahlen.

Protokollarisches

Neben verschiedenen proprietären Lösungen behauptet sich im Bereich der IP-Telefonie seit Jahren das offene SIP-Protokoll (Session Initiation Protocol, [1]), das die freien Software-Applikationen in der Regel verwenden und das optional auch Videotelefonie anbietet.

Ein Vorteil des SIP-Protokolls: Es trennt Transport- und Sitzungsdaten. Es handelt lediglich die Modalitäten der Sitzung zwischen den einzelnen Teilnehmern aus, die eigentlichen Daten übertragen andere Protokolle. Um die Verhandlungen kümmert sich laut SIP-Spezifikation das SDP-Protokoll (Session Description Protocol, [2]), das die zu nutzenden Codecs, Übertragungsprotokolle und IP-Adressen zwischen den Teilnehmern festlegt.

Bei Bedarf verschlüsselt das SIP-Protokoll sowohl die Modalitäten einer Verbindung als auch die eigentlichen Datenströme: Indem es anerkannte Standards wie TLS/SSL und SRTP nutzt, bleiben unbefugte Lauscher draußen. Für Instant Messaging setzen Anbieter auch gern das Off-the-Record-Protokoll (OTR, [3]) ein, was die offene SIP-Architektur im Kontext einer SIP-Sitzung ebenfalls erlaubt.

Bei proprietären Lösungen weiß der Endanwender in der Regel nicht, wer auf die übertragenen Daten zugreift. Insofern eignen sich diese nur bedingt für den professionellen Einsatz, wenn Teilnehmer sensible Informationen austauschen, die nicht in die Hände Dritter gehören.

Kandidaten

Im Test des Linux-Magazins treten Ekiga [4], Jitsi [5], Linphone [6] und Ring [7] an, die unter anderem alle Bildtelefonie, Videokonferenzen, mehrere Protokolle und Instant Messaging unterstützen (vergleiche auch Tabelle 1). Unter den Kandidaten sticht Jitsi als einziges Java-basiertes VoIP-Programm hervor.

Tabelle 1

VoIP-Lösungen im Vergleich

Funktionalität

Ekiga

Jitsi

Linphone

Ring

Plattformübergreifend

ja

ja

ja

ja

Mobile Clients

nein

teilweise

ja

ja

SIP-Unterstützung

ja

ja

ja

ja

Mehrere SIP-Konten

ja

ja

ja

ja

Telefonkonferenz

ja

ja

ja

ja

Videokonferenz / mehrere User

ja / ja (nur 704x576 Pixel)

ja / ja

ja / ja

ja / ja

Audio- und Video-Aufzeichnung

ja

nur Audio

ja

nein

Instant Messaging

ja

ja

ja

ja

Kontaktlisten

ja

ja

ja

ja

Import von Kontakten

eingeschränkt

ja

nein

eingeschränkt

Verschlüsselung

nein

ja

ja

ja

IPv6-Fähigkeit

nein

ja

ja

ja

Alle Applikationen stehen unter freien Lizenzen. Ekiga, Linphone und Ring stammen ursprünglich aus dem Linux-Universum, laufen aber inzwischen auch auf anderen Plattformen und eignen sich somit auch für den Einsatz auf Mobilgeräten wie Tablets. Es gibt weitere VoIP-Alternativen, die aber aus verschiedenen Gründen keinen Eingang in den Test fanden (siehe Kasten "VoIP-Alternativen")

VoIP-Alternativen

Außer den vier vorgestellten VoIP-Programmen finden sich für Linux noch einige weitere Alternativen, die sich jedoch noch in Entwicklung befinden oder kommerzieller Natur sind: Zoiper [8] ist als proprietäres Programm seit Jahren auch für Linux verfügbar, bietet jedoch in der Community-Version lediglich Basisfunktionalität. Vor allem die Option für Konferenzschaltungen, aber auch die eingeschränkte Verfügbarkeit von Codecs vermissten die Tester schmerzlich.

Tox [9] ist als Peer-to-Peer-Dienst ähnlich aufgebaut wie Ring, hält jedoch eine stattliche Anzahl von in verschiedenen Programmiersprachen geschriebener Clientsoftware parat. Das Programm steckt noch in einer frühen Entwicklungsphase, die Clients gibt es nicht für alle Plattformen. Interessierte müssen sie größtenteils manuell installieren.

Viber [10] bietet einige interessante technische Optionen wie den Wechsel von einem Gerät zum anderen während eines Gesprächs oder auch so genannte Sticker-Nachrichten, schied aber aufgrund seines mangelnden Datenschutzes aus dem Test aus.

Bleibt noch das russische, auf Linphone aufbauende Youmagic [11], das derzeit nur in den Repositories der russischen Distribution Rosa Linux wartet. Die Software ließ sich zwar mit Hilfe von »alien« problemlos auf Deb-basierten Distributionen installieren und in Betrieb nehmen, aber das essenzielle Anlegen von Kontakten und Anruferlisten klappte nicht, sodass kein Test möglich war.

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