Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 09/2016
© Antonio Oquias, 123RF

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Besichtigungstour zu den skurrilsten Linux-Distributionen

Ein wilder Ritt

Seit den frühen 90ern schießen die Linux-Distributionen wie Pilze aus dem Boden. Das Linux-Magazin blickt zurück auf ein paar besonders erstaunliche oder schräge Exemplare.

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Auch wenn die Syntax anderes vermuten lässt, steht der Name des klassischen Linux-Tools »awk« nicht für Awkward (zu Deutsch etwa "tolpatschig"), sondern für die Namen seiner Autoren, nämlich Alfred Aho, Peter Weinberger und Brian Kernighan. Kryptische Namen zu geben sei eine lange etablierte Unix-Tradition, heißt es auf einer Seite des Debian-Wiki [1], die sich mit den Namen traditioneller Linux-Tools beschäftigt.

Abbildung 1: Nur ein kleiner Ausschnitt aus dem umfangreichen Stammbaum der Linux-Distributionen. Die Grafik wartet unter http://futurist.se/gldt/.

Denn, steht dort weiter, häufig halten Entwickler die Namen ihrer Tools für selbsterklärend oder sie glauben, dass sie die User ohnehin nicht interessieren. Dieser Denkschule folgen offensichtlich viele Macher der mehr als 500 Linux-Distributionen weltweit (Abbildung 1, [2]). Bereits die frühen Vertreter trugen wahlweise kryptische Abkürzungen (LSD, LST, DLD) oder recht merkwürdige Namen wie Yggdrasil (Abbildung 2).

Abbildung 2: Yggdrasil gehörte zu den frühen Linux-Distributionen und ließ sich von einer CD starten.

Das Linux-Magazin nimmt das Jubiläum "25 Jahre Linux" zum Anlass, eine (zugegeben unvollständige) Typologie seltsamer Linux-Distributionen aufzustellen, denn in den zweieinhalb Jahrzehnten kreuzte eine Menge von ihnen unseren Weg. Während einige davon noch putzmunter in die Zukunft blicken, ist bei anderen nicht recht klar, welche Zielgruppe sie anpeilen oder ob sie überhaupt noch am Leben sind.

Linux für Zombies

Apropos untot: Die passende Linux-Distribution für Zombies ließ sich recht einfach ermitteln. Sie heißt Undead Linux aka Evil Entity [3] und hauchte 2003 trotzdem ihr Leben aus. Das heißt, die zugehörigen Domains sind frei, möglicherweise geistern im Bittorrent-Universum noch Kopien umher, auf der Suche nach Gehirnen von Linux-Nutzern. Evil Entity, das "böse Wesen", ist übrigens der Erzfeind der Comicfigur Scooby Doo und laut einem Wikia-Eintrag eine "schwebende Masse dunkelgrüner Tentakel". Wer sofort an Suse als perfekte Basis für Evil Entity denkt (Grün!), liegt falsch. Tatsächlich basierte Evil Entity auf Slackware und setzte auf einen eher düster anmutenden Enlightenment-Desktop (Abbildung 3).

Abbildung 3: Ein tschechisches Blog erlaubt noch einen nachträglichen Eindruck von Evil Entity, das Enlightenment als Desktopumgebung nutzte, aber inzwischen nicht mehr unter uns weilt.

Als näher am Leben erwies sich der Fokus der Distribution, der auf dem Abspielen von Multimedia-Dateien lag – sie wollten doch nur Filme schauen.

Je kaputter, desto besser

Auch Void Linux [4], der Name steht je nach Übersetzung für "gleichgültig" oder "nichtig", wurde einst von seinem Hauptentwickler schon für tot erklärt. Das Ganze stellte sich aber als Aprilscherz heraus [5], die totgeglaubte Distribution schaffte es kürzlich gar auf den Titel der Ausgabe 04/16 der Linux-Magazin-Schwester "Linux User".

Hervorstechende Features der Rolling Release sind ein eigenes Buildsystem, ein selbst entwickeltes Paketsystem namens Xpbs und der Verzicht auf Systemd. An dessen Stelle setzt Void-Linux, das darauf besteht, kein Fork einer anderen Distribution zu sein, auf Runit [6].

Einen absoluten Sonderfall bietet Damn Vulnerable Linux (DVL, [7]). Wie ein guter Wein wird das infektiöse Linux selbst nach seinem Ableben immer besser. Thorsten Schneider, ein Dozent der Uni Bielefeld, hatte 2007 Version 1.0 von DVL als Admin-Albtraum voller Sicherheitslücken veröffentlicht, damit Sicherheitsforscher mit ihr experimentieren. Seit 2012 entwickelt offenbar niemand mehr das auf Debian und Damn Small Linux basierende DVL weiter, womit die Zahl der nicht behobenen Sicherheitslücken naturgemäß wächst – in diesem Fall eine klassische Win-Win-Situation.

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