Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 09/2016
© stockfotoart, 123RF

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Office-Pakete im Test

Licht und Schatten

Im Büro spielen die Interoperabilität und die Kooperationsfähigkeit einiger Anwendungsprogramme eine gewichtige Rolle. Die Bitparade nimmt sich vier große Office-Suiten für Linux zur Brust und prüft, wie gut diese mit Fremdformaten zurechtkommen.

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Office-Suiten gehören zu den am häufigsten genutzten Programmen überhaupt. Daher packt jede Desktop-Linux-Distribution sie beim Installieren mit auf die Festplatte. Doch während sich die Funktionen der freien Textverarbeitungen, Präsentationsprogramme und Tabellenkalkulationen jenseits der Microsoft-Welt kaum unterscheiden, wollen die integrierten Programme durch Zusatznutzen und eigene Bedienkonzepte beim Anwender punkten.

Zwei Schlüsselfragen dabei lauten, wie kompatibel sie zu den Microsoft-Formaten sind und ob industrielle Anbieter Support für sie leisten. Sie entscheiden wesentlich über den Erfolg oder Misserfolg eines Office-Produkts mit.

In der Bitparade treten Libre Office 5.0.6 [1], Apache Open Office 4.1.2 [2], Softmaker Office Professional 2016 [3] und WPS Office 10.1.0.5672 [4] an, um ihre Praxistauglichkeit in historisch gewachsenen Umgebungen mit ursprünglich anderen Office-Suiten unter Beweis zu stellen (Tabelle 1). Neben der Interoperabilität untersucht der Artikel zudem Oberflächliches: Die besten Konvertierungsfilter für fremde Dateiformate nutzen wenig, wenn das Office-Programm kaum zu bedienen ist und daher Anwender die Software nur zögerlich einsetzen.

Tabelle 1

Office-Lösungen im Vergleich

Merkmale

Open Office

Libre Office

Softmaker Office

WPS Office

Lizenz

LGPL

Mozilla Public License

proprietär

proprietär

Versionsnummer

4.1.2

5.0.6

Professional 2016

10.1.0.5672

Textverarbeitung

ja

ja

ja

ja

Tabellenkalkulation

ja

ja

ja

ja

Präsentationen

ja

ja

ja

ja

Datenbank

ja

ja

nein

nein

Zeichenprogramm

ja

ja

nein

nein

Formeleditor

ja

ja

nein

nein

Rechtschreibprüfung

ja

ja

ja

ja

Zusatzlexika

nein

nein

ja

nein

Eigene Makrosprache

ja

ja

ja

ja

Vorlagenverwaltung

ja

ja

ja

ja

PDF-Export

ja

ja

ja

ja

Epub-Export

nein

nein

ja

nein

MS-Office-Import

ja

ja

ja

ja

ODF-Format-Import

ja

ja

ja

nein

MS-Office-Export

ja

ja

ja

ja

ODF-Format-Export

ja

ja

ja

nein

Preis

kostenlos

kostenlos

60 Euro (Standard)

kostenlos (Linux), 77 Euro (Professional)

Auch das Kommentieren von Texten ist in vielen Unternehmen an der Tagesordnung, es sollte intuitiv und paketübergreifend klappen. Der Artikel berücksichtigt zudem, wie weit die Oberflächen der Office-Suiten gängigen Standards entsprechen und wie schnell Durchschnittsnutzer damit zurechtkommen.

Last but not least betrachtet der Test, wie gut sich die Testkandidaten in bestehende Unternehmensinfrastrukturen einfügen. Dabei steht und fällt der Nutzen einer Büroanwendung mit den Schnittstellen, die Drittanbieter für das Office-Programm bereitstellen, damit es Teil einer integrierten Lösung werden kann.

Formatchaos

Auf den nach Marktanteilen führenden Betriebssystemen Windows und OS X hat sich Microsoft Office als Standard fest etabliert. Die Redmonder haben im Laufe der Jahre nicht nur viele neue Office-Versionen, sondern auch modifizierte Dateiformate eingeführt: Office-Dokument ist nicht gleich Office-Dokument. Fehlt die Abwärtskompatibilität, können User neue MS-Office-Dokumente nicht mehr auf älteren Versionen öffnen.

