Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 09/2016

Aber bitte mit Sahne

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Wenn 19 000 Gäste geladen sind, dann funktioniert nicht mehr jede Partylocation. US-Baseballstadien wie das "Safeco Field" in Seattle dagegen sind geeignet. Microsoft hatte sein 25-jähriges Firmenjubiläum Mitte 2000 mit seinen Mitarbeitern dort gefeiert. Das Highlight der Veranstaltung für viele: Der im Januar desselben Jahres zum neuen Firmenchef gekürte Steve Ballmer sprang aus einer riesigen Geburtstagstorte. Der Brachialhumor des Tortensprungs passt gut zum jeder Form von Subtilität unverdächtigen Ballmer (Spitzname: Monkeyboy).

Ob der zweite Gastgeber des 25. Microsoft-Geburtstags, Gründer Bill Gates, ein ähnlich robustes Verhältnis zu Torten hatte, ist sehr fraglich. Zwei Jahre zuvor war er nämlich in Brüssel Opfer eines mehrfachen Torten-Attentats geworden. Noël Godin, der Anführer der Tortergruppe, wirft bereits seit 1969 die an Schlagsahne reiche Tarte classique nach Menschen, die er für herausragend selbstgerecht und humorlos hält. Das Godin-Opfer Gates steht in einer gedemütigten Reihe mit Leuten wie Marguerite Duras, Jean-Luc Godard, Bernard-Henri Lévy und Nicolas Sarkozy.

Wenn sich also ein zuvor multipel Getorteter mit einem enthusiastischen Tortenspringer freiwillig eine rutschige Bühne teilt, spricht viel dafür, dass es um etwas Größeres ging als um hundert Kilo Buttercreme, nämlich um ein Vierteljahrhundert Softwarekonzern und die Gelegenheit, die Mitarbeiter auf Kurs zu halten. Denn die Geschäfte liefen nicht in allen Bereich mehr so rund wie für einen Quasimonopolisten gewohnt. Zwar hatte es Spätstarter Microsoft gerade geschafft, Netscape im so genannten Browserkrieg niederzuringen. Beim Betriebssystem für Server sorgten die gut funktionierenden Folgen des neun Jahre zuvor gestartet Hobbyprojekts eines finnischen Studenten für eine unschöne Konkurrenz, gegen die mit Geld aus der Kriegskasse nicht anzukommen war.

Wie im Jahr 2000 Microsoft feiert im August 2016 Linux seinen 25. Geburtstag. Es ist auszuschließen, dass die Linux Foundation 19 000 Gäste in ein Baseballstadion einlädt. Auch lässt sich die Prognose wagen, dass Hobbytaucher Linus Torvalds als Schaumgeborener nicht aus dem Kunstwerk eines Konditors steigt. Das muss alles auch nicht sein – Bescheidenheit ist beim Rückblick auf Steve Ballmer zweifellos ein zivilisatorischer Fortschritt.

Bei den Planungen zu dieser Linux-Magazin-Ausgabe hatte die Redaktion jedoch den Eindruck gewonnen, dass Bescheidenheit auch die hübsche Schwester der tranigen Gleichgültigkeit sein kann. Fast alle Interview- und Gastkommentaranfragen an Linux-Prominente liefen ins Leere oder scheiterten an plötzlichen Japanreisen. Pläne für Aktivitäten anlässlich der Jubiläums existierten nicht, und mancher war überrascht vom bevorstehenden Ereignis.

Drum etwas mehr Aufmerksamkeit, bitte! Selbst Microsoft beherrscht diese Disziplin – zumindest manche Entwickler der Firma: 2006, 2008 und 2011 schickte das Internet-Explorer-Team den Konkurrenten von Mozilla je eine beschriftete Glückwunschtorte zum Start von Firefox 2, 3 und 4. Ob der Godin-getortete und dem Tagesgeschäft entfremdete Bill Gates davon weiß? Dafür hat die Torte keine Worte.

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