Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 09/2016
© linux87, 123RF

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Stimmen zum Jubiläum

Auf gutem Weg

Linux hat in den vergangenen 25 Jahren ein breites Ökosystem entwickelt. Es entstanden Messen, Projekte, Verbände und Freundschaften. Hier schreiben Wegbegleiter ihre Gedanken zum Jubiläum

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Das Linux-Magazin hat Menschen nach ihrer Meinung gefragt, die seit vielen Jahren einen Beitrag zum heutigen Erfolg von Linux geleistet haben.

Es lebe die Community

Wie weit ist Linux gekommen und was hat sich in diesen 25 Jahren seit 1991 geändert? Natürlich hat sich einfach die Technologie fantastisch entwickelt. Linux, hier meine ich den Kernel selbst, anfangs auf Single-Thread, Intel-only und auf 32 Bit beschränkt, läuft jetzt auf vielen Architekturen. Linux treibt heute einige der schnellsten und größten Rechner der Welt an – und auch die kleinsten. Es läuft auf Servern, Desktops, Laptops, Smartphones und Tablets.

In den alten Tagen bedurfte es einer komplizierten Installation, bei der es nötig war, die Grafikkarte zu spezifizieren sowie deren Speicherausbau und Taktrate und weitere Hardware-Details. Jetzt gibt es eine Vielzahl von Druckern, Plottern und sonstigen Peripheriegeräten, die unterstützt werden, es ist wundervoll.

Aber auch oberhalb der Kernel-Ebene entwickeln sich die Dinge prächtig. Die Installationen der meisten Distributionen verlaufen reibungslos. Viele Sprachen sind im Angebot, die nationalen Tastaturlayouts funktionieren ebenso wie die unterschiedlichen Zeitzonen.

Die GNU-Compiler sind in mehrerer Hinsicht viel effizienter als in den Anfängen, sowohl gemessen an der Geschwindigkeit für das Kompilieren als auch bei der Qualität des resultierenden Codes. Bibliotheken und Utilities funktionieren, und die Free Software Foundation hat ihren Wirkungskreis erweitert und beackert immer mehr Bereiche. Projekte wie Sourceforge und Github erleichtern die Zusammenarbeit immens und viele anderen Projekte wie Odoo und Bender ermöglichen den Einsatz von Linux und Android im Tagesgeschäft.

Die Nutzung freier Software hat sich von einem Spielplatz für Geeks und Weirdos zu einer Mainstream-Bewegung gemausert, heute werden die IT-Verantwortlichen in Firmen gefragt: "Wie sieht deine Open-Source-Strategie aus?"

All diese Technologien sind wunderbar und werden sich weiterentwickeln. Dennoch sind sie für mich nicht der wichtigste und befriedigendste Aspekt der ganzen Sache. Ich glaube, die beteiligten Menschen sind der bemerkenswerteste Faktor. Um das zu verstehen, gehe ich weiter zurück als 25 Jahre.

Es wäre bequem zu denken, dass alles einfach seinen Weg ging. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es immer Menschen gab, die neue Ideen und Möglichkeiten entwickelt haben und über die wir damals den Kopf geschüttelt hätten. Flottillenadmiral Grace Murray Hopper etwa verfolgte die Vision, dass es eine höhere Sprachebene als die Einsen und Nullen des Maschinencodes geben müsse, um Computer zu programmieren. Die Leute lachten sie dafür aus, aber sie führte schließlich das Team an, das Cobol entwickelte.

Ken Thompson und Dennis Ritchie starteten Unix an den Bell Laboratories. Dennis hat später C entwickelt, damit sich das Unix-Betriebssystem leichter bauen und portieren lässt. Douglas McIlroy von den Bell Laboratories konzipierte das Pipes-und-Filter-System für den Datenfluss und schrieb die paar ersten Unix-Kommandos, um zu demonstrieren, wie das System funktioniert.