Die alternativen Bürosuiten müssen eine Vielzahl von MS-Office-Formaten unterstützen, um universell von Nutzen zu sein. Neue Konvertierungsfilter zu entwickeln ist für die Programmierer dabei alles andere als trivial: Vom so genannten Office-Open-XML-Format (OOXML) gibt es drei unterschiedliche, zueinander inkompatible Standards, und die Formatspezifikationen umfassen mehr als 6000 Seiten [5].

Ein weiteres Problem ergibt sich aus den verschiedenen Skript- und Makrosprachen für die in Dokumente eingebetteten Makros: Während Microsoft auf seinen VBA-Dialekt setzt (Visual Basic for Applications), nutzen Libre Office und Open Office zwar ebenfalls Basic-Code, verwenden jedoch eine andere Methodik und unterschiedliche Objekte. Auch die anderen Probanden stellen eigene Basic-Dialekte als Makro- und Skriptsprache bereit, sodass es bei Dokumenten mit Makros in einem MS-Format in aller Regel nicht ohne Reibereien abgeht.

Apache Open Office

Zuerst steigt Apache Open Office (AOO, [2]) in den Ring. Die Bürosuite zählt mit ihren Ursprüngen im Jahr 2000 zu den ältesten alternativen Office-Paketen größeren Umfangs. Die ersten Versionen basierten gar auf dem Quellcode von Star Office, das die Hamburger Firma Star Division seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte.

Open Office steuerte 1999 mit dem Verkauf der Firma an Sun Microsystems und 2009 an Oracle auf eine wechselvolle Geschichte zu. In den letzten Jahren hat der einstige Shooting Star unter den Bürosuiten massiv an Präsenz auf dem Markt verloren. Zugleich schrumpfte die Entwickler-Community signifikant, nachdem der neue Eigentümer Oracle durch restriktive Lizenzbedingungen im Jahr 2010 viele freie – und zugleich sehr engagierte – Programmierer massiv vor den Kopf stieß. Sie wanderten in Scharen zu der neu gegründeten Document Foundation ab und arbeiteten an dem aus Open Office abgeleiteten Büropaket Libre Office weiter.

Obwohl Oracle im Jahr 2012 die Open-Office-Rechte an die Apache Software Foundation [6] übergab, gelang es nicht, den Aderlass an qualifizierten Mitarbeitern wettzumachen, weshalb neue Releases von Open Office nur zögerlich erscheinen. Die aktuelle Version 4.1.2 ist seit Ende Oktober 2015 zu haben [7]. Für Linux gibt es Apache Open Office als vorkompiliertes Tar.gz-Archiv für 32- und 64-Bit-Architekturen [8]. Das nur rund 170 MByte große Archiv enthält je nach Plattform RPM- oder Deb-Pakete (32 und 64 Bit), zielt also auf die großen Linux-Paketverwaltungssysteme ab und liegt in vielen Sprachen vor.

Im Test fiel jedoch die 64-Bit-RPM-Variante unter Rosa Linux Desktop Fresh R7 durch: Hier ließ sich das Paket zwar installieren, jedoch nicht starten. Da der Autor keine aussagekräftigen Log-Einträge für die Ursache des Fauxpas fand, ließ er AOO auf dem russischen Mandriva-Abkömmling außen vor.

Nach der erfolgreichen Installation findet der User in seiner Menüstruktur im Unterordner »Büroprogramme« einige neue Einträge: Open Office legt für jedes einzelne Modul einen eigenen Starter an und noch einen für den Auswahlbildschirm, über dessen Oberfläche er die einzelnen Applikationen per Mausklick auswählt (Abbildung 1).

Abbildung 1: Open Office bietet beim Start einen Auswahlbildschirm.

Als ausgewachsenes Büropaket liefert Open Office zusätzlich zu den drei Standardanwendungen Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationsprogramm auch eine Datenbank und einen integrierten Formeleditor für mathematisch-naturwissenschaftliche Formeln mit. Außerdem ist mit Draw ein Vektor-basiertes Zeichenprogramm integriert. Die einzelnen Komponenten der Bürosuite verknüpfen dabei Daten untereinander und tauschen sie aus, externe Konvertierungen sind nicht nötig.

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