Richard Stallman wollte ein komplett freies Betriebssystem entwerfen: "Frei wie in Freiheit, nicht wie ,Frei' in Bier." Er und seine GNU-Kumpane haben eine Reihe nützlicher Programme, Bibliotheken, Compiler und Werkzeuge entwickelt, die es ermöglichen, die gleichen Programme über Betriebssystemgrenzen hinweg zu nutzen. Damit machte er Leute auf die Mission der Free Software Foundation aufmerksam, die er ebenfalls initiiert hat.

Die Entwickler an der Universität von Berkeley, die an BSD Unix arbeiteten, machten es – statt AT&T Unix – zum System der Wahl für viele kommerzielle Unix-Anbieter. Kirk McKusick, Eric Allman und Bill Joy – mit vielen anderen, die zur Berkeley Software Distribution beigetragen haben – brachten dann Net BSD, Free BSD und Open BSD hervor.

Dr. Thomas Sterling und Donald Becker von der NASA waren die Pioniere des Beowulf-Systems, heute nennen wir das High Performance Computing (HPC). Natürlich ist auch Linus Torvalds zu nennen, den ich im Mai 1994 kennengelernt habe und der mir seine Vision nahegebracht hat, mit Linux nicht nur ein freies Betriebssystem zu schaffen, sondern einen großen Betriebssystemkernel.

Die meisten hier aufgezählten Leute waren Technologen, es gab aber auch viele Geschäftsleute, die das Potenzial von freier und Open-Source-Software sahen und sich dafür einsetzten.

Ich schätze mich glücklich, diese Menschen persönlich gekannt zu haben, und viele mehr, die ich nicht alle aufzählen kann. Viele dieser Wegbegleiter nannten mich Freund. Ich fühle mich geehrt, diesen Titel tragen zu dürfen. Und deshalb ist für mich die wichtigste und wundervollste Sache an Linux die Community. Sie möge lange leben und gedeihen.

Jon "Maddog" Hall hat sich schon lange vor Linux mit IT beschäftigt und gilt als Urgestein der Open-Source-Bewegung. Er nimmt das Jubiläum zum Anlass, die Erinnerungen an jene Pioniere und Idealisten aufzufrischen, die für Linux & Co den Weg bereitet haben.

Institution Linuxtag

Freitags um 14 Uhr versammelte sich die Unix-AG der Universität Kaiserslautern in den 1990er Jahren zu ihren öffentlichen Treffen (mittlerweile finden die Zusammenkünfte dienstagabends statt). Seit 1993 kamen Studenten aller Fachrichtungen zusammen, um erste Erfahrungen an Unix-Rechnern zu sammeln, das Internet zu nutzen und sich im Umgang mit Rootrechten zu üben. Viele dieser Tätigkeiten waren zu der Zeit einigen Auserwählten vorbehalten.

Die Studenten dagegen schrieben Anträge an das Bildungsministerium, kauften damit erst eine Sparc-Station 10 (Pizza), staubten tonnenschwere NCR-Unix-Rechner mit Notstromversorgung auf 68k-Prozessorbasis ab (Combinazione) und erprobten auf der Intel-386-Plattform die Einsatzfähigkeit des damals größten Hype im Betriebssystemzirkus: Linux. Das hatte damals noch einen schweren Stand gegen die Intel-Version von Solaris und diverse BSD-Derivate (Sushi).

Im damals wie heute alle Klischees erfüllenden Kellerraum der Hochschule betrieb die Gruppe erst einen Disketten-, dann einen CD-Verleih, private Downloads waren praktisch undenkbar. Auch das Linux-Magazin lag ab 1995 im Untergeschoss von Gebäude 34 nahe der Bibliothek aus. Auf einer dieser wöchentlichen Treffen entstand die Idee des Linuxtags: Der Gedanke hinter dem freien Betriebssystem sollte aus dem Keller ans Tageslicht und zur Begutachtung an ein breiteres Publikum getragen werden.

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